IAM: Zu komplex für die Standardisierung

Autor / Redakteur: Christoph Baeuchle / Christoph Baeuchle

Jede zweite freie Werkstatt muss Aufträge ablehnen. Gründe dafür gibt es viele. Einer ist das komplexe Bestellsystem für Ersatzteile. Mit einer Studie hat die Forschungsorganisation ICDP etwas Licht ins Dunkel gebracht. Deutschlandchef René Herrmann sagt, woran es hakt.

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ICDP-Deutschlandchef René Herrmann.
ICDP-Deutschlandchef René Herrmann.
(Bild: ICDP/Vennemann)

Jede zweite freie Werkstatt muss Aufträge ablehnen. Warum?

René Herrmann: Die Spreizung der freien Werkstätten ist groß, sie reicht vom Alleinkämpfer bis zum größeren Betrieb mit zehn und mehr Mitarbeitern. Natürlich investiert ein Ein-Mann-Betrieb nicht so viel in Fortbildung und Equipment wie ein Großbetrieb, der sich einer Werkstattkette angeschlossen hat.

Wie lauten die wichtigsten Gründe?

Es gibt zahlreiche: 42 Prozent nennen fehlende Diagnoseinstrumente als Hauptursache, weiteren 12 Prozent fehlen andere Werkzeuge. Jeder Zehnte lehnt aus Zeitgründen ab und 6 Prozent haben Schwierigkeiten, das entsprechende Ersatzteil zu identifizieren.

Würden Sie die Identifikationsdefizite als gravierendes Problem ansehen?

Nicht unbedingt. Wir haben eine umfangreiche Studie zur Ersatzteilbestellung im unabhängigen Aftermarket gemacht. Danach kommen wir zu der Einschätzung, dass unterm Strich vielleicht 0,1 Prozent der Aufträge dadurch betroffen sind.

Was macht es für Werkstätten so schwer, das richtige Ersatzteil samt Bestellnummer zu identifizieren?

Das System ist extrem komplex. In ihren Teilekatalogen nutzen die Händler und Werkstätten in der Regel den sogenannten Tecdoc-Standard, der sich als führend herauskristallisiert hat. In den vergangenen Jahren ist alles aber noch wesentlich vielschichtiger geworden.

Das heißt, der Standard kommt bei der Entwicklung nicht mehr mit?

Aufgrund der zunehmenden Komplexität passen nicht alle Fahrzeuge in die Standardisierung. Dann werden mehrere Teile mit unterschiedlichen technischen Spezifikationen angezeigt. Das bedeutet, es müssen die technischen Daten oder Detailbeschreibungen verglichen werden; dies kann zu Fehlbestellungen führen.

Welche Maßnahmen vereinfachen die Bestellung?

Unter europäischen Teilhändlern besteht ein Konsens, dass die komplette 17-stellige VIN eine zentrale Rolle spielt, um in Zukunft eine eindeutige Fahrzeugidentifikation zu gewährleisten. Jedoch ist die regelmäßige Nutzung von spezialisierten Datenbankanbietern nicht weit verbreitet, was auf Datennutzungseinschränkungen durch die OEMs sowie auf hohe Gebühren zurückzuführen ist.

Aber?

Das ist nur ein Teil, die richtige Identifikation der Ersatzteile der andere. Mit der OE-Nummer lässt sich die Verlinkung zum passenden IAM-Produkt finden – vorausgesetzt, die Daten sind aktuell. Natürlich kann man alles abdecken, aber der Aufwand ist entsprechend groß.

Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Die genaue Identifikation hängt vom Zugang und von der Aktualisierung verschiedener Daten ab. In Brüssel wird über die neue Gruppenfreistellungsverordnung diskutiert, da spielt das Thema eine wichtige Rolle. Wie sich was weiter entwickelt, wird hier entschieden.

Bislang schreibt die Gruppenfreistellungsverordnung vor, dass Hersteller allen Betrieben Teile und Unterlagen in standardisierter Form zur Verfügung stellen müssen. Klappt dies beim Bestellvorgang von Ersatzteilen?

Entscheidend dürfte sein, was unter Standardisierung verstanden wird. Hier gibt es aus meiner Sicht keine einheitliche Definition von Herstellern, Teilehändlern und Werkstätten. Entsprechend vielschichtig sind die Antworten.

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