Die Oldtimer-Forensikerin

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Lackerhaltung erfordert Kreativität

Einen Lack zu erhalten ist deutlich aufwendiger, als die Farbe neu anzumischen und das Auto damit zu lackieren. Damit die originale Substanz auch möglichst umfangreich erhalten bleibt, greift die Restauratorin zu kreativen Mitteln. Lackstücke werden mit Klebenadeln oder mit einem Bügeleisen wieder fixiert. Für diese diffizile Arbeit an der jahrzehntealten Farbschicht ist neben viel Erfahrung jede Menge Geschick nötig. Die exakten Handbewegungen gleichen denen eines versierten Chirurgen. Dass so ein Bugatti oder alter Alfa Romeo nicht antiseptisch sind, spürt Gundula Tutt oft genug am eigenen Leib. Mehr als einmal hat sie sich an scharfen Blechen, wenn sie an schwer erreichbaren Stellen hantiert, die Haut aufgeritzt.

Nach der Analyse des Lackes kommt die eigentliche Arbeit: Für das Anmischen verwendet Gundula Tutt eine selbst entworfene Farbmischmaschine. Auf die Frage, was das Geheimnis hinter dieser Apparatur ist, antwortet sie mit einem freundlichen Lächeln: „Sorry, Betriebsgeheimnis.“ Der Weg zu diesem Know-how kam nicht über Nacht. Eines der ersten Projekte war ein Bugatti T43, bei dem der Lack von der Zeit gezeichnet war, der Boden der Karosserie gefehlt hat und die Innenausstattung beschädigt war. „Damals war ich etwa sechs Wochen unter Hochspannung und habe nachts teilweise sogar von der Arbeit an dem Auto geträumt“, erzählt Gundula Tutt.

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Als die Restauratorin verschiedene Sattler abklapperte, um die Innenausstattung mit Rosshaar und Stahlfedern, aber ohne Kleber und Tackerklammern wieder in Schuss zu bringen, erntete sie verständnisloses Kopfschütteln. „Die haben mich angeschaut, als wäre ich geistesgestört“, lacht sie heute. Abhilfe schaffte das Buch „Polsterlehrgang“ aus dem Jahr 1950. Mit dieser Anleitung zum Selbermachen brachte Gundula Tutt das Interieur in Eigenregie wieder auf Vordermann.

Sogar das Leder färbte sie selbst und nutzte dazu ein Rezept aus den 1930er Jahren. Das Lackieren kleiner Flächen erledigte Tutt mit einer Airbrushanlage, für die großen „Baustellen“ fand sie einen Lackierer, der das Handwerk mit den alten Farben nach ihren Vorgaben hinbekam. Heute verfügt Gundula Tutt über ein funktionierendes Netzwerk, das ihr einige Aufgaben abnimmt.

Arbeiten wie bei CSI

Um die automobilen Preziosen wieder schick zu machen, sind intensive Untersuchungen des Lacks notwendig. Schließlich geht es zunächst darum, den Original-Lack zu identifizieren. Der verbirgt sich manchmal unter mehreren Schichten und bisweilen stellt sich heraus, dass der angebliche Originallack eine Überlackierung darstellt. Um die entsprechende Schicht herauszufinden, helfen Lichtquellen. Die Fans der CSI-Serien kennen das Prozedere, wenn die Ermittler, die zu untersuchenden Flächen mit verschiedenfarbigen Lichtquellen beleuchten und mit den passenden Filtern die Farbübergänge sichtbar machen.

Das Mikroskop kommt zum Einsatz, um anhand der Zellen die Holzart der Fahrzeugaufbauten zu identifizieren. „Auf diese Weise konnte ich an einigen nie bearbeiteten Fahrzeugen nachweisen, dass im Karosseriebau früher beileibe nicht 'alles Esche' war“, erklärt die Restauratorin. Gundula Tutts Expertise ist mittlerweile weltweit gefragt. Die Restauratorin ist ein Teil der Arbeitsgruppe der Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA), die die Charta von Turin verfasst hat, welche die Leitsätze für Nutzung, Unterhalt, Konservierung, Restaurierung und Reparatur von historischen Fahrzeugen zusammenfasst.

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