Brexit: Autobranche fürchtet Folgen des No-Deal-Szenarios

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ZF Friedrichshafen ist seit fast einem halben Jahrhundert in Großbritannien präsent und beschäftigt dort 2.850 Mitarbeiter. An sieben Standorten produziert der Zulieferer unter anderem Komponenten für Nutzfahrzeug- und Pkw-Lenkungen sowie für Airbag- und Fahrwerksysteme. Im vergangenen Jahr hat ZF in Großbritannien einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro erzielt. Das sind 5,1 Prozent des Konzernumsatzes von 36,9 Milliarden Euro.

„Damit ist Großbritannien vor Frankreich und Spanien der bedeutendste Auslandsmarkt für ZF in Westeuropa“, so ein Unternehmenssprecher. „Die Werke in Großbritannien sind fest in die globalen Warenströme zu anderen ZF-Werken sowie zu unseren Kunden eingebunden.“ Beschäftigte, die aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oder ihres Einsatzortes vom Brexit persönlich betroffen wären, will ZF – zum Beispiel bei der Beantragung einer Arbeitserlaubnis – unterstützen. „Wir wollen deren Know-how auch in Zukunft im Unternehmen halten“, so der Sprecher.

Wie es mit ZF auf der Insel tatsächlich weitergehen wird, hängt vor allem von den langfristigen Regelungen für den bilateralen Handel ab, den Reaktionen der Kunden, die das Unternehmen in Großbritannien beliefert und vom Verhalten der Autokäufer, wenn sich Fahrzeuge durch Zölle verteuern würden. „Jetzt gilt es, besonnen zu agieren und miteinander im Gespräch zu bleiben, um die negativen Folgen eines immer noch möglichen No-Deal-Brexit im Interesse des gesamten europäischen Wirtschaftsraums abzumildern“, sagt ZF-Produktionsvorstand Michael Hankel.

Für ZF als global agierendes Unternehmen sei der Import und Export von Gütern über Ländergrenzen hinweg tägliches Geschäft. Ein freier Warenaustausch habe sich bisher stets als Vorteil für die wirtschaftliche Entwicklung erwiesen. Hankel: „Entscheidend ist nun, welche Regelungen für die Zeit nach einem Austritt Großbritanniens aus der EU getroffen werden und wie sich diese auf die Wirtschaftsbeziehungen und unsere Geschäfte auswirken.“

Schaeffler schließt zwei Werke

Andere trauen dem Brexit-Wirrwarr längst nicht mehr. Der Zulieferer Schaeffler wird seine Standorte Llanelli und Plymouth schließen. Die Produktion soll nach Deutschland, China, Südkorea und den USA verlagert werden. Honda wird sein Werk in Swindon dicht machen und sich schon bald aus Großbritannien zurückziehen. Toyota will seinen Standort Burnaston überprüfen. Dabei waren es gerade die Asiaten, die Großbritannien in den Siebzigerjahren als Produktionsstandort für sich entdeckten, um von dort Europa mit ihren Produkten zollfrei zu beliefern. Jaguar baut massiv Kapazitäten in Slowenien auf. Selbst Ford denkt über seine Zukunft auf der Insel nach. Auch die Astra-Produktion im Vauxhall-Werk Ellesmer Port ist alles andere als gesichert.

Analysten befürchten, dass sich der Ausverkauf der Automobilindustrie in Großbritannien mit dem No-Deal-Brexit fortsetzen könnte. Begonnen hat er vor vielen Jahren mit der Pleite oder Übernahme so renommierter Marken wie Jaguar, Triumph, MG, Rover, Sunbeam, Rolls Royce oder Bentley.

„Alle Beteiligten sollten jetzt daran arbeiten, einen Hard-Brexit abzuwenden. Vor diesem Hintergrund kann auch eine Verschiebung des Austrittsdatum sinnvoll sein, sofern damit substanzielle Fortschritte erreicht werden können“, hatte VDA-Präsident Mattes bereits im Januar gefordert, als noch unter Regierungschefin Theresa May ein No-Deal immer wahrscheinlicher zu werden schien. Neun Monate später und kurz vor Torschluss ist diese Forderung wohl aktueller denn je.

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