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Elektromobilität mit der Brechstange

Autor / Redakteur: Stephan Richter / Jens Rehberg

Ohne nachhaltiges Konzept drängt die Politik Industrie und Handel zur Elektromobilität. Branchenvertreter diskutierten anlässlich der Automobilmesse in Erfurt über reale Kundenwünsche, düstere Prognosen und Verantwortlichkeiten.

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Im Mittelpunkt der Eröffnungsfeier der Automesse Erfurt stand eine Podiumsdiskussion.
Im Mittelpunkt der Eröffnungsfeier der Automesse Erfurt stand eine Podiumsdiskussion.
(Bild: Stephan Richter)

Im Wettrennen um die Vorherrschaft auf dem Feld der Elektromobilität könne Deutschland schneller als erwartet den Anschluss verlieren. Es fehle nicht nur an einer flächendeckenden Infrastruktur, sondern auch an entsprechender Akkuleistung und preisattraktiven Fahrzeugen. Die Verantwortung für ein nachhaltiges Konzept liege somit bei der Politik und der Automobilindustrie. Die Autohäuser in Deutschland wären bei diesen Themen zum jetzigen Zeitpunkt nur bedingt handlungsfähig. So lauten die Aussagen einer Podiumsdiskussion anlässlich der Eröffnungsfeier der Automobilmesse Erfurt.

Auch die Zuliefererbranche sehe sich nicht in der Lage, die richtigen Weichen zu stellen, sagte Michael Millitzer, Vorstandsvorsitzender des Zulieferernetzwerkes „Automotive Thüringen e.V.“. Er geht davon aus, dass in den kommenden sechs Jahren die Automobilzulieferer in Deutschland bis zu 40.000 Arbeitsplätze in der Fertigung von mechanischen Teilen einsparen müssen. Denn die Frage sei, ob die Elektroautos der Zukunft überhaupt in Deutschland gebaut werden. Schon jetzt produzieren die Hersteller über die Hälfte der 85 Millionen jährlich gebauter Fahrzeuge außerhalb der EU.

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Opel-Vertriebschef Jürgen Keller setzte dem entgegen, dass Opel mit dem kommenden Ampera E bald das passende Fahrzeug im Angebot habe und gleichzeitig an seinem Werk in Eisenach festhalte – dort möchte der Hersteller ab 2019 den neuen Mokka X bauen.

Dieselnachfrage hält an

Entgegen den weltweiten Diskussionen zur Elektromobilität unterstreiche die Kundennachfrage noch immer die Daseinsberechtigung des Verbrennungsmotors, sagte Thomas Peckruhn, geschäftsführender Gesellschafter der Autohaus-Liebe-Gruppe: „Der SUV-Boom hält an und noch verfügen 99 Prozent der Fahrzeuge auf den Straßen über einen Verbrennungsmotor. Die aktuellen Elektroautos wecken keine Begehrlichkeiten, sondern sind von Verzicht geprägt.“ Anthony Bandmann, Geschäftsführer Volkswagen Bank, ergänzte, dass seit Juni 2016 gerade einmal 9.000 Anträge auf eine Kaufprämie eingegangen wären.

Peckruhn betonte, dass Hybrid-Motoren eine interessantere Variante der Mobilität wären – dabei schloss er Gas und synthetische Kraftstoffe mit ein. Zugleich seien sparsame Dieselantriebe unverzichtbar, um die von der Politik geforderten CO2-Ziele einzuhalten. Denn es gäbe keine umweltschonendere Alternative zu aktuellen Euro-6- sowie kommenden Euro-7-Motoren. Wichtig sei nur, dass die Kunden frühzeitig über Gesetzesänderungen wie die blaue Feinstaubplakette aufgeklärt würden, um diese Argumente in zukünftige Kaufentscheidungen mit einfließen zu lassen. Alles andere wäre eine „Verdummung des Verbrauchers“, sagte Peckruhn.

Finanzierung auch online ein Thema

Neben der Elektromobilität müsse sich der Autohandel auch auf den Wandel im Rahmen der Digitalisierung vorbereiten, sagte BDK-Sprecher Dr. Hermann Frohnhaus: „Der Handel muss dafür Sorge tragen, dass die Kunden auf einer Händlerwebseite landen.“ Der Kunde informiere sich im Internet schon jetzt vornehmlich außerhalb der Öffnungszeiten eines Autohauses über den nächsten Fahrzeugkauf. Um auch online Antworten auf Finanzierungsfragen zu geben, rät Frohnhaus zu Programmen, mit denen die Kunden unter anderem die Raten kalkulieren, die Kreditwürdigkeit belegen oder ihr Fahrzeug zum Kauf anbieten können. Zu diesem Zweck bereite die BDK aktuell neue Tools vor.

Erfurt im Autofokus

Die Automobilmesse Erfurt fand in diesem Jahr zum zehnten Mal statt. Zum Jubiläum zählte der Veranstalter 130 Aussteller – darunter 27 Automarken. Die Veranstalter rechneten mit über 30.000 Besuchern auf dem Messegelände der thüringischen Landeshauptstadt.

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 Stephan Richter

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