Gutachten für Wertminderung ausschlaggebend

Autor / Redakteur: autorechtaktuell.de / Christoph Seyerlein

Ein Geschädigter stritt mit der Versicherung des Schädigers um ausstehende Kosten für Reparatur und Wertminderung. Das Amtsgericht Sonthofen sprach sich in seinem Urteil klar für eine Seite aus.

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(Bild: Seyerlein / »kfz-betrieb«)

Im Streit um restliche Reparaturkosten und restliche Wertminderung hat sich das Amtsgericht (AG) Sonthofen in einem Urteil vom 8. November 2016 für einen geschädigtenfreundlichen Kurs entschieden (AZ: 1 C 419/16). Das Gericht sprach dem Kläger/Geschädigten sämtliche offenen Beträge zu, ohne darüber einen eigenen Beweis zu erheben.

Konkret ging es um 250 Euro für die restliche Wertminderung und 111,26 Euro ausstehende Reparaturkosten. Der Geschädigte hatte bei einem freien Sachverständigen ein Gutachten in Auftrag gegeben, das voraussichtliche Reparaturkosten in Höhe von 5.481,25 Euro netto und eine merkantile Wertminderung von 650 Euro ergab. Die tatsächlichen Reparaturkosten lagen dann bei 5.609,81 Euro netto, wovon die Versicherung einige Positionen kürzte. Eine merkantile Wertminderung hatte sie nur in Höhe von 400 Euro anerkannt.

Das Gericht begründete seine Entscheidung unter anderem damit, dass „an der fachlichen Richtigkeit“ der Ausführungen „des gerichtsbekannten sachverständigen Zeugen“ keine Zweifel bestünden. Der Gutachter habe sich bereits in einer Vielzahl gerichtlicher Verfahren als äußerst zuverlässig und fachkundig erwiesen.

Im Streit um die Wertminderung sah das Gericht die Kürzung der Versicherung von 650 auf 400 Euro als unangemessen an. „Insbesondere führte der Sachverständige aus, dass vom Softwareanbieter - ungefähr 10 anerkannte, computerbasierte Berechnungsmethoden angeboten und angewandt werden. Insofern sich eine dieser Methoden nun als „Ausreißerwert nach oben“ darstelle, führte er hierzu nun weiter aus, dass die konkrete merkantile Wertminderung in jedem Einzelfall abhängig von Käuferverhalten, Fabrikat, Typ, Erstzulassung, Laufleistung und der wertminderungsrelevanten Instandsetzungsarbeiten individuell sachverständig festzustellen ist, und die entsprechenden Werte der vom Computer durchgeführten Berechnungsmethoden insoweit lediglich als überschlägige Berechnungsgrundlage dienen; eine rein standardisierte „Durchschnittswertbildung“ der einzelnen von Computerprogrammen autonom ermittelten Berechnungswerte findet mithin nicht statt. Unter Beachtung all dieser Parameter betrage die konkrete Wertminderung 650 Euro“, so das Gericht.

Auch die restlichen Reparaturkosten sprach das Gericht dem Kläger zu. Dieser habe bei der Schätzung des Schadens einen ausreichend hohen Aufwand betrieben, indem er das Gutachten von einem Fachmann eingeholt hat. Auch einige Posten, die die Versicherung kürzte, beispielsweise „Sichtprüfung Gurtsystem“, seien als Werkstattrisiko grundsätzlich vom Schädiger zu tragen.

Bedeutung für die Praxis

Die Reparaturkosten hat das AG Sonthofen allein auf schadenersatzrechtlichen Erwägungen zuerkannt, also ohne Überlegungen zur Notwendigkeit der einzelnen Reparaturpositionen anzustellen. Dies ist rechtlich eindeutig richtig und geschieht in dieser Konsequenz aus Sicht von „autorechtaktuell.de“ zu selten.

Auch hinsichtlich der Wertminderung geht das Gericht einen geschädigtenfreundlichen Kurs und macht von seinem Recht Gebrauch, die Sache selbst gemäß § 287 ZPO einzuschätzen. In den meisten Fällen geben die Gerichte dazu eigene, kostspielige Gerichtsgutachten in Auftrag.

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