Schädiger tragen das Prognoserisiko

Autor / Redakteur: autorechtaktuell.de / Christoph Seyerlein

Immer wieder kürzen Haftpflichtversicherungen einzelne Kostenblöcke in Reparaturabrechnungen. Geschädigte müssen dies aber nicht hinnehmen, sofern sie im Vorfeld einige Dinge beachtet haben.

Das KBA veranlasste im vergangenen Jahr 326 einzelne Rückrufaktionen.
Das KBA veranlasste im vergangenen Jahr 326 einzelne Rückrufaktionen.
(Foto: Pro Motor/Volz)

Unfallgeschädigte müssen keine Kürzung von Reparaturposten hinnehmen, sofern das Schadengutachten diese als erforderlich einstuft. Sofern der Geschädigte einen fachkundigen Sachverständigen und eine Fachwerkstatt beauftragt, ist er auf der sicheren Seite, urteilte das Amtsgericht Hattingen am 22. Februar 2017 (AZ: 16 C 93/16).

Im verhandelten Fall hatte die beklagte Haftpflichtversicherung die Reparaturkosten einer Instandsetzung nach Vorlage von Schadengutachten und Reparaturrechnung hinsichtlich der Verbringungskosten, Kosten der Probefahrt, Fahrzeugreinigung sowie der Montage der Lackierräder gekürzt. Sie begründete dies damit, dass diese Kosten nicht erforderlich wären. Mit Hinweis auf das Schadengutachten und die Reparaturrechnung widersprach das Gericht der Versicherung.

In der Urteilsbegründung heißt es wörtlich:
„Entscheidend ist, dass die Abrechnung der Klägerin dem vorher erstellten Gutachten entsprach, so dass die Klägerin davon ausgehen konnte, dass alle in der Rechnung aufgeführten Positionen erforderlich waren. Die Klägerin muss als Laie auch nicht hinterfragen, ob die einzelnen Positionen für die Reparatur tatsächlich erforderlich sind. Das sogenannte Prognoserisiko, also das Risiko höher ausfallen der Reparaturkosten, ist bei der Reparatur dem Schädiger aufzuerlegen (Palandt-Grüneberg, a.a.O., § 249 BGB, Rn. 13).

Der Schädiger hat auch nicht notwendige Aufwendungen zu tragen, sofern der Geschädigte die getroffenen Maßnahmen als aussichtsreich ansehen durfte. Vorliegend hat die Klägerin den Sachverständigen, einen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen, beauftragt so dass sie davon ausgehen konnte, dass alle in den Gutachten aufgeführten Positionen für die Wiederherstellung des ursprünglich in Fahrzeugzustandes erforderlich waren.“

Bedeutung für die Praxis

Vielfach kürzen von Haftpflichtversicherungen beauftragte Prüfgesellschaften einzelne Rechnungspositionen drastisch. Dies gilt sowohl bei der fiktiven aber auch zunehmend bei der konkreten Reparaturabrechnung. Diese Praxis sollte nicht unbestritten hingenommen werden, da – wie auch das Gericht ausführt – sogar unwirtschaftliche oder nicht notwendige Positionen zu tragen sind, wenn diese im Schadengutachten zunächst als erforderlich erachtet wurden. Der Geschädigte hat alles ihm Mögliche getan, indem er einen fachkundigen Gutachter und eine Fachwerkstatt beauftragt hat.

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