Volkswagen Diess bescheinigt dem Golf 8 eine „starke Zwischenbilanz“

Autor: Christoph Seyerlein

Der Golf 8 hat ein holpriges erstes Jahr hinter sich. Dennoch zeigt sich Volkswagen-Chef Herbert Diess mit der Bilanz des Modells zufrieden. Anders bewertet mancher Händler die Lage.

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„Golf können wir“, meint Volkswagen-Chef Herbert Diess.
„Golf können wir“, meint Volkswagen-Chef Herbert Diess.
(Bild: Seyerlein/»kfz-betrieb«)

Seit gut einem Jahr ist der VW Golf 8 inzwischen auf dem Markt. Der Start verlief mindestens einmal holprig. Einige Händler stattete der Hersteller anfangs nicht mit Fahrzeugen aus, Software-Probleme traten auf und schließlich folgte zeitweise gar ein Verkaufsstopp. Intern krachte es gewaltig, Betriebsratschef Bernd Osterloh ließ kein gutes Haar am Vorstand.

Inzwischen hat sich die Situation beruhigt. Offenbar so sehr, dass Volkswagen-Chef Herbert Diess dem aktuellen Golf bei Linkedin eine „starke Zwischenbilanz“ bescheinigt. „Natürlich ist er wieder Europas meist verkauftes Auto“, frohlockt der Topmanager. Ganz so natürlich ist das allerdings nicht: Zeitweise hatte der Renault Clio den Golf in diesem Jahr vom Platz an der Spitze in Europa verdrängt. Inzwischen liegt das Wolfsburger Kernmodell aber wieder vorne.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es beim Golf 8 immer noch manches Fragezeichen gibt. Gerade auf seinem wichtigsten Absatzmarkt in Deutschland. Dort ist das Auto zwar auch wie gewohnt der absolute Bestseller. An die Zahlen vergangener Jahre und Generationen kommt der Neue aber längst noch nicht heran. Mit 122.828 Neuzulassungen (Stand November) liegt der Golf um 35 Prozent hinter seinem eigenen Vorjahresniveau hierzulande zurück. Und das, obwohl damals noch der Golf 7 verkauft wurde.

Von »kfz-betrieb« mit jener Zahl konfrontiert, erklärte Diess, 2020 aufgrund der Corona-Pandemie nicht mit 2019 vergleichbar. Er wiederholte, dass der Golf 8 in den vergangenen Wochen wieder das meistverkaufte Auto in Europa gewesen sei. „Über den Lebenszyklus wird er diese Position festigen und voraussichtlich weiter ausbauen“, ist der 62-Jährige überzeugt.

„Das Fahrzeug ist auf den ersten Blick nicht bedienbar“

Beim Argument, dass 2020 nicht mit 2019 vergleichbar ist, kann man Diess selbstredend nicht widersprechen. Doch lässt sich die Golf-Flaute allein auf Corona schieben? Das Modell entwickelte sich in Deutschland im laufenden Jahr mit seinem Minus von 35 Prozent spürbar schlechter als der Gesamtmarkt (-22 %). Auch im internen VW-Vergleich machte der Golf eine schlechte Figur. Andere Modelle wie der Passat (-0,4 %) oder der VW T-Cross (+15,4 %) zeigten sich stabiler oder legten zu. Ähnlich oder noch schlimmer gebeutelt wie der Golf waren nur der – ebenfalls in diesem Jahr erneuerte – Tiguan (-32 %), der Touareg (-47 %), der Touran (-41 %) und der Sharan (-39 %).

Aus dem VW-Handel ist zudem regelmäßig ein Kritikpunkt zu hören, den auch Osterloh in seiner Tirade angeführt hatte: Der neue Golf ist für viele offenbar „overengineered“. Gerade das Bediensystem kommt immer wieder schlecht weg. Ein VW-Verkäufer kommentierte gegenüber »kfz-betrieb« zuletzt: „Das Fahrzeug ist auf den ersten Blick nicht bedienbar. Wenn man beim Fahren nachdenken muss, wie man die Klimaanlage bedient, stimmt etwas nicht.“

Diess meinte dazu: „Den vergleichsweise großen Schritt in der Digitalisierung muss man vor dem Hintergrund sehen, dass die Elektronik und Bedienarchitektur über den Lebenszyklus – also vielleicht 7 Jahre funktionieren muss und noch sehr viel an Fahrerassistenz, Apps und Comfort Features dazukommen werden. Dafür ist der Golf vorbereitet – viele Wettbewerber nicht.“

Ist der Golf zu teuer?

Diskussionen gibt es auch um den Preis. Der neue Golf ist anders als seine Vorgänger nicht mehr unter 20.000 Euro zu haben. Seine beste Phase im laufenden Jahr hatte das Modell im Sommer, als VW das Auto im Rahmen einer „Mehrwertsteuer geschenkt“-Aktion selbst besonders stark subventionierte. Im Juli und August übertraf der Golf damit seine Zulassungszahlen im Vergleich zu den Vorjahresmonaten.

Doch mittlerweile ist mit der Aktion längst Schluss – und damit auch mit dem kurzen Golf-Hoch. Im November setzte es für das Auto ein sattes Neuzulassungsminus von 47,6 Prozent. Ein Händler sagte dazu: „Wen wundert es? Wie erklären wir unseren Kunden, wenn ich im September noch einen Golf für 150 Euro monatlich bekommen konnte, man jetzt aber 350 Euro monatliche Leasingrate bezahlen muss? Die Höfe der VW Händler sind jedenfalls voll.“

Herbert Diess ist dennoch um positive Golf-Schlagzeilen bemüht. In Vergleichstests habe das Auto „alles, aber auch wirklich alles weggebügelt: die Wettbewerber aus dem Premium-Bereich von Daimler, BMW und Audi (A3 gleiche Technik) und auch die, die mit engagierten Aufholprogrammen an den Golf herankommen wollen wie Hyundai oder PSA – sie haben es wieder nicht geschafft.“ Seine Antwort auf unsere Rückfrage schloss er mit folgenden Worten: „Ich bin sehr zufrieden, sehr stolz auf die Golf-Mannschaft: War mir schon klar als wir starteten: Golf können wir!“

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Über den Autor

 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Redakteur im Ressort Newsdesk bei »kfz-betrieb«