Fast abgefahren und haftet trotzdem

Moderne Winterreifen bringen auch mit wenig Profil erstaunliche Leistungen

07.01.2008 | Autor: Jan Rosenow

Die Testfahrten in Finnland zeigten, wie viel Grip moderne Reifen auf Schnee aufbauen können.
Die Testfahrten in Finnland zeigten, wie viel Grip moderne Reifen auf Schnee aufbauen können.

„Der Michelin Primacy Alpin PA3 hält bis zu 38 Prozent länger als die Winterreifen der wichtigsten Wettbewerber im Premiumsegment.“ Dieses selbstbewusste Fazit zog der französische Reifenhersteller aus den Ergebnissen des Michelin-Reifenmarathons, der im September 2007 stattfand. Elf Tage und Nächte lang fuhren ganz normale Autofahrer die Winterpneus von Michelin und andereren Herstellern planmäßig ab – über eine Distanz von mehr als 230 000 Kilometern. Das Ergebnis: Bis zur empfohlenen Mindestprofiltiefe von vier Millimetern kann der Michelin-Fahrer immerhin 24 500 Kilometer zurücklegen.

Doch Laufleistung ist nicht alles. Das weiß auch Michelin und lud die Fachpresse ein, die verbliebene Leistungsfähigkeit der im Reifenmarathon verschlissenen Pneus auf schneebedeckten finnischen Straßen zu testen. Denn „Holzreifen“, die zwar die Lebensdauer einer Schildkröte erreichen, aber auf Schnee und Eis nur den Grip einer polierten Bratpfanne aus Stefan Raabs „Wok-WM“ bieten, braucht heute niemand mehr.

Beinahe hätte das Wetter diesen Plan jedoch durchkreuzt. Ein unerwarteter Temperaturanstieg verwandelte das Testzentrum in Rovaniemi, knapp südlich des Polarkreises, kurzfristig in eine Schlammgrube aus Schneematsch. Erst in allerletzter Minute sanken die Temperaturen wieder auf gewohnte zehn Grad unter Null und machten die Übungsstrecken passierbar.

Lamellen und Silika

Auf vier identischen VW Golf 1,4 TSI hatten die Michelin-Techniker folgende Winterreifen montiert: das eigene Modell Primacy Alpin PA3, den Conti Winter Contact TS 810, den Bridgestone Blizzak LM-25 und den Goodyear Ultragrip 7. Die Profiltiefe, die den Gummis nach dem aufreibenden Dauertest noch geblieben war, lag zwischen 5,3 Millimetern (Michelin) und 3,5 Millimetern (Goodyear). Den Goodyear hätte ein fürsorglicher Autofahrer, der sich an die für Winterreifen empfohlene Mindestprofiltiefe von vier Millimetern hält, also schon ersetzen müssen.

Doch auch für ihn galt das, was alle modernen Premium-Wintermodelle auszeichnet: mit ihren Tausenden von Lamellen und den hochentwickelten Silika-Gummimischungen sind sie auch in weit abgefahrenem Zustand zu guten Leistungen fähig. Der Testfahrparcours umfasste Übun-gen zum Anfahren, Bremsen, Handling und zur Seitenführung. Wie sich die Produkte der einzelnen Hersteller in den Händen der mehr oder weniger versierten Testfahrer schlugen, zeigen die Tabellen.

Das Fazit: Ihre Leistungen bewegen sich auf ähnlichem Niveau, jedoch führen offensichtlich unterschiedliche technische Wege zu diesem Ziel. Der Goodyear erzielt seine guten Werte mit einer haftungsstarken, aber weichen und recht schnell verschleißenden Gummimischung. Michelin verspricht längere Lebensdauer bei vergleichbarer Leistung. Zwischen den beiden Extremen ordneten sich die Produkte der Wettbewerber Continental und Bridgestone ein.

Noppen und Mulden

Auf welch hohem technischen Niveau die Entwickler der Reifenindustrie mittlerweile arbeiten, zeigt das Beispiel des Goodyear Ultragrip 7. Wie bei jedem anderen modernen Winterreifen weisen seine Profilblöcke Lamellen auf, die die Oberfläche des Profils vergrößern, Angriffskanten bilden und so mehr Grip sicherstellen.

Allerdings destabilisieren diese Lamellen die Profilblöcke und können deshalb zu einem schwammigeren Fahrverhalten führen. Um diese Nachteile in Grenzen zu halten, reichen nach Angaben von Goodyear bei vielen Winterreifen die Lamellen nur bis in eine Profiltiefe von vier Millimetern.

Der amerikanische Hersteller hingegen hat für den Ultragrip 7 so genannte 3D-Lamellen entwickelt, die auf ihren Innenseiten pyramidenförmige Noppen mit abgeflachter Spitze und dazu passende Mulden tragen. Sobald die Profilblöcke auf der Straße aufsetzen, verschließen die Noppen die entsprechenden Mulden der gegenüberliegenden Seite und verzahnen so die Lamellen miteinander. Dies führt zu einer höheren Steifigkeit der Lamellenblöcke und somit zu einem stabileren Lenkverhalten.

Goodyears Reifenwerke sind mittlerweile in der Lage, diese spezielle Lamellenart bis zum Profilgrund einzuarbeiten. Damit bleiben die Eigenschaften des Reifens über die gesamte Lebensdauer relativ konstant.

Karkasse und Gürtel

Auch beim Wettbewerber Michelin Primacy Alpin PA 3 sorgen verzahnte Lamellen für Grip. Die „Stabiligrip“ genannte Konstruktion weist mehr als 1 200 Einschnitte auf, die in horizontaler und vertikaler Richtung verlaufen. Dadurch blockieren sich die Lamellen gegenseitig. Effekt: Der Michelin Primacy Alpin PA3 fährt trotz höherer Lamellendichte stabil und exakt.

Das Geheimnis der langen Lebensdauer des PA 3 erklärt der französische Hersteller mit der neu entwickelten Reifenarchitektur. Durch das aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Karkasse, Gürtel und Profil sollen sich die Kräfte gleichmäßig auf eine wesentlich größere Fläche verteilen als bei herkömmlichen Reifen. Deshalb nutzt sich der Pneu gleichmäßig und langsam ab.

Moderne Winterreifen bieten also auch bei schwindender Profiltiefe viel Sicherheit. Das soll den Serviceberater aber nicht davon abhalten, seinem Kunden rechtzeitig neue Pneus anzubieten. Dass die Reifenindustrie unisono einen Mindestwert von vier Millimetern empfiehlt, geschieht sicher nicht ganz uneigennützig.

Den gleichen Wert fordert aber seit dem 1. Januar auch die österreichische Gendarmerie ein, wenn die Straße zum Skigebiet schneebedeckt ist.

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