Golf 2: Verschrotten oder einmotten?

Redakteur: Steffen Dominsky

In kaum sechs Jahren können die Besitzer eines frühen Golf 2 ein Oldtimer-H-Kennzeichen beantragen. Stellt sie die Frage: Hat der wolfsburger Millionenseller das Zeug zum echten Oldtimer?

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Was haben Fahrzeuge wie ein BMW M3, ein Mazda MX 5 und ein Mercedes SL gemeinsam? Richtig: Sie werden fast schon als Klassiker von morgen geboren. Häufig erwerben Liebhaber sie bereits als Neufahrzeug und behalten sie dann, bis die Schwelle zum Klassiker erreicht ist. Damit gehören diese Autos aber zu einer Minderheit. Die überwiegende Mehrheit der Fahrzeuge – allen voran die in großen Stückzahlen gebauten Volumenmodelle – erlangen erst nach vielen Jahren einen Kultstatus, wie zum Beispiel Brezel-Käfer oder Hundeknochen-Escort. Aber ein Golf 2? Der Oldtimer von übermorgen?

Hauptkriterium für die Definition eines Fahrzeugs als Oldtimer ist sein Alter. Die 30-Jahre-Grenze gilt gemeinhin als Messlatte. Das heißt: die ersten Golf 2 können in rund sechs Jahren diese Anerkennung und somit auch das H-Kennzeichen erhalten. Was unterhalb dieser 30-Jahre-Grenze liegt, wird allgemein als Youngtimer definiert – also Fahrzeuge, die etwa 20 bis 30 Jahre auf dem Blechbuckel haben. Und dazu zählen die ersten Jahrgänge der zweiten Generation des Wolfsburger Erfolgsmodells allemal.

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Beginn einer Karriere

Wir schreiben das Jahr 1983. Trotz anfänglicher, massiver Rostprobleme hat sich der Golf 1 im Laufe seiner Produktionszeit für Volkswagen zu einem Riesenerfolg entwickelt. Doch nach neun Jahren ist die Zeit reif für einen Nachfolger: Der Golf 2 betritt im August des Jahres die Auslieferungsbühnen der Händler. Und nachdem man bekanntlich aus Fehlern lernen soll, haben die Wolfsburger Autobauer – gerade was das Kapitel Rost betrifft – reichlich Überstunden gemacht. Sie haben ihrem neuen Sprössling eine bisher nicht gekannte, nahezu perfekte Rostschutzvorsorge für ein langes Autoleben mitgegeben. Das erklärt auch, dass genau 15 Jahre nach Produktionsende der Golf 2 noch wie selbstverständlich zu unserem Straßenbild gehört.

Exakt 641.528 Exemplare (laut KBA, Stand 01.01.2007) sind allein auf deutschen Straßen noch unterwegs. Das sind rund 10 Prozent aller jemals gebauten Golf 2. Diese Tatsache spricht aber auf den ersten Blick mehr für die Langzeitqualitäten des Wolfsburgers als für dessen Klassikerpotenzial. Doch wann hat ein Auto nun das Potenzial zum Klassiker?

Richtige Prognose

Gerade für den Handel wäre es hilfreich, mittels konkreter Kriterien besagtes Potenzial frühzeitig und zuverlässig abschätzen zu können. Und solche Kriterien gibt es durchaus, nämlich dann, wenn ein Fahrzeug:

u eine stilistisch bahnbrechende Form hat, wie zum Beispiel ein Citroën DS oder ein NSU Ro 80

u technisch innovativ war, wie zum Beispiel der Audi Quattro oder ein BMW 2002 Turbo

u sehr individuell ist, beziehungsweise einer Kleinserie entstammt, wie ein Bitter CD auf Opel Basis oder ein BMW Alpina

u im Rennsport sehr erfolgreich war, wie zum Beispiel eine Renault Alpine oder eine Ford Capri RS.

Betrachtet man nun den Golf 2 unter diesen Gesichtspunkten, so ergibt sich:

u Eine bahnbrechende Form hat der Golf 2 sicher nicht, ist er doch nur eine behutsame Weiterentwicklung seines Vorgängers.

u Technische Innovationen gibt es bei näherer Betrachtung durchaus beim Golf 2 in Form der G60- und Syncro-Modelle, auch wenn sich das Konzept des Spiralladers als Sackgasse herausstellte.

u Allein aufgrund der produzierten Stückzahlen können vom Golf 2 höchstens die Modelle Country, Rallye und G60 als individuell angesehen werden.

u Erfolge im Rennsport hat der Golf 2 nur vereinzelt im Rallyesport vorzuweisen.

Richtige Einschätzung

15 Jahre nach Produktionsstop müsste sich demnach ein eventuell vorhandenes Klassikerpotenzial einzelner Modellvarianten an den aktuellen Preisen, sprich Marktwerten, erkennen lassen. „Liegt der Marktwert über 10 bis 15 Prozent des ehemaligen Neupreis, so kann von einem gewissen Klassikerpotenzial ausgegangen werden“, erklärt Peter Deuschle, Oldtimerexperte von der GTÜ.

In der unten abgebildeten Tabelle wird für einige exemplarische Modellvarianten (mit Angabe der KBA-Bestandszahlen) dieser aktuelle Marktwert im Verhältnis zum damaligen Neupreis gesetzt.

Anhand dieser Aufstellung kann man erkennen, dass 54 PS-Diesel und 55 PS-Benziner bis heute kein Klassikerpotenzial besitzen und voraussichtlich auch in gutem Erhaltungszustand noch für längere Zeit in der 1 000 Euro-Klasse gehandelt werden. Beim GTI 16V ist es wahrscheinlich, dass gut erhaltene und originale Exemplare in Verbindung mit weiter sinkendem Bestand zum Klassiker werden.

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Experten-Tipp

Die G60-Ausführungen haben diesen Status bereits erreicht und Experten wie Deuschle gehen davon aus, dass ihre Marktwerte mittelfristig weiter ansteigen werden. Das gilt ganz besonders für den Rallye-Golf, dessen heutiger Wert bereits wieder 40 Prozent des damaligen Neuwagenpreises beträgt. Auch der Country, von dem sich viele des nur 7.735-fach produzierten Gelände-Golfs bereits in Liebhaberhänden befinden, erfüllt die Voraussetzungen eines Sammlerexemplars.

Wichtiges Kriterium für Werterhalt und -Zuwachs eines jedes Old- und Youngtimers ist dessen (Original-) Zustand. Nur Fahrzeuge, die nicht „verbastelt“ und dem rein persönlichen Geschmack seines ehemaligen Besitzers folgend „verschönert“ wurden, erfüllen diesen Umstand. Auch der Golf 2 ist dabei keine Ausnahme – im Gegenteil. Nur wenige GTIs befinden sich im originalen Werks- beziehungsweise authentischen „Markentuner“-Zustand. Nur ein echter Oettinger- oder Nothelle-GTI hat auch als verändertes Fahrzeug seinen (oft noch höheren) Marktwert.

Besondere Varianten

Gleiches gilt für werksmäßige Sondermodelle von Serienfahrzeugen. Volkswagen war in dieser Disziplin nicht faul. Das Unternehmen legte zahlreiche Sonderausführungen auf, wie zum Beispiel den Golf-Hit, -Match, -Flair, -Fun und -Memphis. Ihre (Marktwert-) Bedeutung ist allerdings gering, basieren sie doch fast ausnahmslos auf den schwächeren Motorausführungen des Golf. Etwas anders sieht die Sache bei den GTI-Sondermodellen wie „Edition one“, „Edition blue“ und dem „Fire and ice“ aus, den es sogar als G60-Variante gab. Ihre Marktpreise fallen entsprechend (leicht) höher aus.

Die Ausnahme der Ausnahmen ist eine Golf-Ausführung, auf die zu Recht bisher noch nicht eingegangen wurde: der Golf Limited. Dieser 210-PS-„Übergolf“ – er besaß den G60-Lader in Verbindung mit dem 16V-Motor – wurde gerade 71 mal gebaut. Von rund der Hälfte ist der Verbleib bekannt. Diese Fahrzeuge dürften sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in festen Händen befinden. Eines davon einmal auf den Hof zu bekommen, dürfte wohl der absolute Glücksfall sein.

Richtige Zeitpunkt

Doch wann soll man nun ein Fahrzeug mit Klassikerpotenzial kaufen? Die einfache wie simple Antwort ist: am Tiefpunkt des Marktwertes. Die Kunst besteht nur darin, den richtigen Zeitpunkt des maximalen Wertverlustes zu erkennen. Dies erfordert eine kontinuierliche Marktbeobachtung. In der Grafik rechts ist die Marktwertentwicklung in Prozent des Neupreises für den Golf Rallye im Vergleich zu einem CL-Diesel für den Zeitraum 1990 bis 2007 dargestellt. Anhand dieser Darstellung lässt sich erkennen, dass der Rallye im Zeitraum 2001/2002 von der Liebhaberszene entdeckt wurde und sein Marktwert seither ansteigt – beim CL-Diesel ist dieser Effekt bis heute nicht feststellbar. Demnach hätte man dieses Modell also 1999/2000 kaufen sollen, zum Zeitpunkt des tiefsten Marktwerts.

Eine solche Marktentwicklung findet man natürlich nur bei gut erhaltenen Fahrzeugen mit geringer Kilometerleistung. Sie gilt nicht für „Verbrauchtwagen“ im schlechten Zustand mit hoher Gesamtlaufleistung. Bekommt man als Werkstatt oder Fahrzeughändler zukünftig einen Golf 2 angeboten, sollte man das Fahrzeug vielleicht schon mal durch eine andere Brille – nämlich die des Liebhaberfahrzeugs – betrachten.

Steffen Dominsky

Peter Deuschle

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