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Zukunftsstudie prognostiziert ohne E-Mobilität hohe Job-Verluste

Autor / Redakteur: dpa / Andreas Grimm

Die Investition in die Elektromobilität ist eine nationale Aufgabe für Industrie, Gewerkschaften und Politik. Unterbleibt der Schwenk dürften die Arbeitsplatzverluste laut einer Studie dramatisch werden. Schrumpfen wird die Branche dennoch.

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Ohne den Schwenk zur Elektromobilität wie hier bei Polestar werden in der heimischen Automobilindustrie viele Arbeitsplätze verloren gehen.
Ohne den Schwenk zur Elektromobilität wie hier bei Polestar werden in der heimischen Automobilindustrie viele Arbeitsplätze verloren gehen.
(Bild: Volvo)

Der Strukturwandel in der Autoindustrie mit der Umstellung auf die Elektromobilität gefährdet nach der Analyse einer Expertenkommission hunderttausende Jobs in der Branche. Wenn sich die Wettbewerbslage der deutschen Industrie bei der Elektromobilität in den kommenden Jahren nicht verbessere und der Importbedarf für Batteriezellen und Elektrofahrzeuge weiter steige, wäre ein „erheblicher Beschäftigungsrückgang“ bis 2030 zu erwarten, heißt es in einem am Montag vorgelegten Bericht einer Arbeitsgruppe der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität. In einem Extremszenario sind demnach bis zu 410.000 Arbeitsplätze in Gefahr – allein bei den Herstellern selbst könnten im Vergleich zu 2018 rund 240 000 Jobs verloren gehen. Zuvor hatte das „Handelsblatt“ darüber berichtet.

Die Nationale Plattform selbst, die Autobranche und die IG Metall machten inzwischen aber deutlich, dass dieses Extremszenario nicht eintreten werde. „Das Extremszenario halte ich aus heutiger Sicht nicht für realistisch", sagte der Leiter der Arbeitsgruppe, IG Metall-Chef Jörg Hofmann. „So käme es nur, wenn wir alle Batterien und einen großen Teil der E-Fahrzeuge nicht hierzulande produzieren. Aber die deutschen Autohersteller sind mittlerweile aufgewacht, die Modelloffensive für E-Autos kommt.“ Zwar sei der Systemwechsel im Antrieb kein Selbstläufer, Hofmann sieht die Entwicklung dennoch „optimistisch“.

Aus Sicht der IG Metall müssten Wirtschaft und Politik noch entschiedener den Wandel begleiten. Hofmann hatte sich bereits im Dezember für Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld ausgesprochen, außerdem seien „dringend“ arbeitsmarktpolitisch begleitende Maßnahmen nötig. Der schwierige Umbruch in der Autoindustrie ist auch Thema am Mittwoch im Kanzleramt – Kanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft Vertreter von Gewerkschaften und Autoherstellern.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) erklärte am Montag, das Extremszenario gehe von einem unrealistischen Ansatz aus. Für realistischer hält der VDA eine ebenfalls im Bericht erwähnte Studie, wonach der Umstieg von Verbrenner- auf Elektroautos im Bereich des Antriebsstrangs mit einem Abbau von 79.000 bis 88.000 Stellen bis zum Jahr 2030 verbunden sein könnte.

„Die Mobilität der Zukunft bedeutet für Unternehmen und viele Arbeitnehmer tiefgreifende Veränderungen“, sagte VDA-Geschäftsführer Kurt-Christian Scheel. Klar sei, dass der Umstieg auf die E-Mobilität Anpassungen erfordern und zu einem Rückgang der Beschäftigung am Standort Deutschland führen werde. „Es ist die gemeinsame Verantwortung von Industrie, Gewerkschaften und Politik, durch geeignete Maßnahmen Qualifizierung zu fördern und den Wandel gemeinsam zu gestalten, damit negative Arbeitsplatzeffekte möglichst gering gehalten werden können.“

Weniger Teile, weniger Arbeit, weniger Wertschöpfung

Laut dem Bericht der Arbeitsgruppe wird die Elektromobilität in jedem Fall Konsequenzen haben, auch wenn das Extremszenario aufgrund einer besseren Entwicklung inländischer Angebote von Elektrofahrzeugen und inländischer Produktion von Batterien abgewendet werden könne: „In keinem Fall werden die Automobilhersteller weiterhin im selben Maße für eine solche Wertschöpfung und Beschäftigung entlang der Zulieferketten sorgen können, wie es heute der Fall ist.“

Der Bau eines E-Autos ist weniger komplex als der Bau eines Benzin- oder Dieselfahrzeugs. Werden im Verbrennungsmotor heute 1.200 Bauteile und mehr verbaut, kommt der Elektromotor mit 200 Komponenten klar. Dazu kommt die Digitalisierung mit einer zunehmenden Automatisierung der Produktion – durch den Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz.

Eine zentrale Rolle bei der Wertschöpfung spielen außerdem Batteriezellen. Der deutschen Autoindustrie droht eine Abhängigkeit von derzeit führenden Zulieferern vor allem aus Asien. Um dies zu verhindern, steht der Bau von Batteriezellenwerken auch in Deutschland weit oben auf der Agenda von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), konkrete Projekte sind auf den Weg gebracht worden. In einem „Transformationsdialog“ mit Autoherstellern und Zulieferern will Altmaier rechtzeitig dafür sorgen, dass neue Jobs in Deutschland entstehen.

Bisher haben E-Autos in Deutschland trotz steigender Zulassungszahlen noch nicht den Durchbruch auf dem Massenmarkt geschafft. Die Elektromobilität spielt eine zentrale Rolle im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung, mit dem die Klimaziele 2030 vor allem im Verkehr erreicht werden sollen. Dafür wird bis 2030 eine Zahl von 7 bis 10 Millionen E-Autos in Deutschland als notwendig angesehen. Die Autobranche ist auch wegen strengerer Klimavorgaben der EU auf deutlich mehr E-Autos in den kommenden Jahren angewiesen.

Umweltverbände kritisierten erneut den Kurs der deutschen Autoindustrie. Diese habe zu lange am alten Geschäftsmodell mit Verbrennungsmotoren festgehalten, sagte der verkehrspolitische Sprecher des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland VCD, Michael Müller-Görnert. Vor allem der IG Metall gehe es jetzt um die Durchsetzung von Kurzarbeitergeld, Qualifizierungs- und Umschulungsmaßnahmen. „Damit soll auch das bisherige Versagen von Industrie und Gewerkschaften in der Transformation kaschiert werden.“ Greenpeace-Verkehrsexperte Tobias Austrup sagte: „Wer die Elektromobilität verschläft, gefährdet Arbeitsplätze.“

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