Modelle auf der Kippe: Daimler muss „auf breiter Front“ sparen

Autor / Redakteur: dpa/cs / Christoph Seyerlein

Vor knapp zwei Wochen hatte Daimler seine zweite Gewinnwarnung binnen weniger Wochen herausgegeben. Nun veröffentlichte Konzernchef Ola Källenius die offiziellen Zahlen für das zweite Quartal und gab einen neuen Einblick, wie ernst die Lage bei den Stuttgartern ist.

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Ola Källenius will das Blatt bei Daimler wenden.
Ola Källenius will das Blatt bei Daimler wenden.
(Bild: Daimler)

Der neue Daimler-Chef Ola Källenius will die schlechte Bilanz des Konzerns mit einem Kraftakt im zweiten Halbjahr aufpolieren. „Wir wollen das Blatt wenden“, sagte der erst seit rund zwei Monaten amtierende Vorstandschef in einer Telefonkonferenz am Mittwoch vor allem mit Blick auf die Pkw-Sparte Mercedes-Benz und auf das taumelnde Van-Geschäft.

Källenius kündigte an, „auf breiter Front“ im gesamten Konzern sparen zu wollen. Das wird auch die Mercedes-Modellpalette treffen. Man werde das Portfolio überprüfen und wolle sich auf die vielversprechendsten Produkte konzentrieren, erklärte der Konzernchef. Beispielsweise könnte das Angebot an Verbrennern ausgedünnt werden. Welche Modelle konkret auf der Kippe stehen, wollte Källenius nicht sagen und verwies in dem Zusammenhang auf eine Investoren-Veranstaltung im Herbst. So gut wie sicher ist das Aus der X-Klasse, in der Branche wird zudem darüber spekuliert, dass es beispielsweise einige Cabrio-Varianten erwischen könnte.

Im zweiten Quartal rissen milliardenschwere Rückstellungen im Zusammenhang mit mutmaßlich manipulierten Dieselautos sowie Kosten für Rückrufe die Stuttgarter in die roten Zahlen, auch die Van-Sparte fuhr ein sattes Minus ein. Källenius hatte innerhalb weniger Wochen zwei Gewinnwarnungen aussprechen müssen.

Unter dem Strich wies Daimler von April bis Ende Juni einen auf die Aktionäre entfallenden Verlust von gut 1,3 Milliarden Euro aus. Vor einem Jahr hatte der Konzern noch 1,7 Milliarden Euro Gewinn gemacht. „Die Zahlen sind alles andere als zufriedenstellend“, sagte Källenius. Daimler hatten vor knapp zwei Wochen bereits vorweggenommen, dass das Quartal deutlich schlechter ausfallen würde als erwartet, und zudem die Ziele für 2019 nach unten korrigiert.

Die Aktie lag nach dem Handelsstart ein halbes Prozent im Minus. Sie hatte im Sog einer starken Kursentwicklung in der gesamten Branche am Vortag mehr als 4 Prozent gewonnen und liegt damit auch im laufenden Jahr im Plus.

Operativer Verlust von 1,6 Milliarden Euro

Als Grund für die schwachen Ergebnisse hatte der Autobauer zusätzliche Rückstellungen für den Dieselskandal und für Rückrufe wegen möglicher Airbag-Probleme genannt. Dazu kommen Anlaufschwierigkeiten mit neuen Modellen und Probleme in der Van-Sparte, die im zweiten Quartal ganz allein einen Milliardenverlust eingefahren hat. Insgesamt belasteten Sondereinflüsse das operative Ergebnis mit 4,2 Milliarden Euro, davon 2,6 Milliarden für die Dieselprobleme. Aus 2,6 Milliarden Gewinn vor Zinsen und Steuern vor einem Jahr wurden so wie bereits bekannt 1,6 Milliarden Euro operativer Verlust im zweiten Quartal.

Auch ohne die Sondereinflüsse machte die Pkw-Sparte Mercedes-Benz keine gute Figur, die operative Marge wäre aus dem laufenden Geschäft von 8,4 auf 5,2 Prozent gesunken. Absatzprobleme auch wegen teilweise nicht verfügbarer Modelle, Preisdruck und Wechselkurseffekte belasteten. Mercedes-Benz geht im Gesamtjahr nun nur noch von einem Umsatz auf Vorjahresniveau aus. Er erwarte im Pkw-Geschäft im zweiten Halbjahr eine Trendwende, sagte Källenius – insbesondere durch ein starkes viertes Quartal.

Daimler ist auch weit weg von der eigenen mittelfristigen Zielsetzung von 8 bis 10 Prozent in der Sparte, die Källenius zwar aus strategischer Sicht bestätigte. Ob die Spanne aber wie bisher geplant 2021 wieder erreicht wird, wollte er zunächst nicht sagen und verwies auf eine Investorenveranstaltung Mitte November.

Der Umsatz lag im zweiten Quartal mit 42,7 Milliarden Euro dank der gut laufenden Lkw-Sparte um 5 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Den Barmittelzufluss aus dem Industriegeschäft erwartet Daimler 2019 nun aber deutlich unter dem Vorjahreswert. Der Konzern hatte auch hier bereits angedeutet, dass die bisherigen Ziele nicht zu halten sind.

Daimler wird viele Teile nicht los

Denn die Entwicklung sieht nicht gut aus. Im ersten Halbjahr flossen netto 3,3 Milliarden Euro aus den Kassen des Konzerns im Industriegeschäft ab – hinzu kam die milliardenschwere Dividendenzahlung. Der Konzern hat im Kerngeschäft nach 16,3 Milliarden Euro zu Jahresbeginn nur noch 6,6 Milliarden Euro in der Kasse. „Damit bin ich nicht glücklich“, sagte Finanzchef Harald Wilhelm. „Wir werden unseren Fokus auf den Free Cashflow schärfen“, sagte Källenius.

Das zweite Halbjahr soll auch in der Kasse deutlich freundlicher ausfallen, Wilhelm erwartet unter anderem dank eines geplanten Lagerabbaus auch im Gesamtjahr noch einen positiven Wert beim sogenannten Free Cashflow. Wegen der schwächeren Absatzlage hat Daimler viele Teile auf Lager liegen. Auch für Anleger ist das wichtig, weil die Finanzlage tendenziell die Möglichkeiten für die Dividendenzahlung schmälert – bereits für das vergangene Jahr mussten die Daimler-Aktionäre kürzer treten.

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