Polo GT: VW nimmt Abschied vom Twincharger

Autor / Redakteur: Jan Rosenow / Jan Rosenow

Der völlig neu entwickelte TSI-Motor im sportlichen Polo Blue GT verzichtet auf den bisher üblichen Kompressor und setzt allein auf Turboaufladung und verstellbare Ventile.

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Sportlich und umweltfreundlich – so sieht VW seinen Polo Blue GT.
Sportlich und umweltfreundlich – so sieht VW seinen Polo Blue GT.
(Foto: Rosenow)

Volkswagen hat auf einer Fahrpräsentation in Amsterdam den Polo Blue GT vorgestellt, eine 103 kW/140 PS starke Sportvariante des Kleinwagenbestsellers. Sein 1,4 Liter großer TSI-Motor markiert einen Paradigmenwechsel bei den Wolfsburgern: die Abkehr von der VW-exklusiven Twincharger-Technik.

Seit 2005 baut der Konzern Ottomotoren, die mit einem Kompressor und einem zusätzlichen Turbolader ausgestattet sind – eine technisch überzeugende, aber aufwendige und teure Lösung. Mit dem Polo Blue GT schafft VW die Doppelaufladung wieder ab und setzt allein auf einen herkömmlichen Turbolader – jedenfalls in der Leistungsklasse bis 110 kW/150 PS, wie ein VW-Sprecher auf der Präsentation mitteilte.

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Um dem Aggregat auch weiterhin zu dem raschen Drehmomentanstieg bei niedrigen Drehzahlen zu verhelfen, für den bisher der mechanisch angetriebene Kompressor sorgte, besitzt der neue Motor der Baureihe EA 211 eine verstellbare Auslassnockenwelle. Sie verstärkt den Gasstrom bei niedrigen Drehzahlen und lässt so den Lader schneller ansprechen. Das Ergebnis sind saftige 250 Newtonmeter Drehmoment in einem Drehzahlbereich von 1.500 bis 3.500 min-1.

Ein weiteres neues Feature des Polo Blue GT sind die in den Zylinderkopf integrierten Krümmer. Der kühlende Wassermantel reicht damit fast bis zum Eingang des Turboladers und schützt dessen empfindliches Turbinenrad vor hohen Temperaturen. Die Entwickler konnten damit auf die sogenannte Volllastanfettung verzichten, die bisher bei aufgeladenen Motoren für bekömmliche Abgastemperaturen sorgte, aber im Gegenzug den Verbrauch in die Höhe trieb.

Überhaupt stand bei der Entwicklung des Blue GT ein möglichst niedriger Verbrauch im Vordergrund – deshalb auch der Name. Ganz im Gegensatz zum Menschen hat „Blau“ in der Fahrzeugtechnik nämlich nichts mit Saufen zu tun – vielmehr haben sich die Marketingleute der Autoindustrie darauf geeinigt, die kühle Farbe zum Symbol besonders sauberer und sparsamer Automodelle zu machen.

Bei Teillast ein Zweizylinder

Deshalb besitzt der Polo Blue GT beispielsweise eine Zylinderabschaltung. Bei Teillast legt eine spezielle Nockenwellensteuerung automatisch und blitzschnell die beiden mittleren Zylinder still. Dabei sind die Ventile geschlossen, und die Luft über den Kolben verhält sich wie eine Feder – die Verlustleistung ist also sehr gering. Der nunmehrige Zweizylinder deckt ein Drehzahlspektrum von 1.400 bis 4.000 min-1 ab und fabriziert bis zu 100 Nm Drehmoment – genug, um diesen Modus auch auf der Autobahn zu nutzen. Bis zu einem Liter weniger Verbrauch im Stadtverkehr verspricht VW.

Weitere Änderungen zum bisherigen 1,4-Liter-TSI der Baureihe EA 111 ist das Aluminiumgehäuse, das gegenüber dem Graugussvorgänger 22 Kilogramm leichter ist, und der Steuertrieb per Zahnriemen. Die Entscheidung, die bisher verwendete Steuerkette abzuschaffen, ist laut Unternehmensangaben übrigens schon gefallen, bevor die Probleme mit den Steuerkettenspannern der aktuellen TSI-Generation ruchbar wurden. So wird es dann wohl gewesen sein.

Dynamisch, aber nicht giftig

Bei den Testfahrten zeigte sich der Blue GT trotz der für einen Kleinwagen gewaltigen Leistungsdaten nicht als wilder Reißer, sondern als souveränes Durchzugswunder. Schaltvorgänge sind kaum nötig. Selbst im sechsten Gang des Handschaltgetriebes ging es aus Geschwindigkeiten knapp über 60 km/h ausnehmend hurtig voran. Auf den topfebenen und streng tempobegrenzten holländischen Landstraßen, die VW sicher nicht ohne Grund für die Präsentation ausgewählt hatte, ließen sich Verbrauchswerte um die vier Liter herausfahren – der Durchschnittswert des Bordcomputers lag bei 5,6 Litern auf 100 Kilometern. Im NEFZ-Durchschnitt sollen es 4,6 sein, was 107 Gramm CO2 pro Kilometer entspricht.

Den Zweizylindermodus spürt der Fahrer durch ein etwas rauheres Laufverhalten des ansonsten fast unhörbaren Motors. Das Wiedereinschalten der stillgelegten Zylinder geht innerhalb von rund 30 Millisekunden und ohne jedes Ruckeln vonstatten.

Im Polo Blue GT gibt der neue Motor zwar sein Debüt. Die wichtigeren Anwendungsfälle dürften aber die größeren VW-Modelle sein – vor allem der nächste Golf. Der Blue GT unterscheidet sich durch ein paar sportliche, aber unaufdringliche Anbauteile, 17-Zoll-Räder, sehr gut geformte Sportsitze und weitere Kleinigkeiten vom normalen Polo. Er soll im vierten Quartal 2012 zum Preis von mindestens 19.650 Euro in den Handel kommen.

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