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Tachomanipulation - Ein wachsendes Problem

Redakteur: Steffen Dominsky

Einige machen mit, viele schauen weg und die Verantwortlichen haben bisher nur wenig dagegen unternommen. Mittlerweile hat sich das Kavaliersdelikt von einst zum „kriminellen Volkssport“ entwickelt.

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Bei 30 Prozent der Gerbauchtwagen ist der Kilometerstand laut Polizei fragwürdig.
Bei 30 Prozent der Gerbauchtwagen ist der Kilometerstand laut Polizei fragwürdig.
( Fotolia )

Lange hatten Tachomanipulationen in Deutschland den Status eines Kavaliersdekikts. Gesetze gegen die Eingriffe gab es natürlich, aber die missachtete man großzügig, denn von Staats wegen hatten die Schrauber nur wenig zu befürchten. Bis Anfang des letzten Jahres. Dann kam der 15. März 2011, 6:00 Uhr morgens.

500 Beamte unter der Führung der Münchener Polizei durchsuchen nach umfangreichen Ermittlungen mehr als 150 Wohnungen und Firmen in Deutschland sowie in weiteren europäischen Ländern. Zweck der Übung: Die Behörden holten mithilfe der Ermittlungsgruppe „Tacho“ zum ersten großen Schlag gegen professionelle Tachomanipulierer aus.

Lange Zeit in eher homöopathischen Dosen ausgeübt, hat sich das einstige Kavaliersdelikt mittlerweile zu einer Art krimineller Volkssport ausgeweitet. So spricht der TÜV Süd von einer „traurigen Tradition“ beim Handel mit Automobilen und auch die Prüforganisation KÜS betrachtet Tachomanipulation mittlerweile als „regelrechtes Geschäftsmodell“. Doch wie konnte es nur so weit kommen? Jahrzehntelang wurden die Kilometerstände in Autos mithilfe mechanischer Instrumente angezeigt. Sie zu manipulieren war nicht besonders schwer, erforderte jedoch handwerklichen Aufwand und Geschick.

Zudem glänzten die Fahrzeuge vergangener Epochen lange nicht mit der Qualität, mit der heutige Modelle aufwarten. Sie wirkten nicht nur schnell verschlissen, sie waren es auch. Ab den neunziger Jahren reifte die Mehrzahl von ihnen zu wahren Trutzburgen heran, die Qualität nahm spürbar zu. Plötzlich war ein Wagen selbst nach Jahren optisch wie technisch noch „gut in Schuss“. Wenn nur die vielen Kilometer nicht wären. Denn gerade hierzulande hat der Kilometerstand großen Einfluss auf den Wert eines Automobils – und ist so die Triebfeder der Tachomanipulation. Der tatsächliche Fahrzeugzustand ist laut DAT und Schwacke zweitrangig.

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Immer mehr Autobesitzer verspürten in der Folge den Drang, die Laufleistung ihrer eigentlich noch properen Fahrzeuge nach unten zu korrigieren, um beim Verkauf Kasse zu machen. Heute erzielen sie illegal im Schnitt 3.500 Euro mehr pro manipuliertem Fahrzeug dank durchschnittlich 30.000 zurückgedrehter Kilometer, berichtet die Polizei.

Bereits vor Jahren schätzte die Dekra, dass ein Drittel aller Gebrauchtwagen mit gefälschten Tachoständen unterwegs war. „Zu viel“, sagten einige. „Stimmt doch“, sagen jetzt die Experten der Ermittlungsgruppe Tacho und bestätigten mit „30 Prozent“ die Schätzung von einst. Die Folge: Bei etwa sechs Millionen in Deutschland gehandelten Gebrauchtwagen entsteht ein Schaden von jährlich zirka sieben Milliarden Euro.

Elektronik erleichtert Eingriffe

„Was früher in Hinterhöfen aufwendig mechanisch reguliert wurde, passiert heute schnell, sauber und elektronisch“, skizziert Hans-Georg Marmit von der KÜS die traurige Realität. Und Andreas Halupczok, Gebrauchtwagenexperte des TÜV Süd, sieht in der Tachomanipulation mithilfe elektronischer Werkzeuge „eine neue Qualität“ des Missbrauchs. Der Einsatz von Elektronik in Fahrzeugen hat eine mögliche Manipulation also keineswegs erschwert.

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Selbst Autobauer Daimler gesteht: „Das Problem der Manipulation an elektronischen Tachos wurde uns bereits kurz nach deren Einführung bekannt.“ Benötigte man in der Anfangszeit elektronischer Tachos für deren Manipulation ebenso handwerkliches Know-how wie seinerzeit bei mechanischen Systemen, ist dies heute oftmals überflüssig. Wer will, kann bei fast allen Autos den Kilometerstand mithilfe der OBD-Schnittstelle verändern. Versuche des ADAC haben gezeigt: Man muss lediglich ein Manipulationsgerät anschließen und bereits nach 30 Sekunden ist alles erledigt.

Hacker-Wissen hilft den Tätern

Dabei macht den Elektronik-Hackern vor allem das Prinzip der CAN-Bus-Systeme, die Vernetzung von Steuergeräten innerhalb des Fahrzeugs, das kriminelle Leben leicht. Mittels spezieller Befehle können sie Speicher, in denen die Wegstrecke abgelegt ist, manipulieren, ohne dass sie Steuergeräte bzw. Kombiinstrumente öffnen müssen. Sogenannte „Backdoors“ (= Hintertürchen), das heißt gewollte „Lücken“, die die Hersteller für eigene Software-Updates vorgesehen haben, ermöglichen den Kilometerdieben den Zugang.

Selbst vor der aufwendigen Taktik des „Reverse-Engeneering“ („Nachkonstruieren von Steuergerätefunktionen) schrecken die Anbieter der Manipulationsgeräte nicht zurück. Die in der Automobilbranche verwendeten Verschlüsselungen stellen, wie das Abspeichern der Laufleistung in „Eeproms“ (modernen Speicherbausteinen), längst kein Hindernis mehr dar. Anfangs ersetzten die Tachotrickser die nur einmalig beschreibbaren Bauteile anfangs kurzerhand durch neue – für fünf Euro im Elektronikhandel erhältlich. Mittlerweile knacken sie auch Eeproms kurzerhand per Datenbefehl.

Seite 2: Wettlauf um das Know-how

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