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Retro Classics: Lehrgeld durch Leerstand?

Autor: Steffen Dominsky

Das Geschäft im Classic Business ist härter geworden. Die beiden regionalen Oldtimermessen der Retro Classics zeigen: Die Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel. Wenig Publikum und verkleinerte Hallen lassen keinen Glanz aufkommen.

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Große Hallen, begrenzte Zahl an Fahrzeugen: Nicht bei jeder Oldiemesse scheinen die Pläne des Veranstalters aufzugehen.
Große Hallen, begrenzte Zahl an Fahrzeugen: Nicht bei jeder Oldiemesse scheinen die Pläne des Veranstalters aufzugehen.
(Bild: Dominsky)

„Das Bessere ist des Guten Feind“, will der Volksmund bekanntlich wissen. Dass dies auch im Fall von Oldtimermessen gelten dürfte, bezweifeln nicht wenige Kenner der Materie. Hier ein neues Event in Berlin, dort eines Hamburg, kürzlich ein weiteres in Erfurt. Und dann sind da ja noch seit 2016 bzw. 2017 die beiden lokalen Ableger der Retro Classics in Nürnberg und Köln, die die Stuttgarter Messe dort jeweils im November bzw. Dezember veranstaltet.

Nach einem „holprigen“ Start im vergangenen Jahr sollte dieses Mal in der bekannten Domstadt alles besser werden. Schließlich sahen sich Aussteller und Besucher zwölf Monate zuvor noch zur Überraschung vieler mit dem „Totensonntag“ konfrontiert: Sie durften am zweiten Wochenendtag keine Geschäfte tätigen! Auch die Räumlichkeiten, allen voran die düsteren Keller der Hallen, wurden dem Anspruch einer Messe in einer Metropolregion nicht wirklich gerecht.

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Aus diesen Fehlern der Vergangenheit hatte der Veranstalter gelernt – auf den ersten Blick. Mit den Hallen 6 und 9 der Messe Köln standen in diesem Jahr adäquate Räumlichkeiten zur Verfügung. Und die Sache mit dem Sonntag? Im Vorfeld gaben die Retro-Macher bekannt, für jenen Tag ihr Herz für Familien entdeckt zu haben. Mami, Papi und die Kinder zum Sonderpreis auf die Oldiemesse. Rabatte wie beim Küchenkauf sollten Großzügigkeit vermitteln und Besucher locken. Die Wahrheit aber wahr: Zwar durften dieses Mal auch am Sonntag Geschäfte getätigt werden. Allerdings erst ab 13.00 Uhr! Erst da öffnete die Messe ihre Pforten. Der vermeintliche Preisvorteil für Besucher war also nur bedingt ein solcher. Händler profitierten hierbei nicht – im Gegenteil.

Ausstellungsfläche um ein Drittel geschrumpft

Das galt auch für die um einen Tag verlängerte Dauer der Retro – sie öffnete dieses Mal bereits am Donnerstag. Selbst am Freitagnachmittag herrschte, anders als im Vorjahr, gähnende Leere in den Gängen bzw. an den Ständen. „Am Donnerstag waren es noch weniger Besucher“, berichtete ein Fahrzeughändler. Ein Signal für einen spürbaren Rückgang zeichnete sich bereits im Vorfeld der Chrom-Show ab: Von 60.000 auf 40.000 Quadratmeter hatte man dieses Jahr die Ausstellungsfläche reduzieren müssen – ein sattes Drittel weniger.

Dafür aber sollte das zahlende Publikum sage und schreibe 1.500 funkelnde Young- und Oldtimer präsentiert bekommen. Doch wo waren die? Wie viele es tatsächlich waren, wollen die Retro-Veranstalter auf Nachfrage nicht preisgeben. Doch wer in der vierten Klasse in Mathe nicht gepennt hat, der kommt rasch zur Erkenntnis: Allein die Fläche der Fahrzeuge hätte die beiden Hallen – in Wirklichkeit waren es nur rund 34.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche – fast vollständig ausgefüllt. Der Platz für den kompletten Ersatzteilbereich in Halle 9, sämtliche Gänge und die gesamten autofreien Standflächen – vom Sofaproduzenten über den Teppichwäscher und den Scherenverkäufer bis hin zum Whirlpoolanbieter – sind nicht mitgerechnet.

Auch in Nürnberg Luft noch oben und zu den Seiten

Ein ähnliches Bild zeichnete auch die Retro Classics Bavaria in Nürnberg. „Ein Besucherplus von 23 Prozent gegenüber 2017“ konstatierten die Veranstalter als scheinbar phänomenales Ergebnis vor wenigen Tagen für die 2018er-Ausgabe. Dazu muss man wissen: Die Zahl im vergangenen Jahr war gegenüber 2016 aufgrund des Wintereinbruchs massiv in den Keller gegangen, eine Steigerung um fast ein Viertel heißt also gar nichts. Wie viele Besucher es dieses Jahr also tatsächlich waren, daraus macht die Retro Messen GmbH ein Staatsgeheimnis .

Fakt ist: Nach Nürnberg verirrten sich diese Mal nur wenige der großen oder namhaften Fahrzeughändler. Es dominierten vor allem lokale Anbieter – was für den regionalen Besucher sicher auch einen gewissen Charme hatte. Fakt ist aber, dass circa ein Drittel der Halle 3 abgetrennt, d. h. überhaupt nicht belegt war. Und zwischen den belegten Hallenflächen war zum Teil noch reichlich Luft, Autos wurden zum Teil als Lückenfüller einfach an den sonst leeren Hallenrand gestellt.

Ebenso entpuppte sich die versprochene Sondershow „Filmautos“ bei näherem Hinsehen als „luftige“ Nummer. Von den fünf versprochenen Requisiten hatten es lediglich drei nach Nürnberg geschafft. Und die standen, völlig ohne (film-)szenische Inszenierung, „halt so da“. Toll hingegen war die Sonderschau der fränkischen Zweiradmarken von einst. Diverse Markenclubs hatten zahlreiche Moped- und Motorradmarken und natürlich ihre Aktivitäten würdig und mit viel Engagement in Szene gesetzt. Gleiches galt für die Zündapp-Janus-Präsentation.

Was dennoch bleibt, ist die Erkenntnis, dass der Markt der Oldtimermessen seine Sättigung erfährt bzw. bereits erfahren hat. Ein simpler Gradmesser für die Popularität und den Erfolg einer Veranstaltung sind die Besucherzahlen. Doch genau die rücken die Retro-Messen-Macher für Nürnberg und Köln nicht heraus – anders als für Stuttgart. Ob man also in den erstgenannten Fällen von Leitmesse oder automobilem Dauerbrenner sprechen kann? Vermutlich werden beide Veranstaltungen weiter die Rolle eines regionalen Events spielen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn die Eintrittspreise ebenfalls „regional“ sind. Die fallen jedoch international aus: Sie sind so hoch wie bei den großen Veranstaltungen in Essen bzw. Stuttgart.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group