Coronakrise Baden-Württemberg sieht Chance auf Öffnung des Autohandels

Autor: Doris Pfaff

Das Kfz-Gewerbe Baden-Württemberg scheint im zähen Ringen um die Details der neuen Corona-Verordnung Erfolg zu haben. Vollfunktionsbetriebe in dem Bundesland können darauf hoffen, ihren Schauraum trotz Shutdown öffnen zu dürfen.

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Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des Kfz-Baden-Württemberg, ringt mit der Landesregierung um die Öffnung des Autohandels.
Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des Kfz-Baden-Württemberg, ringt mit der Landesregierung um die Öffnung des Autohandels.
(Bild: Kfz-Baden-Württemberg)

Wenn in Kfz-Betrieben das Werkstattgeschäft gegenüber dem echten Einzelhandel im Vertriebsgeschäft überwiegt, darf der stationäre Verkaufsraum offen bleiben. Dies erlaube nach Ansicht des Kfz-Landesverbandes Baden-Württemberg die Corona-Verordnung des Bundeslandes. Ob der mögliche Sonderweg von Baden-Württemberg auch auf den Kfz-Handel bundesweit Auswirkungen haben kann, war am Freitag noch unklar.

In Baden-Württemberg jedenfalls lasse die Corona-Verordnung durchaus den stationären Autohandel zu. Auf diesem Stand steht das baden-württembergische Kfz-Gewerbe und beruft sich auch auf ein Schreiben des Wirtschaftsministeriums. Darin teilt das Ministerium die Auslegung der Verordnung durch das Kfz-Gewerbe, allerdings unter Vorbehalt, bis das zuständige Sozialministerium zustimmt.

„Erstes Licht im Dunkeln zeichnet sich ab“, sagt Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des Kfz-Gewerbes Baden-Württemberg. Tagelang habe der Verband mit dem Wirtschaftsministerium um die spezielle Auslegung des Begriffes „Mischbetrieb“ in der baden-württembergischen Verordnung gerungen. Über das Ergebnis informierte der Verband am Freitag seine Mitglieder. Es sei ein Erfolg, wenn auch unter Vorbehalt.

Unterm Strich mag das baden-württembergische Vorgehen zwar noch auf sehr wackeligen Beinen stehen. Aber es bietet zumindest dem Kfz-Gewerbe dort eine gute Position, selbst wenn das Sozialministerium noch anders entscheidet. Denn das Zugeständnis des Wirtschaftsministeriums dürfte spätestens im neuen Jahr, wenn es um die Frage geht, wer wann wieder öffnen darf, ein starker Trumpf sein.

Auslegungsfrage: Was sind „Mischbetriebe“?

Die baden-württembergische Verordnung regelt einerseits, dass der Einzelhandel mit wenigen Ausnahmen (Supermärkte, Tankstellen, Kfz-Ersatzteilhandel) schließen muss, Handwerk (Kfz-Werkstätten) und Dienstleistungen (Waschanlagen, Fahrzeugaufbereitung) aber weiter erlaubt sind.

Viele Autohäuser bestehen als Vollfunktionsbetriebe aus erlaubtem Kfz-Werkstattgeschäft und Ersatzteilhandel sowie dem Kfz-Handel. Für solche Mischbetriebe ist in Baden-Württemberg die Öffnung ihres gesamten Sortiments gestattet, wenn der Anteil des Geschäftes überwiegt, den die Verordnung zulässt. Diese Differenzierung gebe es laut Beuß nur in der Corona-Verordnung seines Bundeslandes.

Rechenbeispiel: Wann das Werkstattgeschäft überwiegt

Anhand von veröffentlichten Statistiken habe der Kfz-Landesverband das Wirtschaftsministerium mit einem Rechenbeispiel überzeugen können, dass das Werkstattgeschäft und der Ersatzteilverkauf in den Autohäusern gegenüber dem Autohandel überwiege:
Ein durchschnittliches Autohaus habe in Baden-Württemberg rund 160 bis 190 Werkstattdurchgänge pro Woche (bei Großbetrieben viel mehr, bei Kleinbetrieben weniger). Der durchschnittliche Autoverkauf liege dagegen bei etwa 3,5 Neuwagen pro Woche. Rund zwei Drittel der Neufahrzeuge gehen dabei an gewerbliche Kunden, sind also kein echter Einzelhandel.

Der Handelsteil sei daher der weitaus kleinste Geschäftsteil in einem normalen Autohaus: Die meisten Mitarbeiter arbeiteten in der Werkstatt, die Zahl der Geschäftsvorgänge dort sei um ein Mehrfaches höher als im Verkauf, ebenso im Teilhandel, auch das Sortiment bei Ersatzteilen und in der Werkstatt ist viel größer als im Fahrzeugverkauf (wenige Modelle). Unterm Stich ist der Ertrag ist in der Werkstatt erheblich höher als im Handelsteil; lediglich beim Umsatz und der Größe der Verkaufsfläche überwiegt der Handel.

„Das bedeutet aber auch, dass reine Kfz-Handelsbetriebe auf jeden Fall für den Publikumsverkehr schließen müssen; ebenso Mischbetriebe, bei denen der Handelsbereich überwiegt. Diese können aber die Werkstatt und den Ersatzteilhandel auf jeden Fall offenhalten, indem sie für eine räumliche Abtrennung sorgen“, teilte Beuß den Betrieben mit.

Ziegler erwägt, zu öffnen

Die Nachricht sorgte zumindest in Baden-Württemberg für Freude. Michael Ziegler, Präsident des Landesverbands, erwägt bereits, sein Autohaus wieder komplett zu öffnen. „Wir haben im Autohaus sehr große Flächen und wenig Kundenfrequenz. Das Risiko, sich zu infizieren, ist sehr gering und deshalb eine Öffnung zu verantworten.“

Er hoffe, vor dem Hintergrund der auslaufenden Mehrwertsteuersenkung wenigstens die bestellten Kundenfahrzeuge ausliefern zu können. Das sei bisher nicht möglich. „Jetzt hoffen wir, dass die Meinung des Wirtschaftsministeriums auch vom Sozialministerium geteilt wird."

Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des Kfz-Baden-Württemberg, ringt mit der Landesregierung um die Öffnung des Autohandels.
Carsten Beuß, Hauptgeschäftsführer des Kfz-Baden-Württemberg, ringt mit der Landesregierung um die Öffnung des Autohandels.
(Bild: Kfz-Baden-Württemberg)

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Über den Autor

 Doris Pfaff

Doris Pfaff

Redakteurin bei »kfz-betrieb«, Ressort Verbände & Politik