Mit strenger Hand, hierarchisch und zentralistisch soll der Autonarr das immer größer werdende VW-Imperium gelenkt haben. Der „Spiegel“ beschrieb die Atmosphäre bei Volkswagen unter Piëch und Winterkorn einmal als „Nordkorea minus Arbeitslager“. Der frühere Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück sagte dem Radiosender SWR Aktuell am Dienstag, Piëch habe „nicht nach Umfragen geschaut, sondern er hat nach seinem Bauch, nach seinem Gefühl, nach seinem Verstand agiert“.
„Er verstand sich klar als denjenigen, der den Laden führt“, sagt Branchenexperte Bratzel. Auch aus dem Aufsichtsrat heraus: „Der Vorstandsvorsitzende war lediglich der Ausführende. Wenn Piëch in dieser Beziehung das Gefühl hatte, dass Ross und Reiter verwechselt werden und der Vorstand zu mächtig wurde, dann handelte er.“
Wegbegleiter würdigen Ex-VW-Chef Piëch
Bratzel führt das auch auf die besondere Rolle der Familien Piëch und Porsche im VW-Konzern zurück. Über die von ihnen kontrollierte Holding Porsche SE halten sie die Mehrheit an Volkswagen. „Piëch hat Volkswagen als Familienunternehmen gesehen, als sein Unternehmen. Das war für ihn eine Selbstverständlichkeit“, sagt Bratzel.
Ferdinand Piëch spielte bei VW und Porsche allerdings zuletzt keine Rolle mehr. 2017 verkaufte er für rund 1,1 Milliarden Euro den Großteil seiner Porsche-SE-Stammaktien an die Familie, einige Monate später legte er sein Porsche-Aufsichtsratsmandat nieder – seither hatte er nichts mehr mit der Holding zu tun gehabt und sehr zurückgezogen gelebt.
Öffentliche Auseinandersetzung mit Martin Winterkorn
Dem Ausstieg vorausgegangen war die öffentliche Auseinandersetzung mit Winterkorn. Im April 2015 sagte Piëch dem „Spiegel“, er sei „auf Distanz“ zu seinem einstigen Vertrauten. Doch mit Hilfe einer Allianz aus dem Land Niedersachsen und dem mächtigen Betriebsrat setzte sich schließlich Winterkorn in dem Machtkampf durch. Piëch hingegen musste seinen Platz räumen und zog sich auch bei Porsche zurück.
„Das war sicher eine Zäsur“, sagte sein Cousin Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef bei Porsche, einst dem „Stern“. „Ich frage mich immer wieder, wie sich jemand mit einer solch großartigen Lebensleistung innerhalb kürzester Zeit selbst ins Abseits bugsieren konnte.“
Piëch war aber nicht nur Manager – der technikversessene Maschinenbauer konnte auch einen Motor zusammenschrauben. Privat segelte er gerne, beschäftigte sich mit fernöstlicher Kultur und japanischer Ethik.
Bei Volkswagen blieb in den Jahren nach Piëch kaum ein Stein auf dem anderen, auch vor dem Hintergrund des kurz nach seinem Abgang bekanntgewordenen Dieselskandals. Ein „Kulturwandel“ wurde in Wolfsburg ausgerufen: weniger Zentralismus, mehr Verantwortung für die einzelnen Manager, mehr interne Kritik. Die Mitarbeiter sollten nicht mehr zittern vor einem Patriarchen wie Piëch.
Ostern 2017 wurde Piëch 80 Jahre alt. Zum Geburtstag würdigte VW die Verdienste des Auto-Managers: „Ferdinand Piëch hat das Automobil, unsere Industrie und den Volkswagen-Konzern in den vergangenen fünf Jahrzehnten maßgeblich geprägt“, sagte ein VW-Sprecher. „Sein Lebenswerk ist gekennzeichnet von mutigem Unternehmertum und technologischer Innovationskraft.“
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