Corona raubt derzeit viel Lebensqualität. Doch es gibt Gegenden und Gelegenheiten, da tut die Pandemie etwas weniger weh. Zum Beispiel an einem sonnigen Tag in der Emilia Romagna. Erst recht, wenn man im neuen Ferrari Roma unterwegs ist.
Ferraris jüngster Emporkömmling Roma ist ein elegantes Coupé mit 620 PS Leistung. Der Grundpreis liegt bei rund 195.000 Euro.
(Bild: Ferrari)
Es ist mittags um zwölf in Palagano und die Pandemie macht Pause. Zwar tragen sie in dem Dorf nahe der Grenze zwischen Emilia Romagna und Toskana brav ihren Mundschutz und nehmen den Espresso in der Bar an der Piazza nur draußen und ausnahmsweise im Plastikbecher. Doch zumindest das Versammlungsverbot ist hier und heute vergessen und das gesamte Dorf schart sich um ein Auto, das wie ein Ufo auf Abwegen in der Hauptstraße parkt: Obwohl es keine zwei Stunden sind bis Maranello, bekommen sie einen Ferrari hier nur selten zu sehen. Und ein Roma ist ihnen noch gar nicht unter die Augen gekommen.
Denn das elegante Coupé zählt zu den jüngsten Neuheiten der italienischen Institution für Träumer und Schnellfahrer und ist zwar mit einem Grundpreis von 194.459 Euro für einen Ferrari fast schon ein Schnäppchen, für die meisten Italiener aber trotzdem unerreichbar. Erst recht für die in Palagano, wo schon vor der Pandemie wenig zu verdienen war und der Lockdown noch mehr Lichter hat ausgehen lassen. Kein Wunder also, dass sich sofort eine Menschentraube um den roten Renner bildet, der den Namen der plötzlich ungeheuer fernen Hauptstadt trägt und mit dem Versprechen vom Dolce Vita jene Zeiten heraufbeschwört, in denen sich die Italiener die Laune und das Leben weder von Armut, Arbeit und schon gar nicht von einem dahergelaufenen Virus haben verderben lassen.
Dass sich von diesem Auto jeder in den Bann ziehen lässt, muss man verstehen. Denn zur Faszination für Ferrari im Allgemeinen kommt hier eine Demut vor dem Design im Besonderen – kaum ein anderer Supersportwagen ist so elegant und dabei frei von jeder Aggression. Jede Linie legt sich über das tiefrote Blech wie eine Spaghetti in ein Bett von Tomatensoße und egal aus welcher Perspektive man den Roma sieht, sofort hat man einen feuchten Glanz in den Augen: Que bella macchina – selten war diese andächtige Floskel so passend wie bei diesem Ferrari.
Dabei zitiert der Roma, der als klassischer GT in der Ferrari-Flotte keinen direkten Vorgänger hat, zwar berühmte Ahnen, lenkt den Blick aber zugleich weit in die Zukunft. Das erkennt man außen an zum Beispiel den Scheinwerfern und besonders an den Rückleuchten, aber vor allem zeigt sich das innen in einem komplett digitalisierten Cockpit, das selbst vor dem Lenkrad nicht Halt macht. Nicht mal den Motor startet man noch mit einem Taster, sondern auf einem kleinen Touchscreen am Lenkrad.
Ciao Ferrari
Natürlich werden Traditionalisten jetzt Zeter und Mordio rufen und sich über Röntgengrafiken aus dem halbrunden Bildschirm lustig machen. Doch wenn man den Lauf der Zeit schon nicht aufhalten kann, dann kann man ihn zumindest so elegant und geschickt gestalten wie die Italiener. Kein anderer Sportwagen wirkt innen so stimmig wie der Roma, keiner schlägt so eine gelungene Brücke zwischen Hightech und Handwerkskunst und keiner zwinkert so kräftig mit den Augen. Ein Zündschlüssel mit Leder- und Emaille-Hülle, der aussieht wie ein Zippo-Feuerzeug? Eine Sprachsteuerung, die nur auf den Zuruf „Ciao Ferrari“ anspringt? Und liebevoll aus Metall gefräst das Mannettino im Lenkradkranz – so tut die Digitalisierung plötzlich gar nicht mehr weh.
Und spätestens wenn der V8 unter der endlosen Haube zu laufen beginnt, ist ohnehin alles vergessen. Dann bleiben die Hände fest am Lenkrad und die Augen auf der Straße und nichts lenkt den Ferraristi mehr ab vom Fahren. Selbst das Virus ist dann plötzlich vergessen: Natürlich kann man Corona auch in einem Ferrari nicht davon fahren – wobei es mit dem 620 PS starken 3,9-Liter-Turbo allemal einen Versuch wert wäre. Immerhin katapultiert er das Coupé in 3,4 Sekunden auf Tempo 100 und danach weiter bis auf bis zu 320 km/h.
Zu schnell für Italien
Doch zumindest geht einem der Virus mal ein bisschen aus dem Sinn, wenn die Welt da draußen auf schnellen Vorlauf schaltet und die grünen Hügel nur so vorbeifliegen. Die Autobahn lässt man dabei am besten ganz weit links liegen. Denn auch wenn selbst die Carabinieri dem Roma ein andächtiges Bella Macchina nachraunen, ist man dort nicht vor der unbestechlichen Section Control gefeit, die unnachgiebig jeden Tempoverstoß ahndet. Und so wirklich ans Tempo halten kann man sich in diesem Auto kaum.
Doch auf den einsamen Landstraßen, die sich von Maranello gen Süden und Westen durch die Hügel schrauben, hinauf zum Monte Abetone oder über den Passo della Futa, da drückt das Gesetz beide Augen zu und das Cavallino Rampante bekommt jenen Auslauf, den dieses Coupé so dringend braucht.
Dabei fliegt der Ferrari völlig mühelos durch die Kurven, hält eisern seine Spur und wedelt allenfalls ein wenig mit dem Heck, wenn man die elektronischen Helfer in die Pause geschickt hat. Aber selbst ohne Schutzengel lässt er sich von nichts und niemanden aus der Ruhe bringen und wirkt ganz anders als so viele andre Supersportwagen und insbesondere die des ungeliebten Nachbarn Lamborghini kein bisschen aufgeregt oder gar aggressiv. Klar, kann man den V8 hören, aber er brüllt nicht wie Zucchero bei der Zugabe, sondern singt wie Luciano Pavarotti. Und auch wenn der Roma vor Kraft nur so strotzt, hat er es nicht nötig zu posen und zu protzen. Obwohl er ein waschechter Sportler ist, passt Schweiß schlecht zur Attitüde und zum schicken Designer-Anzug. Außerdem reicht es doch, wenn der Fahrer ins Schwitzen kommt. Und das ist bei so viel Lust und Leidenschaft fast unvermeidbar.
Stand: 08.12.2025
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Vaffanculo Corona!
Deshalb rollt man bei aller Seligkeit auch ziemlich erschöpft zurück nach Maranello und es macht sich auf der Zielgeraden eine tiefe Zufriedenheit breit. Denn ein halber Tag mit dem Roma in den Hügeln der Emiglia Romagna und der Toskana ist wie die lang ersehnte Impfung gegen das Virus: Zumindest für ein paar Stunden ist die Pandemie vergessen, das Fahren fühlt sich wie Urlaub an und der Espresso am Straßenrand schmeckt plötzlich auch aus dem Plastikbecher, selbst wenn man ihn im Stehen am Auto trinken muss und nicht wie es sich gehört am Tresen der Bar oder draußen auf der Piazza mit Blick auf das so wunderschöne Blech, das jedem Palazzo die Schau stiehlt.
Zum Ende der Testfahrt erweist sich deshalb auch die Sprachsteuerung nochmal als nützliches Extra und fördert aus dem Netz das Motto dieser Tour zu Tage: Vaffanculo Corona! Und es braucht keinen Italienischkurs, um diesen Fluch zu übersetzen.