Wissenschaftler: Ende des Verbrenners kommt schon 2026
Handel und Hersteller, Kunden und Experten fragen sich regelmäßig, wann die E-Mobilität den Durchbruch schafft. Ein Physiker und eine Politikerin sehen die Entwicklung dagegen entspannt. Der Wandel läuft – unaufhaltsam.

Der Durchbruch des E-Antriebs in der Autobranche ist inzwischen vielfach beschworen und wieder verschoben worden. Nun aber legt sich ein Physiker ganz klar fest: 2022 komme der Durchbruch, 2026 sei es dann bereits endgültig vorbei mit dem Verbrennungsmotor. Für diese Prognose verlässt er sich nicht auf sein Bauchgefühl, sondern belegt seine These einerseits mit einem mathematischen Modell, andererseits mit dem Interesse der Menschen am Wandel zu überlegener Technologie.
Richard Randoll heißt der Mann mit der steilen These zur Zukunft der E-Fahrzeuge. Geboren im Jahr 1983 hat er als Doktorand bei Daimler, von 2012 bis Anfang 2016, über die Batterietechnik für E-Fahrzeuge geforscht. Inzwischen arbeitet er laut seinem Xing-Profil bei der Ferchau Engineering GmbH in Regensburg als Systemingenieur in der Entwicklung elektrischer Antriebsstränge.
In seiner Doktorarbeit hatte Randoll die weltweiten Verkaufszahlen rein elektrisch angetriebener E-Fahrzeuge seit dem Jahr 2011, dem Verkaufsstart des Nissan Leaf, ausgewertet. Die Zulassungskurve zeigte eine Verdoppelung des Absatzes alle 15 Monate. Schreibt man dieses exponenzielle Wachstum fort „erreichen wir im Sommer 2026 den Wert von 100 Millionen Elektrofahrzeugen. Das ist dann voraussichtlich die komplette Weltproduktion“, rechnet Randoll in einem Interview mit „Spiegel Online“ vor.
Einen ersten Meilenstein in der Entwicklung erwartet er gemäß diesem rein mathematischen Modell für das Jahr 2022. „Dann wird mindestens jeder zehnte Neuwagen weltweit ein E-Auto sein“. Immerhin rechnen derzeit einige Autobauer wie VW oder BMW mit einem E-Autoanteil von rund 25 Prozent im Jahr 2025.
EU-Kommissarin erwartet ebenfalls Verbrenner-Ablösung
Ähnlich zuversichtlich wie Randoll äußerte sich am Montag die EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska. „Ich denke, die meisten von uns in diesem Raum werden in 10 bis 15 Jahren Elektroautos fahren“, sagte sie vor Journalisten in Brüssel. „Es geht viel schneller als wir das vor einigen Jahren vorhersagen konnten, und diese Revolution vollzieht sich wirklich sehr schnell.“
Die europäische Autobranche müsse sich auf die Produktion abgasfreier Fahrzeuge konzentrieren anstatt weiterhin Forschungsgelder in die Verbesserung des Verbrennungsmotors zu stecken, forderte Bienkowska. „Wir wollen Teil der Avantgarde sein, weil sonst die Autos der Zukunft irgendwo außerhalb Europas, außerhalb der EU hergestellt werden“, sagte sie.
Kritisch ist bislang die Situation der Infrastruktur. Zwar kommt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) laut einer Mitteilung derzeit auf 10.700 öffentlich zugängliche Ladepunkte für E-Fahrzeuge in Deutschland. Letztlich würde diese Zahl aber nur für einen Bruchteil der angestrebten E-Auto-Flotte reichen. Selbst für die einst von der Bundesregierung als Ziel formulierte eine Million E-Mobile im Jahr 2020 wären laut dem BDEW rund 77.000 Ladepunkte nötig, 7.000 davon mit Schnellladefunktion.
Die Lust an neuer Technologie siegt
Folgt man Randoll, wird die löchrige Infrastruktur den Technologiewandel dennoch nicht aufhalten. Er ist der Überzeugung, dass der Wandel so lange braucht, wie der Lebenszyklus des alten Produkts dauert. „Bei Verbrennungsfahrzeugen rechnet man mit einer mittleren Lebensdauer von 15 Jahren. Nimmt man wieder den Marktstart des Leaf, also das Jahr 2011, wäre im Jahr 2026 der Technologiewandel zum E-Auto geschafft“, rechnet er im „Spiegel“-Interview vor.
Je weiter eine Technologie ausgereift sei, desto stärker setze der Konsument bei Neuanschaffungen auf die neue Produktgeneration. Dieses Verhalten sei an vielen Technologiesprüngen zu erkennen: vom Handwebstuhl zum dampfbetriebenen Webstuhl, vom Holzsegelschiff zum Stahldampfschiff, vom Röhrenbildschirm zum Flachbildschirm, vom Handy zum Smartphone oder von der Glühbirne zur LED.
Ein weiterer Beleg für die These zum unaufhaltsamen Wandel zum Elektroantrieb ist für Randoll das fortgesetzte Streben nach möglichst hoher Energieeffizienz. In dieser Referenzgröße hat der E-Antrieb inzwischen einen Wirkungsgrad von 80 Prozent erreicht – die ersten Dampfmaschinen hatten 3 Prozent. „Erst, wenn ein Serienprodukt einen besseren Wirkungsgrad als das E-Auto aufweist, wird es seinerseits durch eine neue Technologie abgelöst“, ist der Physiker überzeugt.
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