Audi RS3: Dezenter Herausforderer der Sportwagen

Kompaktwagen mit 400 PS und großem Durst

| Autor: Ampnet

Audi hat mit dem RS3 in der Kompaktklasse eine Rennkugel auf den Markt gebracht, der man die Leistung nicht auf den ersten Blick ansieht.
Audi hat mit dem RS3 in der Kompaktklasse eine Rennkugel auf den Markt gebracht, der man die Leistung nicht auf den ersten Blick ansieht. (Bild: Ampnet/Dennis Gauert)

Die Bässe brodeln, das Licht dimmt sich, die Spannung im Publikum erzeugt ein Knistern in der Luft – und: Der Vorhang geht auf. So oder so ähnlich lässt sich der Moment beschreiben wenn der Lader richtig losdreht. Für dieses Crescendo schreibt ein 2,5-LiterFünfzylinder-Turbo mit 400 PS und 480 Newtonmetern das Notenblatt. Und bis zum letzten Paukenschlag will das Kulturprogramm genossen werden.

„Mein Gott Walter“ würde Mike Krüger dazu durch die Fahrgastzelle brüllen und hätte die Nase vorn. Denn Erinnerungen an die legendären fünf Pötte, die Rallye-Champion Röhrl im S1 Quattro durch die Kehren peitschte, werden bei diesem Ladedruck-Exzess unweigerlich wach. Der Transport des Fünfzylinders in die Ära der Gestromten und Gefilterten ist gelungen.

Mit unbeeindrucktem Blick müssen die Ingenieure hier vorgegangen sein, denn genau so kaltschnäuzig benimmt sich der Sprössling. Ein bisschen schwer, ein bisschen träge, aber wie auf unsichtbaren Schienen geführt bringt die RS3-Limousine gefühlt 110 Prozent der Kraft auf den Teer. In 4,1 Sekunden beschleunigt der stärkste Bayern-Golf aller Zeiten auf 100 km/h, in unter 16 Sekunden fällt die 200er-Marke. Sportwagenfahrer jedenfalls beißen auf der Autobahn heulend ins Lenkrad, wenn sich der Kompakte zügig nähert. Und in grau oder schwarz lackiert ist er dazu noch wie unter der Jacke versteckt. Ein mieser Kerl, dieser RS3.

Und man muss ihn nicht einmal fahren können: Die MQB-Plattform, auf der auch Konzernbrüder wie der VW Golf basieren, haben die Audi-Sport-Ingenieure gehörig ins Gebet genommen. Mit einem intelligenten Allradantrieb, einem Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetriebe und dem 2,5-Liter-TFSI rückten sie dem Biedermann zu Leibe. So verwandelte sich der praktische Kompaktwagen in einen Expresszug ohne Entgleisungen. Bei dem sitzt der Motor allerdings, anders als bei Sportwagen, quer vor den vorderen Domen. Durch die Limousinenform und den Allradantrieb habe man ihm seine Frontlastigkeit aber aberzogen – so heißt es.

Sicheres Fahrverhalten ohne Schnörkel

Die Testfahrten zeichnen das Bild eines Autos, das nichts aus der Ruhe bringen kann. Eine Destabilisierung scheint schlicht unmöglich – auch mit ausgeschalteten Fahrhilfen. Der Allradantrieb ist nahezu unbesiegbar, verhilft der kleinen Limousine aber nicht zum schlanken Fuß. Der Grenzbereich des RS3 liegt naturgemäß höher als bei seinen Brüdern mit Frontantrieb; aber wenn er rutscht, rutscht er ebenfalls vorne. Das Fahrverhalten auf der Straße kann man, auch wegen der unermüdlich zupackenden Festkolbenbremssättel, als absolut sicher bezeichnen. Lediglich die 235er-Reifenbreite nimmt dem knapp 1600 Kilogramm schweren Allrad-Renner die Sprosse zur nächsten Haftungsstufe. Die kurz übersetzte Lenkung lässt immerhin so manchen Masseneffekt verpuffen.

Abgesteppte Sportsessel mit Kontrastziernähten halten die vorderen Passagiere fest, auch auf den Rücksitzen feine Nähte und Karos, Carbon-Zierleisten, Edelstahl-Dekore – Besitzer von A3-Volumenmodellen finden eine neue Welt vor, wenn sie einsteigen. Lediglich die in Wagenfarbe lackierten runden Lüftungsdüsen holen den Käufer in die Welt der Kompaktklasse zurück: Sie sind wacklig geführt und wollen der ansonsten tadellosen Haptik nicht entsprechen. Gut, dass kleine Aufmerksamkeiten der Entwickler, wie etwa die Audi-Sport-Logo-Projektion auf dem Boden beim Einsteigen, dafür entschädigen wollen. Sie machen aus Bruce Wayne zwar nicht Batman aber erinnern an das Besondere: Es ist ein RS.

Und Besonderes kostet: 58.000 Euro sind mindestens für einen Ritt im viertürigen RS3 nötig. Unser Testwagen kostet 15.440 Euro mehr und kommt ohne Abstandstempomat oder Spurhalteassistent aus, dafür gibt’s unter anderem das größte Infotainmentsystem und Echtcarbon-Dekore. Das Highlight der Ingolstädter Preispolitik ist aber die Anhebung der Höchstgeschwindigkeit auf 280 km/h: Dafür fallen knapp 1.500 Euro aus der Westentasche. Ja, die Aufpreisliste ist von der Art, wie man sie gern selbst in Rechnung stellen würde. Doch Audi tut sich damit keinen Gefallen.

Stolzer Kaufpreis, hohe Tankrechnung

Denn bei einem Kaufpreis von über 73.000 Euro holt sich der Testwagen harte Konkurrenz in die Vergleichstabelle: Alltagstaugliche Sportcoupés und Limousinen wie BMW M2 bis M4, Mercedes C63 AMG; ja sogar Sportwagen wie Toyota Supra oder Porsche Cayman GTS – sie alle sind zu diesem Preis zu haben. Wer Geschäftskunden hat, wird die Diskretion des RS3 im Vergleich zu den Alternativen zu schätzen wissen, aber ein kleines Räuspern kann dabei sein, wenn man später als Besitzer einen M4 um die Ecke biegen sieht.

Denn auch die Blech gewordene Zwille von Audi Sport ist nicht perfekt. Das DSG-Getriebe verzettelt sich gelegentlich im Alltag, die Sitze sind nicht mit verstellbaren Seitenwangen zu bekommen, und es ist nahezu unerträglich im Dynamikmodus zu fahren, ohne drauf zu treten. Der Lader will stetig gefüttert werden und der Fahrer bekommt ihn ab 4.000 Umdrehungen aus vollen Eimern ergossen. 15 bis 20 Liter Sprit gehen auf schnellen Autobahnetappen und freien Landstraßen schon durch. Im Mittel pendelt sich der RS3 bei zwölf Litern ein, zehn sind bei ganz ruhigen Zehen möglich. Auch 2020 gilt: Turbo läuft – Turbo säuft.

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