Durchstarten 2021 „An der BFC sind die dunklen Wolken vorbeigezogen“

Autor / Redakteur: Wolfgang Michel / Viktoria Hahn

Sylvia Gerl, Geschäftsführerin der Bundesfachschule für Betriebswirtschaft im Kfz-Gewerbe (BFC), hat frühestmöglich auf die drohenden Beschränkungen reagiert. Für die künftigen Führungskräfte bewertet sie die vergangenen Monate im Rückblick sogar als lehrreich.

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Sylvia Gerl, Geschäftsführerin der Bundesfachschule für Betriebswirtschaft im Kfz-Gewerbe (BFC).
Sylvia Gerl, Geschäftsführerin der Bundesfachschule für Betriebswirtschaft im Kfz-Gewerbe (BFC).
(Bild: BFC)

Redaktion: Wie würden Sie das allgemeine Stimmungsbild an der Bundesfachschule für Betriebswirtschaft im Kfz-Gewerbe (BFC) beschreiben?

Sylvia Gerl: Die Stimmung ist nach wie vor sehr gut, genauso wie in der Vor-Corona-Zeit. Aufgrund der jährlich stattfindenden automobilen BFC-Studienreise nach China waren wir frühzeitig auf die Entwicklungen rund um Corona fokussiert. Beim ersten Covid-Fall in Deutschland hatten wir die Weichen an der BFC bereits gestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren Begrifflichkeiten wie Shutdown oder Lockdown noch gänzlich unbekannt. Bereits im Februar war unsere komplette Infrastruktur aufgebaut. Somit konnten wir am 13. März von jetzt auf gleich online weiterzumachen.

Welche Weichen müssen jetzt gestellt werden, damit ihre Organisation die Schatten der Krise endgültig abschütteln kann?

In der BFC sind ja keine dunklen Wolken aufgezogen, ganz im Gegenteil: Sehr viele junge Menschen wollten relativ spontan die BFC im Vollzeitprogramm oder auch im Fernstudienprogramm besuchen. Bekanntlich ist das unmöglich, da wir stets ein halbes bis dreiviertel Jahr im Voraus ausgebucht sind. Insbesondere die Talente hat es getroffen: Auszubildende, die ihre Ausbildung verkürzt hatten, wurden nicht übernommen und freigestellt, da das Ausbildungsende und der Beginn der Corona-Pandemie zusammenfielen. Wir haben dann eine Ausnahme gemacht und zehn Talenten zusätzlich die Chance gegeben, das BFC-Studium aufzunehmen. Mehr war allerdings nicht möglich, da wir unsere Betreuungs- und Fortbildungsqualität halten wollten.

Welche Probleme/Herausforderungen traten/treten während der Covid-19-Krise auf?

Herausfordernd werden sicherlich die Organisation und Umsetzung unserer Carreer-Days, also die Tage, an denen wir Kfz-Betriebe mit Vakanzen mit unseren High-Potentials zusammenbringen. Bekanntlich ist der Mensch die „teuerste Zutat für den betriebswirtschaftlichen Erfolgskuchen“, und viele Betriebe sind derzeit eher auf Konsolidierungs- als auf Wachstumskurs. Es werden sicher eher Kollegen in den Betrieben ersetzt, als dass aufgestockt wird. Besonders schade, denn gerade in diesem Studienjahr haben wir großartige angehende Nachwuchskräfte bei uns, die sicher mit ihrem Wissen und Tun, den Betrieben einen großen Schub verschaffen würden.

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Zur Person
Sylvia Gerl (49)
  • Geschäftsführerin der Bundesfachschule für Betriebswirtschaft im Kfz-Gewerbe (BFC) in Northeim.
  • Zuvor Schulleiterin und Dozentin für Marketing, Personalführung und Betriebswirtschaft an der der BFC in Northeim.
  • Studium der Wirtschaftspädagogik an der Universität Göttingen.
  • Ehrenamtlich ist Sylvia Gerl engagiert im Redaktionsbeirat der offiziellen Ausbildungsmagazine »autoFACHMANN« und »autoKAUFMANN« sowie im Kuratorium einer Bürgerstiftung, in einem nationalen Schutzengel-Projekt und im Rotary Club für den Berufsdienst.

Wie wirken sich diese Probleme auf Ihre persönliche Arbeit aus? Wie hat sich Ihre Arbeit im Jahr 2020 verändert? Gibt es positive Aspekte, die Sie für Ihren Arbeitsalltag aus der Covid-19-Krise mitnehmen?

Bekanntlich bin ich sehr fleißig, aber ich musste nochmal eine Schippe drauflegen. Die Vorbereitungen auf einen eventuellen Lockdown haben Kraft gekostet. Es galt, eine Lösung zu finden, um unsere Art der Prüfungen und Klausuren online abwickeln zu können. Die täglichen Anrufe bei der Aufsichtsbehörde, um doch wieder öffnen zu dürfen, waren schon sehr kraftraubend. Zudem galt es, meine Studierenden bei Laune zu halten, ihnen zu versprechen, dass wir alles, wie ursprünglich vereinbart, zum Abschlusstermin erfolgreich abgeschlossen haben. Das alles war nicht ohne. Ein positiver Aspekt der Corona-Pandemie ist, dass wir als Mannschaft noch stärker zusammengewachsen sind. Das BFC-Team war schon immer außergewöhnlich gut, durch Covid-19 sind wir noch besser geworden. Eine weitere positive Erkenntnis war, dass meine „Digital Natives“ die ersten zehn Tage Online-Unterricht sensationell empfanden, doch dass dieses Erlebnis inflationär war. Wir wurden sehr schnell darauf hingewiesen, dass die Lehre Face-to-Face wertvoller und intensiver ist als täglich online zu sein.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren, oder werden sich Prozesse/Abläufe/Strategien künftig dauerhaft ändern? Wenn ja, mit welchen Änderungen rechnen Sie?

Wir sind seit dem 27. April wieder im Normalbetrieb, verändert haben sich nur unsere Abstände und dass wir nun alle zehn Stunden am Tag Masken tragen. Sicher werden wir es beibehalten, dass die eine oder andere Sitzung unserer Mitglieder, Förderer und Vorstände weiterhin online abgehalten wird. Die Reisezeiten nutzen wir besser für Zeiten des intensiven Austausches.

Was haben Sie aus der Krisensituation gelernt? Fühlen Sie sich für die Zukunft gewappnet?

Gelernt habe ich, dass es gut war, weitsichtig zu sein, frühzeitig zu handeln und auch einfach mal den Mut zu haben, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen und Dinge einfach auszuprobieren. Wir an der BFC sind unerschrocken und sicher gute Vorbilder für angehende Führungskräfte, weil wir gezeigt haben, dass fast alles möglich ist, wenn man sich rechtzeitig kümmert und beharrlich ist.

Wen würden Sie in dieser turbulenten Zeit als Vorbild Ihrer Branche sehen?

Wenn ich mal in unser direktes Umfeld anderer Bildungsinstitutionen schaue, waren wir – glaube ich – die Innovatoren, und andere hätten von uns lernen können. Ansonsten ist für mich unser BFC-Vorstand und Autohausunternehmer Helmut Peter ein gutes Vorbild. Trotz seiner vielen Marken, Betriebe und Menschen läuft er immer vorneweg, gestaltet und nimmt seine Mannschaften mit – ganz egal ob mit oder ohne Corona.

Wie sehen Sie aktuell den Personalbedarf, die Lage am Arbeitsmarkt und die Situation der Fachkräfte?

Meine Einschätzung ist, dass der Arbeitsmarkt enger wird, dass aus Kurzarbeit betriebsbedingte Entlassungen werden und dass die Sozialauswahl dazu führen wird, dass Jüngere, auch BFC’ler, schwieriger einen adäquaten Arbeitsplatz finden. Das Umgarnen und Hofieren jüngerer Arbeitskräfte wird sicher vorerst der Vergangenheit angehören.

Wenn Sie einem/-r Einsteiger*in die BFC schmackhaft machen wollen, wie machen Sie das?

Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass die BFC bei den Interessenten verstärkt in den Fokus gerückt ist. Sicherlich haben Auszeiten, Kurzarbeit und der Blick in die Zukunft dazu geführt, an der eigenen Expertise arbeiten zu wollen. Aus meiner Sicht sehr klug gedacht. Viele sind dann selbst aktiv geworden, sodass wir mit fast 200 BFC’lern im Vollzeit- und Fernstudienprogramm gut beschäftigt sind. Geschmack auf die BFC machen nicht wir, sondern unsere aktiven oder ehemaligen BFC’ler, die sich als Botschafter der BFC verstehen und dafür sorgen, dass ihnen Menschen mit Benzin im Blut und Autos im Kopf nachfolgen.

Welche persönlichen Worte möchten Sie Kolleg*innen in Ihrer Branche/Ihrer Organisation/Ihrem Unternehmen mit auf den Weg geben?

Seien Sie wachsam und aufgeschlossen, neue Wege zu gehen, etwas zu wagen und auszuprobieren. Es ist besser, Dinge zu versuchen, als darauf zu warten, dass sich Probleme von selbst lösen, oder zu verharren. Vergessen Sie nie, Ihre Mannschaft mitzunehmen. Sorgen Sie bei allen Unannehmlichkeiten und Problemen für eine gute Stimmung und ein Wir-Gefühl. Und zeigen Sie, dass es gut ist, eine großartige Mannschaft an Bord zu haben, um neuen Herausforderungen begegnen zu können.

Ergänzendes zum Thema
Durchstarten 2021
Gemeinsam aus der Krise

In dieser Interviewreihe geben unsere Leser*innen Einblicke in die Herausforderungen und Chancen der Corona-Pandemie. Sie verraten, was sie aus dem Krisenjahr 2020 gelernt haben. Sämtliche Interviews finden Sie unter www.kfz-betrieb.de/durchstarten.

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Über den Autor

 Wolfgang Michel

Wolfgang Michel

Chefredakteur »kfz-betrieb«