Lotus Emeya Zukunft versus Tradition

Von sp-x 4 min Lesedauer

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Leicht vs. schwer, flach vs. hoch, Benzin vs. Strom, Purismus vs. Luxus – die Gegensätze zwischen einem Lotus, wie wir ihn zu kennen glauben, und dem Emeya sind maximal groß. Kann die Marke ihre Tradition mit diesem Modell in die Zukunft überführen?

Der Emeya ist so ziemlich das Gegenteil eines klassischen Lotus.(Bild:  Lotus)
Der Emeya ist so ziemlich das Gegenteil eines klassischen Lotus.
(Bild: Lotus)

Lotus – ein Name, der Fans automobiler Feinkost noch immer ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Eng verbunden mit seinem Gründer Colin Chapman, mit Erfolgen in der Formel 1 oder mit konsequentem Leichtbau, steht die Marke bis heute für beste britische Automobiltradition. Was das mit unserem Testwagen, dem Lotus Emeya, zu tun hat? Wenig. Wer einen Fahrbericht über eine puristische Flunder á la Elise erwartet, darf jetzt aufhören weiterzulesen.

Der Emeya ist so ziemlich das Gegenteil eines klassischen Lotus: Er hat keinen hochgezüchteten Benziner unter der Haube, sondern zwei Elektromotoren, er ist kein Leichtgewicht, sondern wiegt bereits leer um die 2,5 Tonnen und er ist in Sachen Raum nicht knapp kalkuliert, sondern misst opulente 5,14 Meter – nur 4 Zentimeter weniger als eine Mercedes S-Klasse.

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Aus den Gegensätzen resultiert die entscheidende Frage: Gelingt es Lotus, seine sportlichen Wurzeln auch im E-Auto-Zeitalter zu bewahren? Gelingt es der mittlerweile zum chinesischen Geely-Konzern gehörenden Schmiede, ein Auto zu bauen, das in die Zukunft führt und dabei die Tradition nicht vernachlässigt?

Optisch zumindest – so der erste Eindruck – haben die Designer im britischen Hethel ganze Arbeit geleistet. Der viertürige Gran Turismo steht satt auf der Straße, wirkt mit seiner tief heruntergezogenen Front und dem unserer Meinung nach sehr gelungenen, coupéartigen Heck und dem feinen, durchgehenden Leuchtenband äußerst dynamisch.

Geely lässt grüßen

Im Innenraum von Purismus keine Spur. Das Ambiente ist modern mit luxuriösen Anklängen, etwa durch reichliche Verwendung von Nappaleder oder Alcantara. Die Sportsitze bieten guten Seitenhalt, haben aber auch Langstreckenqualität. Wie heute üblich, aber speziell bei Fahrzeugen aus chinesischer Hand, denn der Emeya wird bei Geely in Wuhan gebaut, dominiert ein großes Infotainment-Display in der Mittelkonsole, während das Armaturendisplay erfreulich zurückhaltend ausfällt. Lotus hat mithilfe von Geely sogar ein eigenes Betriebssystem entwickelt, das extrem schnell arbeitet und verarbeitet. Allerdings erfordert die Bedienung Eingewöhnung und die Beschriftung der Tasten ist nicht gerade leicht lesbar.

Aber einen Lotus kauft man ja aus anderen Gründen, vorrangig wegen seines Antriebs. Im Emeya 600 arbeiten zwei Elektromotoren, die von ZF zugeliefert werden. Zusammen erzeugen sie 450 kW/612 PS und 710 Newtonmeter Drehmoment. Nur knapp über 4 Sekunden benötigt das Sportcoupé bis Tempo 100 und es lässt sich, im E-Zeitalter durchaus keine Selbstverständlichkeit, bis auf 250 km/h beschleunigen.

Trotz des hohen Gewichts und der Fahrzeugabmessungen fährt sich der Emeya auch dank seiner 50:50-Gewichtsaufteilung an den Achsen sehr agil. Das Luftfahrwerk arbeitet souverän, könnte aber noch ein wenig Feinabstimmung in Richtung Komfort speziell an der Vorderachse vertragen. Im Sportmodus geht es dann noch etwas schärfer zur Sache, die Dämpfer werden gestrafft, die Motoren reagieren dynamischer. Der Allradantrieb, der die Kraft stets variabel an die Achsen verteilt, trägt zum sicheren Fahrverhalten bei und macht speziell Kurven und deren Ausfahrten zum Vergnügen. Was auch an den tief im Unterboden liegenden Akkumodulen liegt, die den Schwerpunkt absenken. Zudem passen sich der variable Frontspoiler und der ausfahrbare Heckflügel den jeweiligen Fahrbedingungen dynamisch an. Kurz: Dieser Lotus macht jede Menge (Fahr-)Spaß.

440 statt 610 Kilometer

Die Lotus-Ingenieure, ein Großteil der Konstruktion kommt aus dem europäischen Entwicklungszentrum im hessischen Raunheim, haben dem Emeya einen 99 kW/h großen Akku mitgegeben. Das reicht theoretisch für 610 Kilometer Reichweite. Wir kamen bei einer Mischung aus überwiegen gemäßigtem Tempo und kurzen Autobahnabschnitten mit höheren Geschwindigkeiten auf einen Mix-Testverbrauch von 22,5 kW/h und eine Realreichweite von 440 Kilometer. Das ist, auch im Vergleich zu Wettbewerbern, durchaus noch okay.

Richtig geglänzt hat unser mit 800-Volt-Technolgie ladender Lotus an der Schnellladesäule. Theoretisch könnte er an einer der noch seltenen 400-kW-Säulen in 14 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden. Aber auch an einer 320-kW-Säule ging es so fix zur Sache, dass wir nach einem kurzen Gang zur Raststätte bei der Rückkehr häufig schon einen fertig geladenen Emeya vorfanden.

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Ohne Zweifel ist dieses Fahrzeug für die Marke ein wichtiger und auch ein gelungener Schritt nach vorn. Trotz der ambitionierten Arbeit an Antrieb und Fahrwerk bewegt sich der Emeya aber auch weit weg von einem klassischen Lotus. Wen das nicht stört, der erhält ein gelungenes Paket aus Sportwagen und Reiselimousine. Und das auch noch zu einem Preis, der jeden Porsche alt aussehen lässt. Ab knapp 108.000 Euro steht der Emeya in der Preisliste, und derzeit gibt es eine sogenannte Business-Edition, die auf die Firmenwagen-Förderung optimiert wurde und für die knapp 96.000 Euro aufgerufen werden. Was will man da noch mehr? Vielleicht den Emeya 900 mit 918 PS, für den dann aber auch schon nicht mehr ganz so attraktive 146.000 Euro fällig werden.

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