Interview „Apple hat beste Voraussetzungen, Standards zu setzen“

Autor: Viktoria Hahn

Bereits vor sechs Jahren startete Apple das interne „Projekt Titan“, das den Mobilitätsplänen des Konzerns Leben einhauchen sollte. 2024 könnte ein Apple-Car auf den Markt kommen. Peter Fintl, Leiter Technology and Innovation bei der Technologieberatung Altran, verrät im Interview, wie er die Chancen und Risiken dieses Vorhabens einschätzt.

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Peter Fintl ist Leiter Technology and Innovation beim Beratungsunternehmen Altran.
Peter Fintl ist Leiter Technology and Innovation beim Beratungsunternehmen Altran.
(Bild: Altran)

Redaktion: Laut Medienberichten will Apple 2024 mit der Produktion eines eigenen Autos beginnen. Welche Schritte müsste das Unternehmen dafür jetzt einleiten beziehungsweise bereits eingeleitet haben?

Peter Fintl: Die aktuellen Berichte kommen in ihrer Präzision zwar überraschend, haben jedoch eine Vorgeschichte: Schon seit 2014 gibt es bei Apple das „Projekt Titan“, welches sich mit den Potentialen im Bereich Mobilität beschäftigt. Ich gehe davon aus, dass Apple in der User-Experience und Software hier bereits große Fortschritte erzielt hat. Für die Entwicklung eine Fahrzeugs, quasi die Hardware, reicht der zeitliche Vorlauf bis 2024 ohne Probleme. Hier wird Apple sicherlich im Gespräch mit den etablierten Entwicklern und Auftragsfertigern sein. Ich bin mir daher ziemlich sicher, dass die Zielvorgaben sich auch umsetzen lassen. Ein Fragezeichen dabei ist jedoch die Batterie: Hier gibt es ein technologisches Risiko, außerdem muss die Fertigungskapazität geschaffen werden. Ob dies für das geplante Sonderformat ad hoc gelingt, wird spannend.

Wie schätzen Sie die Risiken für den Konzern bezüglich der Mobilitätsambitionen ein?

Produkte von Apple haben den Nimbus, in puncto Funktionalität und Usability absolut führend zu sein. Neue Geräte passen perfekt in das bestehende Ökosystem, welches stetig erweitert wird. Dieses Markenversprechen muss dann auch im Bereich Mobilität eingelöst werden. Bei den klassischen Fahrzeugtugenden wie Design, Fahrverhalten oder User-Experience bin ich da sehr zuversichtlich. Im Bereich Batterie scheint es auch machbar, Standards zu setzen. Ganz spannend wird es jedoch beim Thema Fahrerassistenz beziehungsweise beim automatisierten Fahren. Hier sind Platzhirsche wie Waymo der Benchmark. Es dürfte nicht leicht sein, hier zu überholen oder zumindest aufzuschließen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie den Erfolg eines Apple-Autos?

Hier muss man spekulieren, weil über das Produkt und die begleitenden Services noch zu wenig bekannt ist. Apple versteht es aber in jedem Fall, Benutzern neue Anwendungen leicht erschließbar zu machen. Das Unternehmen hat eine erfolgreiche Historie disruptiver Anwendungen – verfügt auch deshalb über eine treue Nutzerschaft. Hier sind ohne Zweifel gewaltige Chancen vorhanden.

Wie bewerten Sie, dass Apple offenbar eine Monozelle einsetzen will und mit Lithium-Eisenphosphat-Batterien experimentiert?

Die Batterietechnik ist längst eine Schlüsseltechnologie für die Mobilität von morgen. Es braucht eine vernünftige Reichweite zu attraktiven Preisen. Die Lithium-Eisenphosphat Technologie besticht bereits heute durch hohe Betriebssicherheit sowie außerordentliche Lebensdauer. Die Nachteile wie die geringere Energiedichte im Vergleich zur Lithium-Ionen Technologie dürften durch die verbesserte Zellkonstruktion und die optimierte Integration in das Fahrzeug mehr als ausgeglichen werden. Auch preislich kann die neue Lösung extrem attraktiv sein. Ich glaube an die technische Machbarkeit und bin auch sicher, dass Apple hier mit der Eisenphosphat-Batterie strategisch auf einem guten Weg ist.

Wie könnte ein Auto mittelfristig ins Ökosystem von Apple passen?

Apple stellt für viele Menschen schon heute den Mittelpunkt des digitalen Lebens dar. Gleichzeitig investiert das Unternehmen viel, um diese Position durch Services weiter zu festigen. Wir sehen bei den Kaliforniern unter anderem Ambitionen in den Bereichen Unterhaltung und Gesundheit. Die Mobilität könnte hier die Königsdisziplin werden. Ich könnte mir vorstellen, dass Apple neue Konzepte in Planung hat, etwa Mobilität als Abo-Service. Dies hätte immenses Potential, da User ohnehin den Ökosystem-Gedanken verinnerlicht haben.

Welche der Technologiefirmen, die offenbar Pläne haben, eigene Autos herzustellen, halten Sie für wirklich ernstzunehmende künftige Autobauer?

Waymo beziehungsweise Alphabet, ein dominierender Spieler und altbekannter Apple-Rivale, hat bereits klargestellt, dass er nicht als Fahrzeugbauer in Erscheinung treten wird. Die Kalifornier bleiben Technologieanbieter. Es herrscht insgesamt kein Mangel an öffentlichkeitswirksamen Prototypen – speziell an Skateboard-Plattformen für elektrische Fahrzeuge. Hier sind neben Sony ja auch etablierte Wettbewerber wie etwa Magna unterwegs. Um dies zum Erfolg zu führen, gehört aber noch mehr dazu. Hier hängt es nicht an der Fahrzeugtechnik. Schlüssel zum Erfolg sind in meinen Augen Services, Design, Image und Kundenerlebnis. Hier wäre Apple prädestiniert und besser aufgestellt als andere. Bei aller technologischen Exzellenz: ein Microsoft-Auto wäre sicherlich schwerer zu vermitteln.

Ist der Markt bezogen auf diese Mobilitätsambitionen nicht langsam gesättigt?

Nein. Wir sind in der Konzeptphase. Es mangelt nicht an neuen Ideen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Spieler wie Apple, mit wirklich tiefen Taschen, hat natürlich beste Voraussetzungen, hier Standards zu setzen, Ideen zur Marktreife zu bringen und letztlich den Markt zu schaffen beziehungsweise zu konsolidieren. Apple hat mit seiner Innovations- und Finanzkraft sowie dem besonderen Image die Möglichkeit, auch in der Mobilität ein dominanter Spieler zu werden.

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Über den Autor

 Viktoria Hahn

Viktoria Hahn

Volontärin des Newsdesk von »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group GmbH & Co. KG