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90 Prozent aller Autohäuser haben keine Digitalstrategie

Autor: Martin Achter

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Trotzdem verfügt die überwältigende Mehrheit der Autohäuser einer Branchenumfrage zufolge über keine konkret formulierte Digitalstrategie. Drastisch ist auch die Einstellung der Betriebe zum E-Commerce – also zum direkten Onlineverkauf.

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Nur wenige Autohäuser verfügen heute über eine Digitalstrategie: Der ZDK stellte dazu eine Digitalisierungsumfrage auf dem Fachkongress „Carcamp“ in Mannheim vor.
Nur wenige Autohäuser verfügen heute über eine Digitalstrategie: Der ZDK stellte dazu eine Digitalisierungsumfrage auf dem Fachkongress „Carcamp“ in Mannheim vor.
(Bild: Achter/»kfz-betrieb«)

Neun von zehn Autohäusern in Deutschland (87 Prozent) verfügen einer Brancheumfrage zufolge über keine konkrete Digitalstrategie. 45 Prozent wollen auch in Zukunft keine entsprechende Zielsetzung schriftlich fixieren, 42 Prozent haben einen Digital-Fahrplan aber immerhin in Planung. Nur 12 Prozent der Autohäuser haben bereits eine Digitalstrategie ausgearbeitet.

Das geht aus einer Umfrage des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Steinaecker Consulting vor, die der Verband am Freitag in Mannheim auf dem Carcamp – einem Fachkongress rund um Zukunftsthemen in der Automobilwirtschaft – vorgestellt hat. Der ZDK hat die Digital-Umfrage in diesem Jahr zum ersten Mal durchführen lassen.

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Demnach steht die Branche dem gesellschaftlichen Megatrend der Digitalisierung mit gemischten Gefühlen gegenüber: 39 Prozent bewerten sie „zurückhaltend“ oder als Notwendigkeit – ein Prozent ignoriert sie. Weitere 39 Prozent sehen sie dagegen als Potenzial oder „Riesen-Chance“.

An der Umfrage beteiligten sich 861 Autohäuser – knapp zwei Drittel davon Vollfunktionsbetriebe. 61 Prozent waren einem Hersteller oder Systemanbieter angeschlossen. 70 Prozent waren Ein-Standort-Unternehmen, 60 Prozent im ländlichen Raum aktiv.

Auch personell stehen Deutschlands Autohäuser der Digitalisierung zurückhalten gegenüber: Nur neun Prozent verfügen heute schon über einen eigenständigen Digitalmanager, sechs Prozent wollen eine solche Stelle schaffen. 85 Prozent wollen dies aber weiterhin nicht tun.

Online-Budget ohne Erfolgskontrolle

Dementsprechend ist das Onlinebusiness im Autohausalltag eher Nebensache. In knapp zwei Fünftel aller Betriebe (39 Prozent) kümmert sich ein Mitarbeiter nebenbei um Onlineauftritt und Digitalmarketing. Etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) betraut mit dieser Aufgabe spezialisierte Beschäftigte aus den eigenen Reihen oder externe Dienstleister. In sechs Prozent der Unternehmen kümmert sich niemand darum.

58 Prozent der Befragten haben Budgets für Onlinemarketing und –werbung bereitgestellt, 42 Prozent haben Gelder für Website und App in die Planung eingestellt. Über den Erfolg ihrer digitalen Aktivitäten wollen jedoch nur wenigen Autohäuser Bescheid wissen. 25 Prozent setzten sich zumindest monatlich mit entsprechenden Kennzahlen auseinander, 26 Prozent planen dies. Für 49 Prozent ist die Erfolgskontrolle kein Thema.

Unter den Autohäusern, für die zumindest monatliche Kennzahlen wichtig sind, beschäftigen sich neun von zehn (91 Prozent) mit der Zahl der Website-Besucher. 70 Prozent wollen die Zahl der Seitenaufrufe pro Besucher kennen, 61 Prozent Verweildauern. Konversionsraten spielen aber nur für 24 Prozent eine Rolle.

Fehlende Kompetenz für digitale Geschäftsmodelle

Digitale Geschäftsmodelle sind der Umfrage zufolge für viele Autohäuser ein Thema. Für 61 Prozent hat dieses Thema Top-Priorität. Die Ergebnisse legen aber die Annahme nahe, dass viele Unternehmen der Branche noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden haben, wie solche digitalen Geschäftsmodelle in der Praxis aussehen könnten. Denn 69 Prozent würden ein digitales Geschäftsmodell gerne umsetzen, wissen aber nicht wie – oder sind der fatalistischen Meinung, dass sie dies „eh nicht schaffen“.

Mobilitätslösungen wie Carsharing erteilen aber 83 Prozent eine Absage. Entsprechende Angebote sind in den Unternehmen nicht geplant. Fahrzeugabonnements wollen 76 Prozent nicht auflegen. Online-Kundenportale stehen bei 74 Prozent nicht auf der Agenda. 71 Prozent lehnen Konzepte rund um Scooter oder Lastenräder ab.

Aber auch vom E-Commerce rund um den eigenen Fahrzeugvertrieb oder -service wollen viele nichts wissen. 65 Prozent wollen auch weiter ohne Onlineshop für Teile oder Fahrzeuge auskommen. 17 Prozent planen entsprechende Aktivität. Bei 14 Prozent können Kunden online Teile kaufen, bei 6 Prozent der Befragten Fahrzeuge. Bei fünf Prozent ist die Serviceterminvereinbarung online möglich.

Trotz manch kritisch anmutender Umfrageergebnisse sieht Berater Jörg von Steinaecker in Sachen Digitalisierung im Automobilhandel und -service in den vergangenen Jahren viele ermutigende Signale: „Es wird viel experimentiert: Es ist die helle Freude. Auch kleine Unternehmen auf dem Land erproben heute beispielsweise Konzepte wie Autovermietungen.“

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Über den Autor

 Martin Achter

Martin Achter

Redakteur Management & Handel bei »kfz-betrieb«