VW Phideon: Der Phaeton-Erbe für China
Das Ende des Phaeton tat vor allem VW-Verantwortlichen in China weh. Nun soll der Phideon die Lücke schließen und VW auch für Premium-Kunden im Reich der Mitte interessant machen.

Der Blick vom „Bund“ rüber nach Pudong fesselt Mario Kaulfers immer wieder. Denn auch wenn der VW-Ingenieur jetzt seit über fünf Jahren in China lebt, kann er sich an der Skyline jenseits des Huangpu-Rivers kaum satt sehen. Schließlich wachsen dort die Wolkenkratzer schneller als irgendwo sonst auf dem Globus und zeugen damit von der ungeheuren Dynamik, die China zur größten Wirtschaftsmacht der Welt hat werden lassen. „Jedes Mal, wenn ich hier vorbei fahre, reckt sich ein neuer Spargel in den Himmel“, freut sich der Expat, wie man die auf Zeit fest in einem fremden Land arbeitenden Ausländer nennt.
Diesmal kreuzt er mit einem Auto durch das Finanzzentrum der 20-Millionen-Metropole, das perfekt zu dieser Stimmung passt, weil es ebenfalls für den ungebrochenen Aufstiegswillen, die Sehnsucht nach Anerkennung und die Gier nach Größe steht: Kaulfers sitzt am Steuer des neuen VW Phideon, mit dem das Joint-Venture SAIC und VW jetzt zu den in China nur „ABB“ genannten Luxusmarken Audi, BMW und (Mercedes-)Benz aufschließen und Autos wie dem A6, dem Fünfer oder der E-Klasse ans Leder will.
Der gut fünf Meter lange Luxusliner soll eine Entwicklung vorantreiben, die weitgehend unbehelligt vom Diesel-Dilemma nur eine Richtung kennt: aufwärts. Allein im letzten Jahr hat VW in China über 2,6 Millionen Autos verkauft und dieses Jahr könnte die Vier-Millionen-Marke fallen, berichten Kaulfers Vorgesetzte.
Obwohl 40 Prozent des Geschäftes mit Einstiegsautos wie dem Santana gemacht werden, haben sich die Niedersachsen auch bei der stetig wachsenden Mittelschicht in den letzten Jahren einen guten Ruf erworben. Deshalb tut es den Managern im Reich der Mitte auch so weh, dass Wolfsburg den Phaeton eingestellt und im Strudel der Diesel-Affäre die Entwicklung des Nachfolgers gestoppt oder zumindest deutlich verzögert hat.
Flaggschiff wider Willen
Während sich das nördliche Joint-Venture mit FAW darüber mit der lokal produzierten Audi-Flotte hinwegtrösten kann, ist für den südlichen Ableger SAIC-VW jetzt beim Passat Schluss: „Wir haben zwei Millionen Passat-Kunden, denen wir etwas zum Aufsteigen anbieten wollen“, sagt Marketing-Chef Jörg Hitpass. Da kommt ihm der neue Phideon gerade recht. Vor vier Jahren beschlossen, hätte er früher vielleicht mal die Lücke zum Phaeton schließen sollen. Doch in der neuen Gemengelage wird er plötzlich auf dem wichtigsten Markt zum Flaggschiff wider Willen.
Diese Rolle hat VW dem 5,07 Meter langen Phideon zwar nicht auf den Leib geschneidert. Aber er spielt sie trotzdem mit Bravour: Genauso groß wie der Phaeton und innen dank des längeren Radstands von 3,01 Metern sogar ein wenig geräumiger, kostet er nicht zuletzt wegen der lokalen Produktion mit einem Grundpreis von 359.000 RMB oder umgerechnet etwa 48.000 Euro kaum mehr als halb so viel wie der Luxusliner, macht aber in den Straßen von Shanghai mindestens genauso viel her: Das von LED-Scheinwerfern und einem breiten Kühler betonte Gesicht streng und entschlossen, die Flanke klar und schnittig und das Heck rundherum stimmig – so lässt der Phideon den dank des Modularen Längsbaukastens technisch eng verwandten Audi A6 ganz schön alt aussehen und fängt in Pudong manch neugierigen Blick ein.
(ID:44235350)