Uber-Deutschland-Chef: „Die Kunden möchten Mobilität konsumieren“
Auf der IAA konnte »kfz-betrieb« mit Uber-Deutschland-Chef Christoph Weigler sprechen. Der Mobilitätsexperte sieht das Kerngeschäft seines Unternehmens hierzulande vor allem auf der „letzten Meile“ – als Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr.

Im Gespräch mit »kfz-betrieb« gibt Christoph Weigler einen Ausblick auf Marktpotenziale neuer Mobilitätskonzepte. Seine Vision klingt deutlich greifbarer und bescheidener als die von Gründer Travis Kalanick, dessen aggressives Geschäftsgebahren ihn zuletzt den Chefposten seines Unternehmens gekostet hat. Kooperationen mit Herstellern, Handel, Gesetzgeber und dem öffentlichen Nahverkehr hält Weigler, der zuvor Hersteller bei ihrer strategischen Neuausrichtung zu ganzheitlichen Mobilitätsanbietern beriet, für unabdingbar. Das Interview fand auf der New Mobility World der IAA 2017 statt.
Herr Weigler, fahren Sie eigentlich einen Dienstwagen?
Ich habe kein Auto. Unsere Philosophie ist ja die der geteilten Mobilität, gerade im urbanen Raum – das lebe ich auch ein Stück weit. Ich wohne in München, arbeite in Berlin und bediene mich daher verschiedener Mobilitätsformen: viel öffentlicher Personennahverkehr, dort wo er gut ausgebaut ist, und mit Scooter-Sharing habe ich eine neue Leidenschaft entdeckt. Ich versuche, das Verkehrsmittel zu nutzen, das gerade passt. Mein eigenes Auto habe ich vor zwei Jahren verkauft.
Autohersteller beteiligen sich an Mobilitätsanbietern wie Uber, Gett oder Lyft. Welches Interesse verfolgen die Hersteller damit – besteht Ihr Interesse doch eigentlich darin, Autobesitz künftig überflüssig zu machen?
Nicht nur hier am Stand der New Mobility World merkt man, dass sich die Mobilitätswünsche der Nutzer verändern. Die Kunden möchten Mobilität konsumieren. Durch die Digitalisierung sind viele Konzepte möglich geworden, bei denen man „On-Demand“ seine Strecke von A nach B bucht. Das eigene Fahrzeug steht in der Regel zu 95 Prozent der Zeit – bei den neuen Konzepten wird nur die tatsächlich in Anspruch genommene Zeit in Rechnung gestellt. Es ist ja auch eine effizientere Art der Nutzung. Die Hersteller haben die Umsatzpotenziale erkannt, tragen den Wünschen der Kunden Rechnung und möchten an dem Geschäft teilhaben.
Aber was genau versprechen sich die Hersteller von der Zusammenarbeit mit Uber?
Wir haben beispielsweise letztes Jahr eine Kooperation mit Daimler bekannt gegeben. Sie werden als Kunde über Uber eine Fahrt in einem vollautonomen Fahrzeug von Daimler bestellen können. So entsteht eine Win-win-Situation: Wir können unseren Kunden ein vollautonomes Fahrzeug der Premiumklasse bieten, Daimler erhält Zugang zu neuen Kundensegmenten und damit zu Umsatzpotenzialen. Natürlich sind wir auch Absatzkanal für andere Hersteller, schließlich verdienen schon heute mehr als 2 Millionen Menschen ihr Geld als Fahrer bei Uber.
Wie viele Fahrzeuge wurden über Uber bereits abgesetzt bzw. vermittelt?
Genaue Zahlen kann ich hier nicht liefern, allerdings handelt es sich bei den meisten Fahrern um professionelle Fahrer, die ihr Geld hauptberuflich mit Uber verdienen. Es kommen dabei durchaus Laufleistungen von 100.000 Kilometer im Jahr zusammen, sodass diese Fahrzeuge eben auch öfter ausgetauscht werden als beispielsweise in einem Privathaushalt. Erwähnenswert ist meiner Meinung nach auch, dass dadurch neue Technologien schneller in den Markt kommen – wie beispielsweise die Elektromobilität. Wir haben gerade in London bekannt gegeben, dass wir unsere dortige Flotte bis 2025 auf vollelektrische Fahrzeuge umstellen werden. Somit beschleunigen Plattformen wie Uber den Einsatz neuer Technologien. Bei Uber werden hauptsächlich kurze Fahrten gebucht, bei denen der Hauptkritikpunkt der geringen Reichweite nicht zieht. So können Elektrofahrzeuge ihre Stärken komplett ausspielen.
Inwieweit verfolgen Sie Kooperationen mit anderen Querdenkern und Innovationsträgern wie Google oder Apple, die ja ebenfalls an Mobilitätskonzepten und eigenen Fahrzeugen arbeiten?
Wir sind der festen Überzeugung, dass die Zukunft der Mobilität sehr viel stärker von Kooperationen geprägt sein wird, als das heute der Fall ist. Die Komplexität steigt, und es ist kaum vorstellbar, dass ein Anbieter alles aus einer Hand liefern kann. Über die reine Fahrzeugproduktion hinaus gibt es die Themenfelder autonome Technologien, Mobilitätsdienstleistung, Applikationen an der Schnittstelle zum Kunden usw. Deswegen verfolgen wir Kooperationen mit Automobilherstellern, aber auch mit anderen Technologieunternehmen. Wir sind grundsätzlich auch immer auf der Suche nach Unternehmen, die in diesen Bereichen neue Impulse setzen können. Kooperationen mit den von Ihnen genannten Firmen sind mir allerdings nicht bekannt.
Wo haben Werkstätten und Händler ihren Platz in der Uber-Welt?
Unsere Partner sind in der Regel mittelständische Chauffeurunternehmen, die zwischen 10 und 50 Fahrzeuge im Fuhrpark haben. Wenn ich mit Vertretern des Handels spreche, sind diese eigentlich glücklich über die doch hohen Laufleistungen der Fahrzeuge. Diese Fahrzeuge müssen regelmäßig gewartet werden, und sie werden im Schnitt nach zwei Jahren durch neue Fahrzeuge ersetzt. Wenn man sich die Margenverteilung eines Autohauses ansieht, wird ja im Aftersales auch viel Geld verdient. Natürlich ist es aber unser Ziel, Menschen davon zu überzeugen, auf das eigene Fahrzeug zu verzichten und sich die Fahrzeuge auf den Straßen zu teilen.
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