Polizei filmt Brummifahrer beim Smartphone-Daddeln

Hohe Gefahr durch Ablenkung

| Autor: dpa

(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Das niedersächsische Innenministerium in Hannover hat ein Pilotprojekt bis Ende 2019 verlängert, das gezielt gegen Verstöße gegen das Handyverbot am Steuer bei Lkw-Fahrern vorgeht. Bislang wurden schon knapp 1.300 Verstöße auf den Autobahnen dokumentiert und geahndet. Und die Verstöße sind durchaus schwer.

Ein Beispiel: Ganze 2 Minuten und 57 Sekunden tippt der Fahrer des schweren Sattelzuges auf seinem Smartphone herum. Nur ab und zu geht der Blick für einen Sekundenbruchteil kurz nach oben auf die Fahrbahn der A1. So fährt der Mann auch in einen Baustellen-Abschnitt. „Der merkt gar nichts mehr“, sagt Cliff Sprenger. Verstöße wie diesen filmt der Polizeihauptkommissar mit seinen Kollegen seit Februar im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg auf den Autobahnen 1, 29, 28 und 27.

Als Dienstfahrzeug dient Sprenger und seiner Kollegin Janine Kahlen (31) ein unauffälliger brauner VW-Transporter. Auf der Dach-Reling ist mit Spannriemen und Kabelbindern eine achtsprossige Alu-Leiter befestigt. „Sieht aus wie ein Handwerker-Auto“, so Sprenger grinsend. Nur mit dem Unterschied, dass vorne an der Leiter eine kleine, gerade mal streichholzschachtelgroße Gopro-Kamera montiert ist. Vom Boden gemessen sind es etwa zwei Meter bis zur Kameralinse – die perfekte Höhe, um einen Brummifahrer bei einem Regelverstoß zu filmen.

Punkt in Flensburg ist sicher

Abstreiten ist meist zwecklos, das sehen auch die gestellten Handy-Sünder so. „Rausreden nützt ja nu nix“, sagt ein etwa 30-jähriger Lkw-Fahrer, den die beiden Polizisten auf der A1 auf frischer Tat ertappen. Sie beobachteten ihn von einem A1-Rastplatz aus, als er mit seinem Lkw vorbeifuhr. Dann folgten sie ihm sofort. Als der Bully auf Höhe der Lkw-Kabine ist, merkt der Fahrer zu spät, dass er mit dem Smartphone in der Hand gefilmt wird. Er lächelt zwar, weiß aber, was kommt.

Das „Bitte folgen“-Schild im Heck des Bully leuchtet auf. Ausfahrt nächster Parkplatz. Sofort gibt er zu, dass er aufs Smartphone geschaut habe. 100 Euro plus 28,50 Euro Verwaltungsgebühr und ein Punkt in Flensburg werden fällig. Erschwerend kommt hinzu, dass er einen Gefahrguttankwagen fährt. Die Ladung: Flüssig-Sauerstoff. Alles läuft freundlich, die Ansprache aber ist klar. Was er auf dem Handy gemacht hat? „Nichts Besonderes, einfach nur mal kurz checken“, sagt er.

Kurzer Blick = 125 Meter Blindfahrt

Aber auch kurz checken kann fatale Folgen haben. Ruht der Blick nur für fünf Sekunden auf dem Smartphone, fährt der Lkw bei 90 Stundenkilometern eine Strecke von 125 Meter –ohne, dass der Fahrer auf die Fahrbahn schaut. „Da kann viel passieren“, weiß Sprenger, der das Projekt, an dem vier Polizeidienststellen beteiligt sind, koordiniert und leitet. Vor allem durch zahlreiche Baustellen und viele Staus ist die Gefahr von Unfällen am Stauende groß. Und immer wieder sind es Lastwagen, die teils ungebremst ins Stauende krachen.

Wie hoch der Anteil an Unfällen ist, die durch Ablenkung wie Handy-Telefonieren, Smartphone- oder Tablet-Bedienen verursacht werden, lässt sich wohl seriös nicht sagen. Auch statistisch wird und kann dieser Verstoß nicht ausgewertet werden. Glücklicherweise hat nicht jedes Fehlverhalten auch gravierende Folgen. Trotzdem: Zu den krassesten der seit Februar gefilmten Verstöße gehört sicherlich ein Lkw-Fahrer, der seinen linken Fuß bequem aufs Armaturenbrett stützt, in der linken Hand eine Zigarette hält und mit der rechten Hand am Smartphone daddelt – nur am Lenkrad ist nix.

Die Versuchung, sich vom eintönigen Fahren abzulenken, ist für die Fahrer groß. Der Arbeitsplatz Lkw ist aus Sicht des Unfallforschers Siegfried Brockmann prädestiniert für das Fehlverhalten, denn „Lkw-Fahrer müssen oft über viele Stunden geradeaus fahren, und oft hinter einer weißen Schrankwand“, sagt er und meint den vorausfahrenden Lkw. Der verbaut letztlich die Sicht auf die Umgebung und die Landschaft, was die Fahrt noch eintöniger gestaltet. Psychologisch sei nichts einzuwenden gegen Abwechslung. „Das Problem beginnt mit der Blickabwendung.“

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