Bugatti Chiron: Wenn der Tacho bis 500 geht

Autor / Redakteur: sp-x / Jens Rehberg

Das neueste Modell der Edel-Schmiede ist in Dimensionen unterwegs, von denen normale Autofahrer höchstens träumen können. Fährt der Chiron bereits 420 Sachen schnell, hat er noch 250 PS in Reserve.

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Wenn sich der Milliardär etwas Besonderes gönnt, dann ist es nicht selten ein Bugatti.
Wenn sich der Milliardär etwas Besonderes gönnt, dann ist es nicht selten ein Bugatti.
(Bild: Bugatti)

Man macht sich ja keine Vorstellung, mit welchen Schwierigkeiten Entwickler eines Supersportwagens konfrontiert sind. Da hat man den stärksten Serienmotor der Welt konstruiert – 1.500 PS – und es gibt keinen Motorenprüfstand, auf dem man ihn testen kann. Reifen werden üblicherweise auch nicht bis knapp 500 km/h geprüft. Wie also sicherstellen, dass sie einem nicht um die Ohren fliegen? Und dann diese gut 1,60 lange Alu-Spange, die sich einfach nicht so herstellen lässt, wie vom Design vorgesehen. Was tun? Die Antwort: Wenn das Auto ein Bugatti werden soll, muss man schlicht in Superlativen denken.

 

Nach vier Jahren Entwicklungszeit bringt Bugatti im Herbst den Chiron auf den Markt. Der Supersportwagen ist der Nachfolger des bis 2015 insgesamt 450 Mal gebauten Veyron. Gleichzeitig ist der Zweisitzer die Steigerung des Superlativs: War der Veyron schon luxuriös (ab 1,2 Millionen Euro), stark (zuletzt 1.200 PS) und schnell (Rekordhalter mit 431 km/h), so soll ihn sein Nachfolger in allen Belangen übertreffen.

 

Bugatti Chiron: Wenn der Tacho bis 500 geht
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„Am Anfang stand die Maximalgeschwindigkeit“, sagt Entwicklungsleiter und Bugatti-Geschäftsführungsmitglied Willi Netuschil. „Daraus ergaben sich notwendige Leistung und Drehmoment in Abhängigkeit vom Luftwiderstand.“ Wenn das 16-Zylinder-Aggregat mit Registeraufladung hinter den Sitzen grollend loswütet – einundzwanzig, zweiundzwanzig, drei- jetzt ist der Chiron auf 100 km/h – fängt die Elektronik den Fahrer erstmals bei Tempo 380 ein. Wem bis dahin noch nicht die Luft weggeblieben ist, der kann mittels „Speed-Key“, einem speziellen Schlüssel, die Raserei bis 420 km/h treiben. Hier greift abermals der Begrenzer. Mit den dann noch vorhandenen Reserven könnte man einen Normalo-Sportwagen bestücken: 250 PS sind bei 420 km/h noch übrig.

 

Genug, um den Veyron-Rekord deutlich einzustellen. Die Vorbereitungen laufen, zum geplanten Maximal-Speed schweigen die Verantwortlichen eisern. Gut, die speziell für den Chiron entwickelten Michelin-Reifen sind vorsichtshalber bis 470 km/h getestet, in der Spitze sogar bis 490 km/h. Übrigens auf einem Reifenprüfstand für Flugzeuge, „kein Pkw-Prüfstand schafft diese Geschwindigkeiten“, so der Leiter Fahrwerksentwicklung, Jachin Schwalbe.

 

Möglich macht die kaum zu fassenden Dimensionen das 1.500-PS-Aggregat: Ein W16-Motor mit acht Litern Hubraum und vier Turboladern. 95 Prozent des Motors sind neu. Die rund zwei Drittel größeren Abgasturbolader werden jetzt zweistufig aufgeladen, so dass der Fahrer das volle Drehmoment (1.600 Nm) früh (ab 2.000 U/min) und lange (bis 6.000 U/min) spürt. „Die beste Möglichkeit, 1.500 PS zu kontrollieren, ist es, wenn die Leistungskurve möglichst linear verläuft“, erklärt Netuschil. Drei neue Motorenprüfstände wurden eigens für das Chiron-Triebwerk entwickelt.

Noch stammt die brachiale Leistung also aus den 16 Zylindern mit acht Litern Hubraum. Grundsätzlich ist eine Elektrifizierung für die Bugatti-Entwickler in Zukunft zumindest denkbar – allerdings nicht, um Sprit zu sparen: „Wenn wir eine solche Technologie adaptieren würden, dann, um auch eine höhere Maximalgeschwindigkeit zu erreichen“, sagt Chef-Entwickler Netuschil.

Pleuelstangen und Abgasanlage aus Titan

Für das heutige 436-Kilo-Aggregat mussten alle anderen Fahrzeugteile abspecken. „Mit Leichtbau am ganzen Auto kompensieren wir das Mehrgewicht, das durch mehr Leistung und Drehmoment entsteht“, so Netuschil. Motorblock aus Aluminium, Pleuelstangen und Abgasanlage aus Titan. Saugrohr, Monocoque und Hinterwagen aus Karbon – um nur einige Beispiele zu nennen. Das einzige nicht gewichtsoptimierte Teil am Chiron ist das Logo im markentypischen Hufeisen: Es ist aus massivem Silber.

 

Flankiert wird es von den flachsten Voll-LED-Scheinwerfern im Autobau: Die acht Leuchtquadrate sind nur neun Zentimeter hoch. Der Versuchung, dabei allzu trendy zu werden, haben die Designer widerstanden: „In einer Zeit, in der automobile Tagfahrlichtsignaturen zunehmend modisch erscheinen, haben wir mit dem Acht-Augen-Gesicht eine eindeutige und zeitlose Identität geschaffen“, so Chef-Designer Achim Anscheidt.

 

Zeitlos, aber mit Details, an die man sich erinnert: Wie zum Beispiel die Mittelfinne, die sich über das gesamte Auto bis ins Heck zieht und die eine Reminiszenz an den Kamm des Vorkriegswagens „Atlantic“ ist. Oder die Bugatti-Linie genannte, seitliche C-Spange, hinter der sich die Lufteinlässe für den Mittelmotor verbergen. „Sowohl für unsere Kunden als auch für uns Designer ist es wichtig, dass ein Bugatti eine stilistische Langlebigkeit besitzt und auch in 10 oder gar 50 Jahren als wertvoll wahrgenommen wird“, so Anscheidt.

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