Brexit: Autobranche fürchtet Folgen des No-Deal-Szenarios

Hersteller und Zulieferer schließen bereits Werke

| Autor: ampnet/Rainer Strang

(Bild: Mini)

Seit letzter Woche stehen die Chancen wieder etwas besser für einen geordneten Brexit. Doch die Gefahr eines chaotischen Ausscheidens ist längst nicht gebannt, das Damoklesschwert des No-deal-Brexits schwebt weiter über der Wirtschaft in Großbritannien, in Deutschland und in den anderen Staaten der EU. Während sich viele inzwischen lieber ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende wünschen, mahnt die europäische Automobilbranche: Die Auswirkungen eines No-Deal-Szenario werden gravierend sein. Von Kosten in Milliardenhöhe und Arbeitsplatzverlusten ist die Rede.

Er liege lieber tot im Straßengraben, als den Brexit zu verschieben, hatte der britische Premier Boris Johnson gesagt. Für den Worst Case hat die Regierung einen Brexit-Notfallplan ausarbeiten lassen. Denn sie befürchtet, dass ein No-Deal zu Versorgungsengpässen bei Medikamenten und Lebensmitteln führen könnte. Auch auf Massenproteste wie in Paris und anderen Städten Frankreichs bereitet man sich vor. Nach Schätzungen des Industrieverbands BDI wird das Brexit-Drama die deutsche Wirtschaft allein in diesem Jahr 17 Milliarden Euro kosten.

BMW würde ein No-Deal besonders hart treffen. Kein anderer deutscher Automobilhersteller ist auf der Insel so präsent wie die Bayern. „Mit vier Werken, die Fahrzeuge, Komponenten und Pressteile für alle unserer drei Automobilmarken produzieren, spielt das Vereinigte Königreich eine wichtige Rolle im Produktionsnetzwerk der BMW Group“, heißt es aus der Konzernzentrale.

In den Werken Oxford und Goodwood laufen die Modelle von Mini und Rolls Royce vom Band. Rund 80 Prozent der Produktion gehen in den Export. 400 EU-Lieferanten versorgen die BMW-Werke auf der Insel täglich mit 120 Lastwagenladungen Material. In Hams Hall fertigt das Unternehmen Motoren auch für seine Fahrzeugproduktion in Deutschland und in den USA. In seinen britischen Werken beschäftigt der Konzern 8.000 Menschen. Im Handel sind es weitere 16.000. Zudem stützt BMW in Großbritannien weitere 50.000 Jobs – etwa bei Automobilzulieferern.

Münchner fordern Rechtssicherheit

Zwölf Prozent der BMW-Beschäftigten im Vereinigten Königreich sind EU-Bürger, aber keine britischen Staatsangehörigen. „Rechtssicherheit ist dringend erforderlich, um die Kontinuität der Beschäftigung zu gewährleisten. Der uneingeschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt des Vereinigten Königreichs muss ebenso garantiert werden wie die Mobilität der Arbeitnehmer in der Europäischen Union und weltweit“, betont eine Unternehmenssprecherin.

Noch größere Sorgen bereitet dem BMW-Vorstand wohl die Vorstellung von zeitaufwändigen Kontrollen, langen Lkw-Staus an der Grenze, teurer Lagerhaltung statt Just-in-time-Lieferung und Zöllen, die im Falle eines No-Deal-Brexit für alle Produkte fällig wären und zwangsläufig zu höheren Preisen führen würden. Deshalb bekräftigt die Sprecherin: „Mit Blick auf die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU favorisiert die BMW Group ein einfaches Modell ohne Zölle oder zusätzliche administrative Hürden. Eine Zollunion, die durch eine harmonisierte EU-Regulierung unterstützt wird, würde den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr ohne Einschränkungen für die lokale Wertschöpfung gewährleisten.“ Das setzt einen geordneten Brexit voraus.

Den mahnte auch die europäische Automobilindustrie, vertreten durch ihre Verbände, in einem Brandbrief an die britische Regierung und die EU-Kommission an und warnte vor Zöllen in Milliardenhöhe, die den Verbrauchern auf beiden Seiten des Kanals im Falle eines No-Deal nicht zuzumuten wären – und katastrophale Folgen für die Branche hätten. Eine Produktionsunterbrechung von nur einer Minute allein in Großbritannien würde Kosten in Höhe von 54.700 Euro verursachen.

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„Die Automobilindustrie in der EU und im Vereinigten Königreich benötigt einen reibungslosen Handel. Sie würde durch zusätzliche Zölle und Verwaltungskosten erheblich geschädigt“, betont Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie (VDA). Mehr als 100 Produktionsstätten sowie Forschungs- und Entwicklungsstandorte in Großbritannien seien Beleg für das Engagement der deutschen Automobilindustrie auf dem britischen Markt.

Harter Brexit träfe Zulieferer heftig

Sigrid de Vries, Generalsekretärin der European Association of Automotive Suppliers (CLEPA), teilt die Sorgen ihres Kollegen Mattes: Die europäische Automobilindustrie betreibt hochintegrierte globale Lieferketten. Ein einzelnes Fahrzeug besteht aus bis zu 30.000 Teilen, von denen viele mehrmals die Landesgrenzen passieren. Da sind ein reibungsloser und zollfreier Handel sowie Rechtssicherheit von entscheidender Bedeutung.“ Mike Hawes, CEO der britischen Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT), sieht sogar das Risiko, dass „die europäische Automobilindustrie als wichtige Säule unserer Volkswirtschaften durch einen No-Deal-Brexit zerstört werden könnte“.

Auch die deutschen Zulieferer würde ein harter Brexit schwer treffen. Für sie stehen fast vier Milliarden Euro auf dem Spiel. Das sind fünf Prozent des Gesamtumsatzes. Dadurch geraten 14.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte.

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