Groß und repräsentativ sind allerdings viele Limousinen in China, fallen dann aber innen umso weiter ab. Beim Phideon ist das anders: Er feiert in der Kabine eine Orgie aus Lack und Leder und umschmeichelt die Kundschaft mit Chrom auf jedem Schalter. Und davon gibt es jede Menge. Denn VW hat vom Nachtsichtsystem über die Parkautomatik bis hin zum Abstandstempomaten so ziemlich alles eingebaut, was das Konzernregal zu bieten hat. Nur Assistenzsysteme für mehr Autonomie beim Fahren gibt es keine. Stattdessen ist das Navigationssystem so (über)fürsorglich, dass es den Fahrer sogar vor Kreuzungen oder Kurven warnt.
Während Testfahrer Kaulfers den serienmäßig luftgefederten und in der Topversion auch allradgetriebener Wagen ganz entspannt über die unzähligen Temposchwellen steuert, mit der weichen Lenkung wie auf Carving-Skiern durch den dichten Verkehr gleitet und auf der Flughafen-Autobahn per Kickdown beweist, dass in dieser Stille doch ein Motor arbeitet, sitzt man im Fond in seinem ganz eigenen Reich. Wie in Watte gepackt und auf Wolken gebettet sinkt man tief in die weichen Leder, lässt sich den Rücken von Massagesesseln kneten und das Hemd von der Klimaanlage der Polster trocknen.
Und wenn die Arbeit auf dem kleinen Klapptischchen endlich erledigt ist, dann holt man noch schnell einen Schlummertrunk aus dem Barfach, bevor der Kopf in den federweichen Kopfstützen versinkt. Kaulfers muss den 3,0 Liter großen V6-Motor mit rund 300 PS und 440 Nm gar nicht ausfahren, muss nicht in 6,3 Sekunden von 0 auf 100 stürmen oder mit den 250 km/h Spitze seinen nach 1.000 Prüfungsfragen umgeschriebenen Führerschein riskieren, damit man sich hier wie jemand Besseres fühlt.
Wer zur Teufel braucht da noch ein „ABB“-Modell? Schön für SAIC-VW, schlecht für Audi, BMW und Mercedes – zumal deren China-Limousinen in diesem Segment allesamt mindestens zehn Prozent teurer sind, rechnet Marketing-Mann Hitpass vor. Trotzdem ist er nicht so vermessen, einen aus diesem Trio vom Treppchen stoßen zu wollen. Die 160.000 Zulassungen von Audi und BMW und die 80.000 E-Klassen im Jahr scheinen ihm für den Phideon erst einmal unerreichbar. Erst recht, wenn er sich nicht an der wilden Rabattschlacht beteiligen möchte, die zwischen den anderen deutschen Marken tobt. „Aber Lexus, Cadillac & Co halten 25 Prozent der rund 600.000 Zulassungen im Segment“, sagt Hitpass. „Davon wollen wir uns einen Anteil holen.“
Kein Export nach Europa geplant
Natürlich wissen Hitpass und sein Entwicklungschef Frank Bekemeier, dass sie ihre Produktion auch anders steigern könnten – zum Beispiel durch den Export nach Deutschland: Weil der Phideon nicht ganz so abgehoben auftritt wie der Phaeton, hätte er durchaus das Zeug zum glaubwürdigen VW für Aufsteiger und könnte mit einem etwas bestimmteren Set-Up und einem auf deutsche Vorlieben abgestimmten Ambiente auch bei uns ein bisschen am Glanz von E-Klasse & Co kratzen.
Doch so gut der Phideon sich im Stadtverkehr von Shanghai macht, wird man ihn in Stuttgart oder Salzgitter wohl nie zu sehen bekommen. „Ein Export nach Europa ist nicht geplant“, sagt Bekemeier und erteilt den Aufstiegsträumen ambitionierter VW-Käufer in Deutschland eine Abfuhr. Testfahrer Kaulfers kann das egal sein: Er hat seinen chinesischen Führerschein gerade um zehn Jahre verlängert und kann deshalb auf der Suche nach neuen Wolkenkratzern noch ein bisschen weiter im Phideon durch Pudong kreuzen.
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