Suchen

Keine Prämie für Verbrenner: Kfz-Branche zeigt sich enttäuscht

| Autor / Redakteur: Doris Pfaff / Doris Pfaff

Mit großer Enttäuschung reagierte der ZDK auf das Ergebnis zum Konjunkturpaket des Bundes. Die Autohändler hätten jetzt dringend eine Kaufprämie als Kaufanreiz benötigt, um ihre Höfe leer zu bekommen. Auch der VDA hatte mehr erhofft.

Firmen zum Thema

„Leider ist die ökonomische Vernunft vor dem Populismus und den Verlockungen der Gießkannenpolitik eingeknickt“, kommentiert ZDK-Präsident Jürgen Karpinski das Konjunkturpaket.
„Leider ist die ökonomische Vernunft vor dem Populismus und den Verlockungen der Gießkannenpolitik eingeknickt“, kommentiert ZDK-Präsident Jürgen Karpinski das Konjunkturpaket.
(Bild: Michel / »kfz-betrieb«)

Mit Unverständnis und Enttäuschung reagierte der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) auf das von der Großen Koalition verkündete Konjunkturpaket. „Damit wurde der krisengeschüttelten Automobilwirtschaft mit ihren 1,3 Millionen Beschäftigten ein Bärendienst erwiesen“, lautete das Resümee von ZDK-Präsident Jürgen Karpinski zur Beschränkung der Verkaufsanreize auf die ohnehin schon subventionierten Fahrzeuge mit alternativen Antrieben.

Wirtschaftlich sei dies, so Karpinski, nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein und verwies auf die vollen Höfe der Automobilhändler, wo unverkaufte Neuwagen mit modernsten Verbrennungsmotoren im Wert von rund 15 Milliarden Euro stünden. Die auf sechs Monate befristete allgemeine Mehrwertsteuerabsenkung von 19 auf 16 Prozent könne dies nicht annähernd kompensieren.

„Leider ist die ökonomische Vernunft vor dem Populismus und den Verlockungen der Gießkannenpolitik eingeknickt“, machte Karpinski seinem Unmut Luft. Der einzig positive Aspekt sei, dass die wochenlange Hängepartie zum Thema Kaufprämie und damit die Ursache für eine massive Kaufzurückhaltung der Verbraucher sich jetzt endlich erledigt habe. „Nun kann der Kunde wieder kaufen, ohne Angst haben zu müssen, sich einen staatlichen Zuschuss entgehen zu lassen“, so Karpinski.

Vizepräsident Thomas Peckruhn kritisierte, die zeitliche Befristung der Mehrwertsteuersenkung „schafft uns ein Bürokratiemonster.“ Bis Juli nehme kein Kunde mehr sein Auto ab. Wenn ein im zweiten Halbjahr bestelltes Auto erst im Januar geliefert werde, schaffe das zusätzlichen Ärger und Verdruss. Für den Autohandel sei das „welt- und realitätsfremd“.

Weiterer verlorener Verkaufsmonat droht

Als „kontraproduktiv für den Kfz-Handel und die Automobilwirtschaft“ bezeichnete auch der Kfz-Landesverband Baden-Württemberg das Ergebnis der langen Beratungen in Berlin. „Steine statt Brot“, so Präsident Michael Ziegler, habe das Konjunkturpaket des Bundes gebracht. Wegen eines fehlenden Kaufanreizes für schadstoffarme Verbrenner und die alleinige Fokussierung auf elektrische Antriebe rechne er mit keinen „nennenswerten Konjunktureffekten“.

Weder könnten Hersteller in ausreichender Stückzahl Fahrzeuge mit Elektroantrieben auf den Markt bringen, noch seien die infrastrukturellen Voraussetzungen dafür gegeben. Mit Blick auf Frankreich fürchtet Ziegler gar eine Benachteiligung der deutschen Automobilwirtschaft. Denn in Frankreich fördere der Staat mit acht Milliarden Euro und einer Abwrackprämie seine Automobilwirtschaft. „Es droht die Gefahr, dass die deutsche Schlüsselbranche mit Kfz-Gewerbe, Zulieferern und Herstellern durch die jetzigen politischen Weichenstellungen international ins Hintertreffen gerät“, glaubt Ziegler.

Als „extrem problematisch“ sieht er auch die Entscheidung, die Mehrwertsteuer, erst ab dem 1. Juli zu senken. Denn das bedeute, dass auch der Juni als Verkaufsmonat verloren sei, weil Kunden nach der Hängepartie um die Entscheidung einer Kaufprämie nun noch einige Wochen abwarteten, um sich zumindest die drei Prozent Erlass zu sichern. Grundsätzlich hält Ziegler jedoch die Mehrwertsteuersenkung für besser als eine reine Neuwagenprämie, weil davon nun auch der Gebrauchtwagenhandel profitieren könne, wenn auch deutlich geringer als bei einer Kaufprämie.

Abverkauf kann beginnen

Der bayerische Kfz-Landesverband setzt unterdessen unter dem Motto „der Kfz-Handel kann durchstarten“ einen Haken hinter die Diskussion um die Kaufprämie. „Es ist wichtig, dass die Bundesregierung eine Entscheidung getroffen hat. Damit ist die Hängepartie der vergangenen Wochen endlich vorbei“, sagt Präsident Albert Vetterl.

Das beschlossene Konjunkturpaket schaffe sowohl für Innungsbetriebe als auch für Kaufinteressenten Planungssicherheit. Die zuletzt kontrovers geführte politische Debatte um die mögliche Einführung einer Kfz-Prämie hatte Kunden in ihrem Kaufverhalten massiv beeinflusst und den Autohandel im Mai dadurch quasi lahmgelegt. „Jetzt sind für Händler und Käufer endlich die Spielregeln klar. Unsere mittelständischen Kfz-Händler können nach fünf Wochen Lockdown und vier Wochen Prämiendiskussion jetzt durchstarten“, so Vetterl.

Das Preisniveau sei für Kunden momentan hochattraktiv, weshalb das bayerische Kfz-Gewerbe bereits zu Beginn der Prämiendiskussion ein Anreizprogramm abgelehnt hatte. Nun könne der Abverkauf endlich beginnen. Attraktive Angebote für Kunden gebe es reichlich, egal ob Neuwagen, junge Gebrauchte oder Tageszulassungen.

VDA: Mehrwertsteuersenkungen sollen beim Kunden ankommen

Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) zeigt sich enttäuscht, dass die Vorschläge der Automobilindustrie zur Stärkung der Branche vom Bund „nur zum Teil“ aufgenommen wurden. Denn um wettbewerbsfähig zu bleiben, benötige die deutsche Automobilindustrie „weiterhin einen Mix an Angeboten, der auch moderne und effiziente Verbrenner umfasst“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer und die Verdopplung der Umweltprämie für E-Autos setze dennoch positive Impulse für das Kaufinteresse, glaubt Müller. Um sicherzustellen, dass die Mehrwertsteuersenkung tatsächlich bei den Kunden ankommt, haben die im VDA organisierten Hersteller zugesagt, alle Voraussetzungen dafür schaffen zu wollen.

Als wichtigen Baustein des Konjunkturpakets nennt Müller den Beschluss des Bundes, sich für ein europäisches Flottenerneuerungsprogramm für Nutzfahrzeuge einzusetzen. Entsprechende Gespräche mit Brüssel wolle der VDA alsbald führen und auch die Umsetzung weiterer beschlossener Maßnahmen mit konstruktiven Vorschlägen unterstützen.

Insgesamt positiv bewertet der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) den Beschluss. VDIK-Präsident Reinhard Zirpel sagte: „Die Bundesregierung legt damit den Grundstein für eine wirtschaftliche Erholung nach der schweren Krise. Das Gesamtpaket kann einen breiten Konjunkturimpuls geben, von dem alle betroffenen Branchen profitieren.“ Darüber hinaus schiebe das Programm weitere Innovationen in der Mobilität an. „Die verstärkte Förderung der alternativen Antriebe, der Ladeinfrastruktur sowie von umweltfreundlichen Nutzfahrzeugen weisen in die richtige Richtung“, so Zirpel.

(ID:46633684)