Alpine A110: Legendäre Franzosen-Flunder

Autor / Redakteur: sp-x / Andreas Wehner

Sie war kein Supersportler und trotzdem superschnell. Die von kleinen Renault-Motoren angetriebene Alpine A 110 verkörperte für französische Autofans ab 1962 das, was Porsche mit dem 911 gelang. Große Fußstapfen für die jetzt startende Neuauflage.

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Die Alpine A110 war so etwas wie der Porsche 911 der Franzosen.
Die Alpine A110 war so etwas wie der Porsche 911 der Franzosen.
(Bild: Renault Alpine)

Es war einer jener magischen Momente der Sportwagengeschichte, wie sie sonst in Maranello oder auf italienischen Messen zelebriert wurden. Auf dem Pariser Salon 1962 ging es allerdings nicht um die Premiere eines PS-gewaltigen V12-Renners, sondern um ein winziges, 3,85 Meter langes und mit 1,13 Meter gerade einmal hüfthohes Heckmotor-Coupé des Renault-Händlers und Rallye-Piloten Jean Rédélé aus Dieppe an der französischen Kanalküste.

Ausgerechnet diese kleine Kunststoff-Flunder vom Typ Alpine A 110 Berlinette mit knausrigen 38 kW/51 PS aus einem Renault-Motor stahl allen Vmax-Boliden die Schau, als sie unter der französischen Flagge enthüllt wurde. Tatsächlich hatte Jean Rédélé schon mit seinem ersten Streetracer A 106 durch Erfolge bei der Mille Miglia das Potential der Alpine-Sportler demonstriert.

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Dabei folgte er dem Beispiel von Porsche, robuste Großserientechnik in gerade noch bezahlbares Sportgerät zu implantieren. Hinzu kamen verführerisch schöne aerodynamische Formen – anfangs von Michelotti gezeichnet – und bei der A 110 ein kompromisslos geringes Kampfgewicht von 575 Kilogramm für verblüffende Fahrleistungen. Ein Mix mit dem die bis 1977 gebaute und zuletzt auf 125 kW/170 PS erstarkte A 110 Weltmeistertitel und den Nimbus eines gallischen 911 errang. Kein Wunder, dass Renault die Chance nutzte, Alpine zu übernehmen. Überraschend ist allenfalls, dass die Franzosen erst heute den Mythos A 110 durch einen gleichnamigen Nachfolger mit neuem Leben füllen.

Schiere Leistung war bei Alpine Sportwagen immer Mangelware, wichtiger waren strömungsgünstige und fast federleichte Formen. In dieser Hinsicht ähnelten Jean Rédélés Rennmaschinen den minimalistischen Konstruktionen seines britischen Konkurrenten Colin Chapman, dessen Lotus sich ebenfalls lieber durch ein optimales Leistungsgewicht als durch überlegene Kraft von der Konkurrenz distanzierten – und dabei gleichfalls zeitweise auf Renault-Triebwerke vertrauten. Genau diese bewährte Technik, die in jeder Werkstatt gewartet werden konnte, gab den Käufern das beruhigende Gefühl, in einem uneingeschränkt alltagstauglichen Rennwagen zu sitzen.

Nicht zu vergessen der Vorteil des Vertriebsnetzes einer großen Marke. Hobby-Rennfahrer Rédélé wusste von Beginn an, wie er den Sportsgeist à la francaise ins Herz traf. Schließlich hatte der mit 24 Jahren jüngste Renault-Händler im Nachkriegsfrankreich sein neues Handwerk als Autobauer erst einmal von der Pike auf lernen müssen. In Erinnerung an seinen größten Renntriumph beim Coupé des Alpes nannte er sein Sportwagenprogramm Alpine und baute dies parallel zu den Veränderungen in der Renault-Palette aus: Auf die erste Alpine A 106 (1956) mit Renault-4CV-Komponenten folgte die A 108 (1957) mit Technik der Renault Dauphine und 1962 die A 110 mit dem Antrieb des Renault 8.

Zur Finanzierung dieser von Fans liebevoll „le Turbot“ („der Plattfisch“) genannten Plastikflunder gab es eine Kooperation mit der brasilianischen Firma Willys, die ihre Lizenz-Interpretation der A 110 „Interlagos“ nannte und ebenfalls auf dem Pariser Salon 1962 enthüllte. Damit nicht genug folgten auch Lizenzausgaben der A 110 in Mexiko, durch Dinalpin, Bulgaralpin (die Bulgaren bauten auch den Renault 8) und die spanische FASA.

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