Skoda: 120 Jahre Motoren made in Mladá Boleslav

Autor: Steffen Dominsky

Die Bandbreite an Antriebsaggregaten ist wahrlich groß, die der tschechische Konzern im Laufe seiner Geschichte gefertigt hat. Und noch heute spielt das Unternehmen innerhalb des VW-Konzerns eine wichtige Rolle in der Motorenentwicklung.

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Höhepunkt des Motorenbaus bei L&K/Škoda vor dem Zweiten Weltkrieg: ein W12-Flugmotor in Lizenz von Lorraine-Dietrich.
Höhepunkt des Motorenbaus bei L&K/Škoda vor dem Zweiten Weltkrieg: ein W12-Flugmotor in Lizenz von Lorraine-Dietrich.
(Bild: PETR HOMOLKA)

Im Frühling 1899, nicht einmal vier Jahre nach Gründung von Laurin & Klement (L&K), ergänzte die Gesellschaft ihr Fahrradangebot um ein solches mit einem zusätzlichen Benzinmotor. Bereits am 18. November 1899 stellte das junge Unternehmen ein Motorrad mit selbst konstruiertem Motor vor: den Slavia Typ A in verschiedenen Leistungsstufen mit 1,25 beziehungsweise 1,75 PS und mit Luftkühlung. Konstrukteur Václav Laurin entwarf auch eine innovative elektrische Zündung und einen eigenen Vergaser. 1902 entstand der Prototyp BB mit einem quer im Rahmen gelagerten Zweizylindermotor. Im darauffolgenden Jahr begann die Produktion des Typs CC in V2-Bauweise. Zudem fertigte das Unternehmen wassergekühlte Motoren.

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Im September 1904 schloss man einen Lizenzvertrag, der die Herstellung von L&K-Motoren unter der Marke „Germania“ in Dresden erlaubte. Im gleichen Jahr entstand eines der weltweit ersten Motorräder mit Vierzylindermotor, der L&K Typ CCCC mit vier gekoppelten Einzylindereinheiten. Mit der technischen Weiterentwicklung des Motors im Jahr 1905 verfügte dieser bereits über eine gemeinsame Kurbelwelle, und das Hinterrad trieb statt einen Lederriemen nun eine Metallkette an. Die Ära der L&K-Motorräder, die sich bis 1910 fortsetzte, fand im Frühling 1905 ihren Höhepunkt, als Laurin & Klement die inoffizielle Weltmeisterschaft im französischen Dourdan gewann.

Transformation vom Motorrad zum Automobil

Im April 1905 präsentierten die Böhmen in Prag erstmals einen Automobilmotor, der im Herbst in der L&K Voiturette A zum Einsatz kam, dem ersten Auto der Marke. Der wassergekühlte V2/55°-Motor der Einliterklasse hatte eine Leistung von sieben PS. In den folgenden beiden Jahren entwickelten die Ingenieure auch Reihenmotoren mit zwei und vier Zylindern. Der Reihenachtzylinder des Typs FF (1907) war der erste seiner Art in Mitteleuropa und der Höhepunkt dieser Entwicklungsreihe. Darüber hinaus mündete die Zusammenarbeit mit dem Erfinder František Křižík in einem Hybridfahrzeug auf Basis des Typs E mit zwei Gleichrichterelektromotoren. Zu den Höhepunkten der L&K-Ära gehörten der Rennmotor FCR mit einem extremen Hub von 250 Millimetern (1909) und der Vierzylindermotor EL, mit dem im April 1910 das erste Flugzeug mit tschechischer Besatzung von tschechischem Gebiet startete. Neben Aggregaten für Fahrzeuge stellte man in Mladá Boleslav auch stationäre Verbrennungsmotoren, Antriebseinheiten für motorgetriebene Pflüge und Generatoren her.

In den Zwanzigerjahren umfasste das Angebot von L&K/Skoda beispielsweise schiebergesteuerte Motoren sowie die Fahrzeugmodelle 4R und 6R mit sogenannten Ricardo-Brennräumen – der Maschinenbaukonzern Skoda hatte die durch den Ersten Weltkrieg geschwächte Gesellschaft 1925 aufgekauft. 1929 begann in Mladá Boleslav die Fließbandproduktion von Motoren. Das Topmodell im Angebot war der Skoda 860 mit Reihenachtzylindermotor und neunfach gelagerter Kurbelwelle. Generalreparaturen an der neuen Generation von Fahrzeugen wurden durch die Stahlbuchsen der Zylinder erleichtert, die zunächst „trocken“ und später (1937) „nass“ gekühlt wurden. Das Jahr 1937 bedeutete auch den Übergang von seitengesteuerter (SV) auf kopfgesteuerte Ventilsteuerung (OHV). Das Flaggschiff der Fahrzeugmodellreihe war der von einem Reihensechszylinder angetriebene Skoda Superb. In limitierter Stückzahl wurden auch Modelle mit 4,0-Liter-V8 gebaut (1939). Darüber hinaus entwickelte der Konzern aber auch preisgünstige und beliebte 1,0-Liter-Vierzylindermotoren.

Erste Motoren aus Aluminiumdruckguss

Eine revolutionäre Änderung für den tschechischen Automobilhersteller brachte der Motor des Skoda 1000 MB: Sein Motorblock wurde nach ursprünglich tschechischem Patent in Aluminiumdruckguss hergestellt, dadurch war er sehr leicht. Die fortschrittliche Fertigungstechnologie bewährte sich auch im Motorsport, etwa im Skoda 130 RS, der bei der Rallye Monte Carlo im Jahr 1977 seine Klasse gewann. Das Motoren- und Produktionskonzept wurde nach der Einführung der neuen Generation von Fahrzeugen mit Frontantrieb wie dem Favorit im Jahr 1987 beibehalten.

Nach der Eingliederung von Skoda in den Volkswagen-Konzern im Jahr 1991 lieferte der Automobilhersteller ab 1997 Motoren an andere Konzernmarken. Dies waren zunächst 1,0-Liter-Aggregate mit 37 kW (50 PS). Im Jahr 2001 startete die Produktion von 1,2-Liter-HTP-Dreizylindermotoren, die auch in den Modellen VW Fox, VW Polo und Seat Ibiza zum Einsatz kamen. Acht Jahre später folgte mit dem 1,2-Liter-TSI eine neue Generation von Vierzylindermotoren mit Direkteinspritzung. Am 4. September 2014 nahmen die Verantwortlichen in Mladá Boleslav ihr neues Motorenzentrum in Betrieb.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group