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Retrokäfer: Herbies unter Strom

Autor: Steffen Dominsky

Vor allem mit seinem Antriebskonzept punktete Volkswagens Millionenseller zu Produktionszeiten. Genau dessen beraubt eine Firma den Käfer jetzt. Dabei ist das Ergebnis alles andere als eine der üblichen Bastellösungen – schließlich hat Volkswagen persönlich die Finger im Spiel.

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Noch die Prototypenversion: der Käfer mit elektrischem Antrieb Marke Retrokäfer.
Noch die Prototypenversion: der Käfer mit elektrischem Antrieb Marke Retrokäfer.
(Bild: Retrokäfer)

Es ist diese liebenswerte Form! Nein, es ist diese klassenlose Akzeptanz! Nein, es sind die Zuverlässigkeit und die Langlebigkeit! Nein, es ist die simple und robuste Technik! Nein, es ist der Sound! Es gibt wahrlich viele Gründe, weshalb Menschen den Käfer lieben – oder verachten. Nach wie vor ist der Wolfsburger Krabbler einer der Protagonisten der automobilen Zeitgeschichte. In Volkswagens Historie und beim KBA – in der Abteilung Fahrzeuge mit H-Kennzeichen – spielt er nach wie vor die Hauptrolle.

Doch genau das charakteristische Brabbeln des luftgekühlten Boxermotors, dieses signifikante Prasseln aus den beiden dünnen Endröhrchen, nehmen sie ihm jetzt weg. „Sie“, das ist die Firma Murschel aus Renningen in der Nähe von Stuttgart. Einst ein stinknormaler Kfz-Betrieb, spezialisierte sich Firmengründer Dennis Murschel im Laufe der Zeit immer mehr auf den Einbau von diversem Kfz-Zubehör. Irgendwann lag dann neben Rückfahrkameras und Infotainmentsystemen ein E-Antrieb auf 96-Volt-Basis auf seiner Werkbank. „Ein solches System, das für gewöhnlich Golf-Caddys antreibt, das könnte man doch auch in ein richtiges Auto…“, stimulierten sich in Murschels Gehirn die Nervenzellen gegenseitig.

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Wenn der Großmetzger zuschlägt

Gedacht, getan, und so wurde aus der „normalen“ Werkstatt ein Spezialist für die Umrüstung von Oldtimern auf E-Antrieb. Ein Spezialist, von dem eines Tages ein gewisser Robert Tönnies hörte – genau der mit den Schweinen und dem vielen Geld. Er setzte Meister Murschel die Idee vom E-Käfer ins Ohr. Und so entstand die Firma Retrokäfer, powered bei Murschel. Der erste Anlauf, noch auf Basis frei verkäuflicher Komponenten, mündete bereits in einem sehr ansehnlichen Ergebnis. Dieses 1303 Cabrio durften Murschel und sein Team – dank bester Kontakte von Robert Tönnies zu Herbert Diess – eines Tages sogar dem VW-Chef persönlich präsentieren. Der war von der Idee, aber auch von der Ausführung derart angetan, dass er erstens zum Telefonhörer griff und einigen seiner Ingenieure einen neuen Auftrag gab, und zweitens den roten Stromer kurzerhand dabehielt.

Die Wolfsburger Techniker ließen sich nicht lumpen und unterstützen seitdem mit der geballten Kompetenz eines Großkonzerns die Mannschaft von Murschel bzw. das Projekt. Die Konsequenz: Die einstige Bastellösung ist inzwischen zu einem hochprofessionellen Umbaukonzept mutiert. So dient mittlerweile die komplette Antriebseinheit eines E-Up als ebensolche und die Batterien nebst Zubehör entstammen dem aktuellen E-Golf. Derart präpariert bietet der Retrokäfer Fahrleistungen wie jedes moderne E-Fahrzeug. 60 kW bzw. 82 PS bringen zusammen mit 210 Nm die Fuhre wahrlich schnell in Schwung. Der reicht immerhin für eine Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h. Die Reichweite soll circa 250 Kilometer betragen.

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Nur wenige optische Unterschiede zum Original

Zugegeben: Ein paar Zugeständnisse an den neuzeitlichen Antrieb gibt es schon. Die auffälligsten sind die beiden Blenden unterhalb der Trittbretter sowie die Hochbeinigkeit an den Hinterrädern. Der Grund ist banal: Die Akkus des E-Golfs ruhen zum allergrößten Teil unterhalb der Bodenplatte. Um eine ausreichende Bodenfreiheit zu gewährleisten, musste das Schraubfahrzeug aus dem Zubehör angepasst bzw. nach oben anstatt wie üblich nach unten verstellt werden. Auch das auf rund 1.200 Kilogramm angestiegene Leergewicht ist dafür mitverantwortlich. Äußerlich ist der Umbau ansonsten nicht zu erkennen. Die Steckdose zum Stromtanken befindet sich dort, wo man sie erwartet, sprich hinter der serienmäßigen Tankklappe. Auffälliges Merkmal von vorne sind die Scheinwerfer. Die stromfressenden Halogenlampen tauscht Murschel gegen zeitgemäße und stromknausernde LED-Einheiten.

Im Innenraum fällt lediglich das Zentraldisplay und der geänderte Tacho auf. Beide signalisieren dem Fahrer: Hier ist etwas anders. Das gilt auch für den aus der VW-Großserie übernommenen Schalt-, pardon Wahlhebel. Der vordere Kofferraum gibt sich beim E-Käfer noch etwas kleiner, als er beim Benzin-Käfer eh schon ist. Hier sitzen bei der Elektrovariante zum einen die Steuerelektronik, zum anderen ein Wärmetauscher für die Heizung. Denn der Retrokäfer ist beides: luft- und wassergekühlt. Während Wind die Akkus temperiert, darf der E-Motor seine Abwärme an bekannt flüssiges Medium abgeben. Dieses warme Wasser plus ein zusätzlicher Tauchsieder bringenden den Heizungskreislauf und damit den Innenraum an kühlen Tagen auf angenehme Temperaturen.

Abkühlung und die Sache mit dem Preis

Warm könnte es dem ein oder anderen auch beim Blick in die Preisliste des Retrokäfers werden: 99.000 Euro stehen dort für ein Cabrio. Dazu ist zu sagen, dass der Käfer erst einmal beschafft und hochwertig restauriert werden muss. Wer solch eine Arbeit bzw. ein fertiges, top restauriertes Cabrio haben möchte, legt bei einem Spezialisten wie der Firma Memminger auch gut 70.000 Euro auf den Tresen. Vor diesem Hintergrund relativiert sich erstgenannte Summe recht schnell wieder – auch vor dem Hintergrund, was normale, d. h. Serien-Elektroautos kosten. Worauf der potenzielle Retrokäfer-Besitzer dann aber verzichten muss – vom Sound abgesehen –, sind die typischen Ölflecken am Garagenboden, der ordentliche Durst des Boxers, das regelmäßige Ventile-Einstellen, die mit Kohlenwasserstoffen reichlich geschwängerte Heizungsluft usw. Alles Dinge, die die einen lieben und die anderen eben hassen.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group