Saab lebt HA-SI und die Hutablage

Von Frank Thomas Dietz 6 min Lesedauer

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Ratzmann-Automobile aus Frankfurt/Main hält betagte Saab-Erzeugnisse am Leben. Zur Not nicht nur bis der TÜV, sondern gegebenenfalls auch der Tod sie von ihren Besitzern scheidet.

Saab Service Ratzmann: 15 Jahre Eigenständigkeit und 38 Jahre Sab-Markenbegeisterung haben im Markt Spuren hinterlassen.(Bild:  Ratzmann-Automobile)
Saab Service Ratzmann: 15 Jahre Eigenständigkeit und 38 Jahre Sab-Markenbegeisterung haben im Markt Spuren hinterlassen.
(Bild: Ratzmann-Automobile)

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Lebens- und einem Überlebenskünstler? Während einige Zeitgenossen die erste Kategorie vermutlich zwischen der Art eines wenig saturierten aber lebensfrohem Playboys und einem stets finanziell geplagten Galeristen einschätzen dürften, ist die Charakterisierung der zweiten Spezies kaum weniger komplex und mindestens genauso vielschichtig. Gerard Ratzmann ist sicher der zweiten Kategorie zuzurechnen, und zwar in doppeltem Sinne: Er kümmert sich – ideell und aus alter Verbundenheit – nicht nur um eine nicht mehr existente Automobilmarke, sondern vor allem um die dauerhafte Mobilität jener Kunden, die der Marke seit vielen Jahren treu sind – und es auch bleiben wollen. Zur Not nicht nur bis der TÜV, sondern gegebenenfalls auch der Tod sie scheidet. Tatsächlich kennt der Saab-Spezialist einige Kunden, deren Fahrzeuge nach deren Ableben unbedingt in Familienbesitz bleiben sollen.

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„Es ist unglaublich, aber Saab-Fahrer im Allgemeinen und natürlich unsere Kunden im Besonderen sind unheimlich treu“, weiß Gerard Ratzmann, Chef seiner eigenen Firma Ratzmann-Automobile, zu berichten. Darauf weisen nicht zuletzt aktuelle Fahrleistungen von Kundenautos bis zu fast 700.000 Kilometer hin. „Und da ist noch lange nicht Schluss“, ergänzt er. Oft würden die Fahrzeuge jenseits jeglicher wirtschaftlicher Rationalität weiter am Leben gehalten. Ein Kunde habe das Fahrzeug seiner Eltern unbedingt behalten wollen, da er als Kind auf der Hutablage des 900er gewickelt worden war, erinnert er sich. Ein anderer habe es mit seiner Saab-Begeisterung auf eine Sammlung von rund 200 Fahrzeugen gebracht, von denen immerhin 20 ständig angemeldet seien! Eine andere Marke oder ein anderes Fahrzeug komme für die meisten überhaupt nicht in Frage. Und das, obwohl seit 2014 nach insgesamt rund 4,5 Millionen produzierter Fahrzeuge Schluss war.

Der Aufstieg: vom Händler zum Hersteller

Zusammen mit seiner Frau Jutta und Serviceleiter Cris Gomes führt er dasselbe Unternehmen an jenem Standort, an dem er schon seit den neunziger Jahren an jenen schwedischen Fahrzeugen arbeitet, die gemeinhin und von der Marke weniger zugetanen Zeitgenossen mit Hinweis auf die typische Schalt- statt Lenkradsperre gerne als „schrullig“ bezeichnet werden. Dabei stand am Anfang eine andere Marke im Mittelpunkt Ratzmanns Tätigkeit in der Automobiltechnik. Aufgewachsen im Frankfurter Vorort Nieder-Eschbach, in dem lange Zeit auch Saab-Deutschland ansässig war, hatte er in jungen Jahren eine Lehre beim örtlichen Volkswagen-Händler Dunker (Niederlassung der damaligen Dunker-Gruppe) begonnen. „Das ging in jenen Jahren noch auf Zuruf – ruckzuck begann ich meine Lehre und habe dort viele Jahre auch manch servicetechnisch knifflige Aufgabe lösen dürfen“, erinnert er sich weiter.

Nach vielen Jahren in Dunker-Diensten kam Ratzmann 1989 durch seinen Trauzeugen zu Saab Deutschland. „Während ich bei Dunker 'nur' bei einem Händler beschäftigt war“, so Ratzmann, „arbeitete ich jetzt für die Deutschland-Niederlassung eines angesehenen schwedischen Herstellers – aus meiner Sicht ein deutlicher Aufstieg.“ Es sollte nicht mehr lange dauern, bis aus dem eigenständigen Hersteller Saab eine Nobel-Division von General Motors werden sollte. Diese Zusammenarbeit sei damals durchaus vorteilhaft gewesen. Zahlreiche Prozesse – von Fahrzeugbelieferung bis Ersatzteil-Bevorratung – hätten davon profitiert. Da er damals auch für die Instandhaltung von Presse- und Marketingfahrzeugen verantwortlich gewesen ist, sei das natürlich auch für diese Aufgabe von Vorteil gewesen.

Schlachtung oft die einzige Rettung

Von der Anfang der 90er-Jahre gelegentlich kolportierten Enttäuschung hartgesottener Marken-Fans über die Nutzung technischer Komponenten von Opel-Modellen für Saab sei heute nichts mehr zu hören. Im Gegenteil – dadurch wäre die Ersatzteilbeschaffung heute deutlich erleichtert. Dennoch sei diese nicht immer einfach. So würden Verschleißteile beispielsweise von Hedin-Spareparts in Schweden nachgefertigt und geliefert. Gelegentlich könnten für gängige Teile sogar bekannte Ersatzteilportale genutzt werden, solange es sich um Technikkomponenten für beispielsweise Bremsen, Klimaanlagen oder Ölfilter handele.

Komme man auf diesem Weg, bei Hedin oder auch dem skandinavischen Teileexperten Skandix nicht mehr weiter, müsse die nächste Stufe gezündet werden. Dazu gehört das US-Unternehmen Spanparts, das dann auch seltene Komponenten aus Gebrauchtfahrzeugen aber auch neue Teile liefern könne, darunter beispielsweise Aufpuffanlagen. Oft seien aber Originalteile aus Schlachtfahrzeugen die letzte Rettung. Und an die komme laut Ratzmann nicht nur über Scanparts heran, sondern auch über eigene Kunden, beispielsweise nach Unfällen oder auch wenn massive Rostschäden einen Neuaufbau des Gefährts selbst den überzeugendsten Saabisti nicht mehr geraten erscheinen lassen. Bis zu dieser Erkenntnis dauere es allerdings meistens sehr lange. Oft kämen die Werkzeuge auch bei „lebenden Leichen“ noch zum Einsatz, selbst wenn der klinische Tod schon feststehe.

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Praktizierte Altautoverordnung

Solche Schlachtfahrzeuge kauft Ratzmann jedoch nicht zu. Warum auch? Schließlich bekomme er genügend Fahrzeuge angeliefert. Ein Problem mit der Altauto-Verordnung sieht Ratzmann schon deshalb kaum, da die Fahrzeuge tatsächlich häufig bis zum Schluss genutzt würden. In der Zwischenzeit würden die Teile immer wieder aufbereitet und neu genutzt. Damit komme man auch dem Ziel der Altauto-Verordnung, einen Recycling-Anteil von 85 bis 95 Prozent zu erreichen, deutlich entgegen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund stehen nicht nur rund 1.500 Kundennamen, sondern auch rund 10.000 Ersatzteilnummern in den Listen der Saab Service/Ratzmann-Automobile. Insgesamt fünf Mitarbeiter und „zwei Minijobber“ kümmern sich um das Wohl der Kunden. Dabei kommen Stammkunden mit ernsten Problem auch im Falle großer Not in den Genuss einer hauseigenen Abschleppleistung. Ansonsten empfiehlt es sich – wie bei allen Fahrern angejahrter Automobile – für jeden Fall auf die ADAC-Plus-Mitgliedschaft zurück zu greifen.

Wenn Kunden von einer Marke begeistert sind

Nicht immer sei aber die Zeit der Arbeit im Dienst der Saab-Kunden so einfach gewesen, wie sich das heute anhöre. Jutta Ratzmann erinnert sich an die Fortführung direkt nach der Insolvenz der Saab Automobile. „Am 31.3.2012 war nach Spyker-Übernahme und anschließender Insolvenz offiziell Schluss. Am 1.4. mussten wir offiziell einen Tag Urlaub nehmen, am 2.4. 2012 ging es dann gleich weiter“, erinnert sie sich. Am Anfang habe die Ersatzteilbereinigung und das Einrichten eines Räder-Hotels für Stammkunden gestanden. Die Kunden hätten alles mit Ruhe und Zufriedenheit verfolgt, über deren Treue und Begeisterung für die Marke man sehr dankbar sei.

Dabei kenne die Hingebung keine Grenzen. Einmal sei beispielsweise ein holländisches Ehepaar gleich gemeinsam mit „Patient“ und Wohnwagen angereist, um bis zur Fertigstellung des Gefährts vor Ort bleiben zu können. Wenngleich dem Osten Frankfurts und speziell das Industriegebiet in Fechenheim der Einzug in touristische Stadtführer aus der Sicht architektonischer Höchstleistungen oder besonderer kultureller Darbietungen bisher verwehrt blieb, fühlte sich das niederländische Paar während der Reparaturarbeiten hier offenkundig wohl und gut aufgehoben.

Von HA-SI und ERB-SE

Die betreuten Fahrzeuge rekrutieren sich nach übereinstimmender Beobachtung des Ehepaars Ratzmann und ihres Service-Chefs Gomes vor allem aus Cabrios der 900er-Serie sowie allen Modellen der 9-3-Reihe aber auch aus zahlreichen 9-5ern. Vereinzelt vorhanden seien auch 9000er und einige Restaurierungsstücke. Auch Ratzmann selbst hält dabei einen 1962er Saab 96 in Ehren, der noch über einen Dreizylinder-Zweitaktmotor verfügt. Das Besondere an diesem Baujahr: Saab baute ab diesem Zeitpunkt serienmäßig Sicherheitsgurte auf den Vordersitzen ein, die sie bereits 1958 selbst entwickelt hatten.

Insgesamt habe sich ein enges Verhältnis zu den Kunden entwickelt, die gerne mit liebevollen „Kosenamen“ bedacht werden, die sich beispielsweise aus Kennzeichen - beispielsweise HA-SI oder ERB-SE – oder speziellen Eigenheiten („Die grüne Brille“) ergeben – selbst wenn die Brille inzwischen weiß und die Kennzeichen gewechselt worden sind. Im kommenden Jahr feiert Saab Service Ratzmann 15 Jahre Eigenständigkeit und 38 Jahre Saab-Markenbegeisterung. Wie soll es weitergehen im SAAB Service-Betrieb ? „Unser Sohn soll und will das Geschäft weiterführen“, intonieren Gerard und Jutta Ratzmann übereinstimmend. Die Kundenbasis sei groß, die Begeisterung für die Marke und ihre Produkte ungebrochen. Und die Familie ist sich sicher: „Eine gute Basis für mindestens weitere 38 Jahre.“

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