Mercedes-Benz S-Klasse: Kultfahrzeug für Kanzler und Konzernbosse

Von Steffen Dominsky

Vor einem halben Jahrhundert gab Mercedes dem Luxus der Siebziger ein neues Gesicht: Die Baureihe W116 brillierte mit mächtigen V8, monumentalen Formen und neuen Sicherheitstechniken. Vor allem schmückte sie sich als erster Mercedes offiziell mit dem Prädikat S-Klasse.

Bei seiner Präsentation 1973 drückten sich die Besucher der IAA förmlich die Nasen am neuen Topmodell der S-Klasse, dem 450 SEL 6.9, platt.
Bei seiner Präsentation 1973 drückten sich die Besucher der IAA förmlich die Nasen am neuen Topmodell der S-Klasse, dem 450 SEL 6.9, platt.
(Bild: Mercedes Benz Group)

Palastrevolte in der Prestigeklasse: Vor 50 Jahren debütierte die erstmals offiziell „S-Klasse“ genannte Mercedes-Benz-Baureihe W116, und die Medien feierten den Premieren-Stern am Premiumhimmel prompt als „bestes Auto der Welt mit modernster Technik und feinsten Materialien in perfekter Verarbeitungsqualität“. So viele Vorschusslorbeeren wurden bis dahin nicht einmal den majestätischen Pomp-and-Circumstance-Kreuzern Rolls-Royce Silver Shadow und Mercedes 600 Pullman zuteil. Vielleicht lag es daran, dass die erste S-Klasse mit einem bis dahin beispiellos breiten Modellprogramm vorfuhr, vom gerade noch bezahlbaren Sechszylinder-Vergaser-Typ 280 S bis zum ultraluxuriösen 450 SEL 6.9 mit mehr Leistung als der Mercedes 600 – und sogar ein sonst eher für Taxis typischer bescheidener Diesel stand im 300 SD bereit.

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Damit passte die Baureihe W116 perfekt zum politischen Claim von Bundeskanzler Willy Brandt für die Siebziger: „Mehr Demokratie wagen“, das demonstrierte die S-Klasse als gutbürgerliche Alternative zu BMW E3 und Opel Diplomat, und damit als Zugfahrzeug von Wohnwagen, in Langversion aber als favorisiertes Fahrzeug von Konzernchefs, Kanzlern und Majestäten. Ob Kanzler Helmut Schmidt, der Papst, Königshäuser aus der ganzen Welt und die von linken Terroristen verfolgten Vertreter des wirtschaftlichen Establishments wie Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, oder Ölbarone in TV-Serien wie Dallas: Die S-Klasse W116 war für Entscheider die automobile Machtzentrale des Jahrzehnts – und mit 473.000 verkauften Einheiten erfolgreichster Luxusliner ihrer Epoche.