IAA vor 50 Jahren: Flower Power für die Autobranche

Autor / Redakteur: sp-x / Christoph Seyerlein

Nie zuvor waren die grauen Messehallen so bunt gewesen wie bei der IAA 1967. Zukunftsweisende Technologieträger, farbige Fiberglassportler und verrückte Spaßmobile feierten vor 50 Jahren in Frankfurt ein Festival von Love, Peace und Drehmoment.

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(Bild: Porsche)

Eigentlich war alles wie immer und doch war alles anders. Die Frankfurter IAA hatte im sonnigen September 1967 wieder die ganze Autowelt zu Gast, mehr als 80 Marken aus 16 Ländern kündeten von einer heute kaum mehr vorstellbaren Vielfalt. Vor allem aber spiegelten sie den globalen Zeitgeist – und dieser fegte zum ersten Mal mit revolutionären, farbenfrohen Veränderungen durch die Messehallen.

Eine dreiviertel Million Menschen drängte sich um neue Fahrzeuggenerationen, die sich über alle zementierten Konventionen hinwegsetzten und von Flower Power, Pop Art und Avantgarde kündeten. Fast schien es, als würde das Auto neu erfunden und signalfarben lackiert, sei es als futuristische Wankel-Limousine wie der NSU Ro 80, in Form von provozierenden Powerpaketen wie Porsche 911 T, Ford RS oder Opel Commodore, schräge Shootingbrakes made in England, exotische Rennmäuse und extrovertierte Geländegänger aus Japan, skurrile Sportler aus Kunststoff-Baukästen oder bunte Wohnmobile. Die Pop-Protagonisten der Hippie-Bewegung fuhren psychedelisch bemalte Porsche und Rolls-Royce, vor allem aber verwegen lackierte Volkswagen.

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Dagegen setzten die Studenten in ihrem Kampf gegen das Establishment und die Professoren mit deren „Muff von 1.000 Jahren“ auf unangepasste, aber robuste Renault 4 und Citroën 2 CV.

Vor 50 Jahren wurde das Auto erstmals wichtiges modisches Accessoire und die IAA avancierte zum Laufsteg für den motorisierten Lifestyle. Wovon auch Volvo und Saab zu berichten wussten, galten die Schweden doch fortan als Sicherheitsstatement auf Lehrer- und Professoren-Parkplätzen. Überhaupt wurde Sicherheit zum großen Thema, gerade unter dem Druck dramatisch steigender Unfallzahlen auf einem bereits völlig überlasteten Straßennetz. Über 17.000 Verkehrstote wies die deutsche Unfallstatistik für 1967 aus, rund fünf Mal so viel wie heute. Während die Skandinavier damals bereits Reboard-Kindersitze und Sicherheitsgurte für die Rücksitze anboten, begnügten sich manche Hersteller noch mit Basics wie Verbundglas und Mehrkreisbremsen. Zur Lichtgestalt in der Messe am Main wurde dagegen die durch Kurvenscheinwerfer aufgewertete „Göttin“ Citroen DS.

Überhaupt waren in der neuen Ausstellungshalle 5 so viele strahlende Sonnenflitzer in farbenfrohen Tönen arrangiert wie noch nie. Gegen diese automobilen Popstars hatten die Moll-Klänge der ersten Krise zum Ende des bundesdeutschen Wirtschaftswunders keine Chance. Auf den Messeständen der US-Muscle-Car-Importeure erklang stattdessen die seit dem Monterey Pop Festival weltbekannte hoffnungsfrohe Hippie-Hymne „San Francisco“ von Scott McKenzie, während die Beatles im Album Sgt. Pepper’s durch psychedelische Verspieltheit dem Sommer der Liebe Referenz erwiesen.

Passend dazu hatte John Lennon seinen Rolls-Royce Phantom V bunt bemalen lassen. Während sich allerdings Hippie-Protagonistin Janis Joplin - „My friends all drive Porsches“ - nie mehr von ihrem euphorisch lackierten 356 Cabrio trennen sollte, funkelte auf der IAA 1967 bereits der Stern, dem Lennon später nicht widerstehen konnte. Schließlich provozierte kein Megaliner mehr als der 6,24 Meter messende Mercedes 600 Pullman.

Automesse als Bühne für Protest und Provokation

Um Protest und Provokation ging es 1967. Neue Werte wurden ausgerufen und Tabus gebrochen. Ganz besonders durch den NSU Ro 80. In einer technikgläubigen Zeit, die auf die erste Mondlandung und den Erstflug des Überschalljets Concorde wartete, stand der revolutionäre Ro 80 mit seinem 85 kW/115 PS starken Kreiskolben-Triebwerk für das Auto der Zukunft. Und wer wollte nicht einen Blick in die Kristallkugel riskieren? Einfach jeder IAA-Besucher, wie die Ordner in Halle 5 auf Stand 810 wussten.

Stundenlange Wartezeiten für einen kurzen Blick und die vage Hoffnung auf eine Sitzprobe schreckten niemanden ab. NSU kam kaum nach mit dem Prospektdruck für seinen automobilen Hoffnungsträger, dessen Entwicklungskosten die Neckarsulmer Kassen so geplündert hatten, dass schon bald VW die Kontrolle über den Kreiskolbenhersteller hatte. Was in Frankfurt noch keiner ahnte: Ausgerechnet das Herzstück des Ro, der namensgebende Rotationskolbenmotor wurde in Deutschland nie massentauglich. Allein Mazda gelang dies mit Rotary-Triebwerken in Millionenauflage.

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