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Skoda: Weltmeister auf zwei Rädern

| Autor: Steffen Dominsky

Am 25. Juni 1905 gewann Václav Vondřich auf einem Motorrad der Marke Laurin & Klement die inoffizielle Motorradweltmeisterschaft. Ausrichter war der damalige Motorradclub-Weltverband FICM, der Vorläufer der heutigen FIM (Fédération Internationale de Motocyclisme.

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Václav Vondřich, der Gewinner von Dourdan, 1905 bei seinem Parforceritt.
Václav Vondřich, der Gewinner von Dourdan, 1905 bei seinem Parforceritt.
(Bild: Škoda)

Skoda = Auto, klar! Doch das war nicht immer so. Über viele Jahrzehnte hinweg hatte Škoda mit Automobilen reichlich wenig am Hut. Škoda war ein Maschinenbauer und Rüstungskonzern. Zum Auto kam das Pilsener Unternehmen erst 1925 durch die Übernahme einer Firma namens Laurin & Klement (L & K). Die hatten 1895 die Herren Václav Laurin und Václav Klement gegründet – als Fahrradhersteller. Vier Jahre später präsentierten sie ihr erstes Motorrad. Und ab 1905 fertigte man zudem Automobile in Mladá Boleslav, wo auch heute Skoda Auto seinen Sitz hat.

Der guten Ruf, den die Fahrzeuge von Laurin & Klement genossen, kam nicht von ungefähr. Publikums- und medienwirksame Teilnahmen an diversen Sportveranstaltungen mit entsprechenden Platzierungen und Siegen sorgten für das positive Image der noch jungen Marke. Bereits 1901 nutzten Laurin und Klement den Motorsport, um ihr kurz zuvor gegründetes, aufstrebendes Unternehmen auch international bekannt zu machen. Nur zwei Jahre nach Beginn der Motorradproduktion ging Narcis Podsedníček, damals hauptberuflich Werkstattleiter von L & K, beim 1.196 Kilometer langen Rennen von Paris nach Berlin an den Start. Als er am 30. Juni 1901 um 3 Uhr morgens das Ziel erreichte, war allerdings die offizielle Zeitnahme noch geschlossen. Die Bestätigung seiner Ankunftszeit durch einen Polizisten im Dienst wurde nicht anerkannt und Podsedníček disqualifiziert.

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1905: Am Start Puch, Ariel, Matchless, JAP, Griffon, Peugeot und L&K

Schon bald darauf zählten Motorräder von Laurin & Klement bei Bergrennen und Rundstreckenwettbewerben zum Favoritenkreis und erzielten im In- und Ausland zahlreiche Erfolge. Sie waren stark, schnell und sehr zuverlässig: Von den insgesamt 87 Maschinen, die 1903 in 34 Rennen starteten, erreichten bis auf eine alle das Ziel und fuhren dabei insgesamt zu beachtlichen 32 Siegen. Höhepunkt dieser eindrucksvollen Serie war die inoffizielle Weltmeisterschaft der FICM (Fédération Internationale des Clubs Motocyclistes), die am 25. Juni 1905 gut 50 Kilometer südwestlich von Paris in der kleinen Gemeinde Dourdan stattfand. Für das Highlight der damaligen Motorradrennsaison hatten die Organisatoren auf den Straßen der Region einen 54 Kilometer langen Rundkurs abgesteckt, der fünfmal absolviert werden musste. In drei sogenannten Neutralisationsabschnitten mussten die Fahrer ihre Maschinen mit abgeschaltetem Motor schieben und darauf hoffen, dass sie anschließend wieder ansprangen.

In dem Länderwettbewerb gingen 1905 die damals stärksten Nationalmannschaften an den Start. Mit František Toman und Václav Vondřich empfahlen sich bei einem Qualifikationsrennen im tschechischen Pacov gleich zwei Fahrer auf Motorrädern von Laurin & Klement für die Aufgabe, Österreich-Ungarn zu repräsentieren. Als dritter Fahrer des Teams startete Eduard Nikodém auf einem Motorrad der Marke Puch. Für Großbritannien traten die Marken Ariel, Matchless und JAP an, die französischen Zweiräder kamen von Griffon und Peugeot. Deutschland schickte drei Motorräder des Herstellers Progress nach Frankreich. Das strenge Reglement schrieb vor, dass neben allen wesentlichen Bestandteilen der Maschinen auch die Reifen aus dem jeweiligen Herkunftsland stammen mussten, die damals allerdings nur über eine geringe Distanz hielten. Für die Reparatur defekter Pneus waren die Fahrer zuständig.

Zwei der drei Maschinen im Ziel waren von L & K

Das Team von Laurin & Klement war vorbereitet: Im Jahr zuvor war die schwierige Strecke mit zahlreichen Nägeln gespickt, die frühe Reifenschäden noch wahrscheinlicher machten. Vondřich verstaute das nötige Werkzeug daher vor dem Start in einer schweren Ledertasche, die er sich mit zwei Schultergurten auf den Rücken schnallte. Das brachte ihm bei den Zuschauern bald den Spitznamen „Wanderschmied“ ein. Trotz des Zusatzgewichts und des höheren Schwerpunkts holte Vondřich mit seiner zweizylindrigen L & K CCR den Vorsprung des in Führung liegenden Vorjahressiegers Léon Demeester schnell auf. In der vierten Runde und nach 246 gefahrenen Kilometern eroberte der im heutigen Prager Stadtteil Libeň geborene Böhme die Spitze. Im Ziel lag er nach 3:13.17 Stunden mehr als acht Minuten vorne, bevor der Franzose wegen eines nicht erlaubten Hinterradwechsels aus der Wertung genommen wurde.

Hierdurch rückte der Drittplatzierte František Toman einen Platz auf und machte damit den Doppelsieg für Laurin & Klement perfekt. Von zwölf Startern schafften es nur drei über die volle Distanz. Den damals bekannten Kapellmeister František Kmoch aus Kolín inspirierte der herausragende Erfolg des Unternehmens aus Mladá Boleslav sogar dazu, seinen 2/4-Takt-Tanz „Na motoru“ („Auf dem Motor“) zu komponieren.

Mit dem Triumph in Dourdan hatte die Marke L & K ihre Position auch international weiter gestärkt. Die Motorradproduktion wurde noch einige Jahre fortgesetzt, zeitgleich begann Laurin & Klement jedoch auch mit der Fertigung von Automobilen. Den Anfang machte am 29. Oktober 1905 die Laurin & Klement Voiturette A nach zuvor vierjähriger Entwicklungsarbeit eines Konstrukteursteams unter der Leitung von Václav Laurin. Václav Vondřich übernahm 1906 die Leitung der Niederlassung in Prag. Aufgrund einer Tuberkulose-Erkrankung musste er seine Karriere noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beenden, Chef der Skoda-Vertretung blieb er jedoch bis Anfang der Vierzigerjahre.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "bike & busines", "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group