Messe Retroloo

Von Steffen Dominsky 10 min Lesedauer

Nun wehen also „Retro-“ anstatt „Techno“-Flaggen in Essen. Doch manchmal liegen Sieg und Niederlage verdammt nah beieinander. So wie im Fall der ersten Retro Classics im Pott. Denn die war nicht nur für die Macher ein ziemliches Waterloo.

Gähnende Leere, nackte Stellwände und überbreite Gänge: Die erste Retro Classics Essen hatten sich Aussteller und Besucher anders vorgestellt.(Bild:  Dominsky – VCG)
Gähnende Leere, nackte Stellwände und überbreite Gänge: Die erste Retro Classics Essen hatten sich Aussteller und Besucher anders vorgestellt.
(Bild: Dominsky – VCG)

Rückblende: Wir schreiben das Jahr 2020. Karl Ulrich Herrmann, Erfinder der Retro Classics und Anführer der Retro Messen GmbH, ist auf dem Zenit seines Erfolgs. Im Jahr zuvor versammelt die nach seinen Angaben weltgrößte Oldtimermesse auf 140.000 Quadratmetern rund 4.000 Autos, die sich über 90.000 Besucher ansehen. Sohn Andreas tritt Ende April das Erbe seines Vaters an und übernimmt die Geschäftsführung der Gesellschaft. Doch kurz zuvor, im Rahmen der Vorpressekonferenz seiner Retro, am 6. Februar, lässt Herrmann Senior die Bombe platzen. „Die Techno Classica ist tot, es lebe die Retro Classics Essen“, verkündet der 73-Jährige sinngemäß. Verträge wären bereits unterschrieben. Schon bald werde man im Ruhrgebiet einrücken. Gefangene werden nicht gemacht. Jetzt zeigen die fleißigen Schwaben den Rheinländern mal, wie Oldtimermesse geht, so der Tenor. Noch während Onlineplattformen von der „feindlichen Übernahme“ berichten, setzt es pfeil- bzw. kanonenkugelschnelle Dementis. Die Messe Essen dementiert und auch die eigene Truppe. Aber: „Die Retro Messen GmbH steht jedoch mit der Messe Essen bzgl. möglicher Kooperations-Projekte außerhalb des Essener Messegeländes in Kontakt“, lässt man an der Ruhr vermelden.

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Schnell ist der Pulverdampf verflogen und es kehrt Ruhe ein an der Messefront. Doch Insider wissen: Die einstigen Kameraden, die S.I.H.A. als Initiator der Techno Classica, und die Messe Essen, sind sich bereits seit Längerem spinnefeind. Doch ein Vertrag verbindet die beiden. Der läuft noch bis 2025. Und so verwundert es nicht, was die Retro GmbH und Messe Essen am 25. September 2024 mit stolz geschwellter Brust verkünden: „Die Messe Essen hat sich in Form der Retro GmbH für einen neuen Partner beim Thema klassische Fahrzeuge entschieden.“ „Sieg!“, dürfte da Karl Ulrich Herrmann ausgerufen haben. Auch wenn er selbst nicht mehr das Kommando innehatte – im Februar 2023 hatte er als „Wiedergeschäftsführer“, nach einem kurzen Intermezzo seines Sohnes in dieser Position, seine Retro an den Nürnberger Messerbetreiber AFAG verkauft –, so dürfte es für den Grandseigneur der Retro Classics dennoch ein innerlicher Reichsparteitag gewesen sein – endlich, geschafft!