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Kfz-Gewerbe: Einbruch auf dem Ausbildungsmarkt zeichnet sich ab

| Autor: Doris Pfaff

Die Coronakrise wirkt sich offenbar deutlicher auf den Ausbildungsmarkt aus als zunächst angenommen. Stellenweise hat das Kfz-Gewerbe bislang für das Ausbildungsjahr 2020 bis zu 29 Prozent weniger Verträge abgeschlossen als im Vorjahr. Das ergab eine Abfrage von »kfz-betrieb« bei den Landesverbänden.

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Einbrüche bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen zeichnen sich vor allem auch bei den Automobilkaufleuten ab.
Einbrüche bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen zeichnen sich vor allem auch bei den Automobilkaufleuten ab.
(Bild: Promotor)

Die Unsicherheiten auf dem Ausbildungsmarkt scheinen aktuell groß zu sein – aufseiten der Bewerber wie auch bei den Betrieben. Wirtschaftliche Unsicherheiten, die anhaltende Krise, Kurzarbeit, fehlende Berufsinformationstage und gestrichene Praktika werden als Gründe für die Einbrüche auf dem Ausbildungsmarkt genannt. Dennoch macht das Kfz-Gewerbe noch keinen Haken hinter das Ausbildungsjahr, sondern hofft darauf, dass es lediglich verschoben ist: Viele Betriebe bemühen sich weiterhin um Bewerber für 2020.

Weil die Zahlen für das ganze Jahr noch nicht vorliegen, müssen die Ergebnisse mit Vorsicht und unter Vorbehalt betrachtet werden. Dennoch ist der Negativtrend erkennbar. Bundesweit betrachtet fällt die aktuelle Bilanz sehr unterschiedlich aus. Während beispielsweise das Kfz-Gewerbe in Hamburg und im Saarland jeweils in den Betrieben einen Rückgang bei den Kfz-Mechatronikern um derzeit 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr meldet, zeichnet sich in Rheinland-Pfalz allenfalls ein kleines Minus ab. Die Aussagen aus den Landesverbänden beziehen sich teilweise auf eigene Umfragen in den Innungen, auf Angaben der Handwerkskammern und auf das komplette Jahr 2019.

Auch wenn für den korrekten Vergleich die Monate Oktober bis Dezember fehlen, ist bereits ein Trend erkennbar, der sich nicht mehr durch Nachzügler und später eingetragene Ausbildungsverhältnisse umkehren lasse, ist sich Dietmar Hoffmann, Geschäftsführer des Landesverbands Thüringen, sicher: „Wir haben aktuell im Vergleich zu 2019 eine klare Tendenz und bei allen Kfz-Berufen einen Rückgang von insgesamt 18 Prozent.“

Bei den Kfz-Mechatronikern gehe der Landesverband Thüringen derzeit von einem Minus von 11 Prozent aus, bei den Automobilkaufleuten sogar von einem Einbruch von 39 Prozent. „Ich glaube nicht, dass das noch wettgemacht werden kann. Es ist eine klare Zurückhaltung im Kfz-Handwerk und bei den Autokaufleuten erkennbar, selbst wenn der Abfragezeitraum nicht genau identisch ist“, sagt Hoffmann.

Thüringen: Minus 18 Prozent durch Corona

Für Hoffmann ist die Coronakrise als „Bremsklotz“ klar erkennbar: „Viele Betriebe sind oder waren in Kurzarbeit und haben die Erfahrung gemacht, dass das mit Azubis nicht möglich ist.“ Entsprechend zurückhaltend seien nun die Ausbildungsbetriebe für das nächste Ausbildungsjahr. Ob die Ausbildungsprämie aus dem Konjunkturpaket wirkungslos sei, könne er nicht beurteilen. „Grundsätzlich ist das schon ein gutes Instrument, vielleicht wäre der Einbruch ohne die Prämie noch größer.“ Die Konsequenzen für den Landesverband Thüringen seien klar: „Bei uns steht die Nachwuchsarbeit und -gewinnung ganz oben auf der Agenda“, sagt Hoffmann.

Hamburg: Minus 29 Prozent durch Insolvenzen und Corona

Sehr deutlich zeichnet sich der Einbruch bei den Betrieben im Landesverband Hamburg ab. „Von einem extrem hohen Niveau kommend, müssen wir in diesem Jahr einen Rückgang der Ausbildungszahlen um etwa 29 Prozent hinnehmen“, sagt Geschäftsführer Martin Rumpff. Bitter sei dies, weil sonst die Hamburger immer noch einen Zuwachs zwischen 7 und 13 Prozent im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahren vorweisen konnten. Neben den Unsicherheiten durch die Coronakrise wirke sich hier die Insolvenz der Wichert-Gruppe aus, die sonst jährlich rund 30 neue Azubis für den Kfz-Mechatroniker eingestellt habe.

Sachsen: Minus 15 Prozent

Der Landesverband Sachsen machte ebenfalls einen deutlichen Rückgang bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen aus und konnte einen taggenauen Vergleichszeitraum (Stichtag 31. August) zum Vorjahr vorlegen. Bei den Kfz-Mechatronikern sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 17 Prozent, bei den Autokaufleuten um 25 Prozent.

In Sachsen-Anhalt und in Schleswig-Holstein erscheint der Einbruch mit einem Minus zwischen vier und fünf Prozent im Vergleich dazu noch milde. Ähnlich scheint es bei den Betrieben in Bayern zu sein. Die Ausbildungsbereitschaft sei weiterhin hoch, lediglich bei den kleineren Betrieben (unter fünf Mitarbeitern) seien negative Tendenzen erkennbar, erklärte Geschäftsführer Dirk Weinzierl. Das habe eine inoffizielle Umfrage ergeben, wonach 72 Prozent der Betriebe erklärt haben, weiterhin uneingeschränkt auszubilden, 60 Prozent gaben an, grundsätzlich auszubilden.

Baden-Württemberg: Minus 14 Prozent auch durch Umstrukturierung

Auch in Baden-Württemberg scheint ein Negativtrend erkennbar. Die Handwerkskammer zählte mit Stand vom 30.September 35 Prozent weniger neu abgeschlossene Ausbildungsverträge bei den Autokaufleuten und 14 Prozent weniger bei den Kfz-Mechatronikern, allerdings im Vergleich zum Vorjahresstand vom 31. Dezember 2019. Neben der Coronakrise vermutet der Landesverband, dass sich die Umstrukturierung der Branche aufgrund der E-Mobilität negativ auf den Ausbildungsmarkt auswirke.

Nur leichter Rückgang in Mecklenburg-Vorpommern

In Niedersachsen lagen bislang noch keine Zahlen vor bzw. waren noch keine Tendenzen erkennbar. Der Verband vermutet, dass sich die Einbrüche erst im nächsten Jahr zeigen. Der Kfz-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern rechnet aktuell mit einem leichten Rückgang von bis zu drei Prozent. Die Geschäftsführerin Renée Werner sprach jedoch von einer Momentaufnahme und wollte nicht ausschließen, dass noch ein paar Nachzügler bis Ende des Jahres dazukommen.

Im Kfz-Gewerbe Nordrhein-Westfalen scheint laut Johannes Bömken die Situation noch stabiler zu sein. Eine eigene Umfrage habe ergeben, dass 63 Prozent der Betriebe gleichbleibend ausbilden, die anderen etwas weniger. Sieben Prozent erklärten, noch bis Ende des Jahres Ausbildungsverträge abzuschließen. Neben der Coronakrise gaben 33 Prozent an, keine geeigneten Bewerber gefunden zu haben.

Verlässliche Zahlen liegen bislang auch dem Kfz-Gewerbe in Hessen noch nicht vor, das sonst im Vergleich zu den anderen Landesverbänden in der Vergangenheit immer noch Zuwächse vorweisen konnte. Landesverbandsgeschäftsführer Joachim Kuhn vermutet, dass 2020 tendenziell weniger Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen werden. „Uns liegen sehr unterschiedliche Aussagen vor. Einige Großausbildungsbetriebe sagen, sie bilden aus wie gehabt, andere, sie seien noch zurückhaltend.“

Der aktuelle Rückgang kommt für das Kfz-Gewerbe nun auch nicht völlig überraschend. Laut Statistiken des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) verzeichneten die Kfz-Ausbildungsberufe bereits 2019 leichte Rückgänge gegenüber dem Vorjahr 2018: Beim Kfz-Mechatroniker gab es 22.803 neue Ausbildungsverhältnisse, das war ein Minus von 2,6 Prozent, und beim Automobilkaufmann 5.316 neue Azubis, das war ein Minus von 2,4 Prozent.

Bundesinnungsmeister und ZDK-Vizepräsident Wilhelm Hülsdonk hatte diesen Effekt der Coronakrise befürchtet und früh die Betriebe ermuntert, neue Wege zu gehen, um weiterhin Bewerber zu finden. „Was wir an diesen vorläufigen Zahlen sehen – und die Entwicklung betrifft ja das Handwerk insgesamt – ist ein Reflex auf die Coronakrise. Die Zahlen sind regional unterschiedlich, und da wird sich bestimmt noch einiges tun in den nächsten Wochen“, sagt er. Denn noch sei das Ausbildungsjahr nicht gelaufen, weil junge Leute auch jetzt noch in die duale Berufsausbildung einsteigen könnten.

Der Einbruch wirke außerdem auch deshalb besonders stark, weil das Kfz-Gewerbe seit 2014 weit über Bedarf ausgebildet habe – mit stetig steigenden Abschlüssen neuer Ausbildungsverträge.

ZDK-Vizepräsident Wilhelm Hülsdonk hofft, dass sich das aktuelle Stimmungsbild zur Ausbildungssituation bessert und zukünftig auch weiterhin ausreichend Betriebe ausbilden.
ZDK-Vizepräsident Wilhelm Hülsdonk hofft, dass sich das aktuelle Stimmungsbild zur Ausbildungssituation bessert und zukünftig auch weiterhin ausreichend Betriebe ausbilden.
(Bild: Stefan Bausewein)

Hülsdonk: Wettbewerb um Azubis ist auch im Kfz-Gewerbe angekommen

„Inzwischen ist der Wettbewerb um den ausbildungsfähigen Nachwuchs auch im Kfz-Gewerbe angekommen“, sagt Hülsdonk. Der Vizepräsident macht dafür auch die „gesellschaftliche und politische Fehlsteuerung der jungen Menschen in die akademischen Berufe“ mit verantwortlich, die dafür sorge, dass das Interesse an einer dualen Berufsausbildung wie zum Beispiel als Kfz-Mechatroniker sinke.

„Doch wir sollten keinesfalls in unseren Anstrengungen nachlassen, junge Menschen für eine Ausbildung im Kraftfahrzeuggewerbe zu gewinnen. Jeder Kfz-Unternehmer muss doch ein hohes Interesse daran haben, weiter in die Zukunft zu investieren und schon heute die Fachkräfte von morgen auszubilden. Es kommt die Zeit nach Corona und wer dann mit seinem Betrieb personell gut aufgestellt ist, hat eindeutige Wettbewerbsvorteile“, sagt er.

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Über den Autor

 Doris Pfaff

Doris Pfaff

Redakteurin bei »kfz-betrieb«, Ressort Verbände & Politik