Für die Iceroad-Truckers ist er Alltag, doch für Touristen ein eisiges Abenteuer. Denn nirgendwo zeigt der Winter eine kältere Schulter als auf dem Weg nach Prudhoe Bay in Alaska. Gut, wenn das Fahrzeug da ein Werkzeug ist und kein Spielzeug.
Wer hier, bei Fairbanks, auf die Alaska Route 11 einbiegt, verlässt nicht nur die Stadt, sondern die Zivilisation.
(Bild: Benjamin Bessinger/SP-X)
Es beginnt mit einem unscheinbaren Abzweig nördlich von Fairbanks. Ein Schild warnt vor 400 Meilen ohne Versorgung, ohne Mobilfunk, ohne Garantie, dass im Notfall schnell Hilfe kommt. Wer hier auf die Alaska Route 11 einbiegt, verlässt nicht nur die Stadt, sondern die Zivilisation, ja ganz Amerika. Er wagt sich stattdessen hinein in eine der extremsten Landschaften, die der Kontinent zu bieten hat: Eisig, einsam, unwirtlich, so etwas wie der Mars auf Erden. 800 Kilometer sind es von hier aus bis Deadhorse an der Prudhoe Bay – im Sommer eine Herausforderung, im Winter ein Wagnis.
Gebaut wurde dieser Dalton Highway in den 1970er Jahren, nachdem die Amerikaner 1968 an der Beaufortsee das größte Ölfeld auf dem Kontinent entdeckt haben. Um das Rohöl aus der arktischen Wildnis in den eisfreien Süden zu bringen, entstand die Trans-Alaska-Pipeline. Parallel zu dieser 1.300 Kilometer langen Ölader wurde eine Versorgungsstraße gebaut – zunächst nur für Baukolonnen und Wartungstrupps. Erst ab den 1980er Jahren öffnete man Teilstücke für die Öffentlichkeit, seit 1994 ist die gesamte Strecke bis Deadhorse offiziell befahrbar. Doch die meisten Menschen kennen sie nur aus dem Fernsehen: als Bühne der „Ice Road Trucker“, die hier bei minus 40 Grad ihre Lastzüge durch die Schneestürme prügeln.
Im Winter sind sie tatsächlich fast allein auf der Strecke. Rund 250 Trucks donnern täglich zwischen Fairbanks und den Ölfeldern und stoppen dabei meist nur einmal für einen XXL-Burger im Coldfoot-Camp, das seinen Namen zurecht trägt. Schließlich zeigt das Thermometer hier auch mittags Werte weit unter 20 Grad. Minus, versteht sich. Allerdings ist auf dem Highway jetzt wieder die Hölle los. Denn während am Golf ein neuer Krieg tobt und die Straße von Hormus undurchlässig wird, läuft die Förderung hier oben auf Hochtouren und die Servicetrucks haben umso mehr zu tun.
Während sich Trucker wie Charlie drinnen stärken, laufen draußen die Motoren durch, damit der Diesel nicht geliert und die Batterien nicht kollabieren. Und nein, im Sommer ist es hier nicht besser, stöhnt Charlie, der dann gerne zum Schwitzen in den Süden fliegt: Schlaglöcher, so tief, dass selbst die Truck-Räder darin verschwinden, und die Luft trüb von Myriaden an Mücken – dann doch lieber der Winter, erzählt der Trucker vom arktischen Paradox und seiner Vorliebe für die kalte Hälfte des Jahres.
Wenn sich mal einer im Pkw in diese eisige Einsamkeit traut, dann muss es ein Auto sein, auf das man zählen kann. Kein SUV für die Stadt, sondern eines, mit dem man sich tatsächlich ins Gelände wagen kann. Eines wie der Ineos Grenadier: kantig, aufrecht, funktional. Babyblau hebt sich die Karosserie vom Weiß der Landschaft ab. Der Name zitiert einen Londoner Pub, in dem Ineos-Chef und Multimilliardär Jim Ratcliffe – so wird es kolportiert – nach dem Ende des Defenders von Land Rover beim letzten Bier entschieden hat, die Geschichte seines Lieblingsautos eben selbst fortzuschreiben. Doch nirgends ist man dem Feierabendbier in Wurfweite des Hyde-Park ferner als hier und heute am Steuer des rustikalen Recken, der auf dem Weg ans Ende der Welt gerade seine Feuer- besser: seine Eistaufe erlebt.
Angetrieben von BMW-Reihensechszylinder mit 286 PS
Für solche Abenteuer hat Sir Ratcliffe den Grenadier bestens gewappnet: Leiterrahmen statt selbsttragender Struktur, Starrachsen vorn und hinten, permanenter Allradantrieb, Untersetzung, manuell sperrbare Differenziale. Unter der Haube arbeitet ein Drei-Liter-Reihensechszylinder von BMW – wahlweise als Diesel oder Benziner, gekoppelt an eine Achtgang-Automatik von ZF. Dazu reichlich Bodenfreiheit und grobstollige All-Terrain-Reifen von BF-Goodrich. Falls denen mal die Traktion ausgeht, sind außerdem eine Winde im Bug sowie Schneebleche und Schaufel auf dem Dach. In der Stadt wird der Grenadier damit zum ultimativen Aufschneider, aber hier draußen in der Wildnis kann die Ausrüstung Leben retten. Dass die Schalter etwas grobschlächtiger sind als in jedem anderen Geländewagen, die Sitze ein bisschen härter und das Infotainment ein bisschen altmodischer? Geschenkt! Und dass der 286-PS-Benziner lauter knurrt als er es bei BMW je dürfte? Egal! Hier in Alaska ist das Musik in den Ohren, weil ein laufender Motor so etwas wie eine Lebensversicherung ist.
Denn gleich wird es eisig und einsam, sehr eisig und extrem einsam. Schon wenige Kilometer hinter Fairbanks verändert sich die Welt. Die letzten Tankstellen verschwinden, Wälder stehen schwarz unter schwerem Schnee. Dann öffnet sich das Land. Hügel werden zu Bergen, Fichten zu Sträuchern, schließlich endet jede Vegetation. Am 1.444 Meter hohen Atigun Pass in der Brooks Range wechselt die Szenerie abrupt. Hinter der Passhöhe beginnt die North Slope – eine arktische Ebene, die im Winter jede Kontur verschluckt. Himmel und Erde verschmelzen zu einer weißen Fläche, aus der nur Pipeline-Stützen und vereinzelte Schneeverwehungen ragen.
Stand: 08.12.2025
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Der Grenadier arbeitet konzentriert. Die grobstolligen Reifen krallen sich in den gefrorenen Untergrund, während der Reihensechszylinder mit sonorem Brummen seine 450 Newtonmeter abliefert. Selbst nach einer Nacht bei minus 30 Grad springt der Motor ohne Zögern an. Die Heizung läuft kraftvoll, warme Luft strömt durch das sachlich gezeichnete Cockpit. Große Kippschalter am Dachhimmel steuern Nebenfunktionen, darunter ein LED-Lichtbalken, der die Polarnacht in grelles Weiß taucht. Luxus tritt hier in den Hintergrund, Funktion dominiert.
Geschwindigkeit irrelevant
Geschwindigkeit verliert jede Relevanz. Offiziell sind 105 km/h erlaubt, doch oft sind 60 schon ambitioniert. Die Straße ist kaum geräumt, niemals gestreut. Eisplatten wechseln sich mit hart gefrorenem Wellblech ab. Eine Windböe genügt, um ein Fahrzeug versetzen zu lassen. Polizeikontrollen sind selten – wer hier zu schnell fährt, riskiert vor allem sich selbst.
Auf halber Strecke liegt Coldfoot. Eine Ansammlung aus Wellblech, Zapfsäule, Kantine und wenigen Zimmern. Es gilt als nördlichster Truckstopp der Welt. Der Kraftstoff kostet ein Mehrfaches des amerikanischen Durchschnitts, obwohl das Öl nur wenige Hundert Kilometer weiter nördlich gefördert wird. Drinnen wärmen sich Trucker bei Kaffee und Chili. Draußen knistert der Frost im Metall des Grenadier. Und trotzdem verirren sich hierher dann doch auch ein paar Touristen. Erstens, weil es nicht mehr weit ist zum symbolischen Foto am Polarkreis, und zweitens, weil man kaum irgendwo in Alaska besser die Polarlichter bewundern kann als hier.
Aber dafür bleibt auf diesem Trip nur wenig Zeit, denn der Lockruf des Nordens ist nicht zu überhören und bis Deadhorse dauert es noch fast einen Tag. Wobei „Tag“ ein Begriff ist, mit dem man sich schwertut, hier oben. Denn im tiefen Winter geht der Sonnenaufgang beinahe nahtlos in den Sonnenuntergang über. Der Himmel färbt sich violett, dann glutrot, dann orange. Nachts tanzen Polarlichter über einer Ebene, die so leer wirkt wie die Oberfläche eines fremden Planeten. In diesen Momenten erscheint der Grenadier wie ein Expeditionsfahrzeug aus einer anderen Epoche – gebaut für Gegenden, in denen Technik nicht Komfort verspricht, sondern Sicherheit.
Nach mehr als 30 Stunden reiner Fahrzeit tauchen am Horizont die Industrieanlagen von Deadhorse auf. Container, Bohrtürme, Rohrleitungen. Zwischen 3.000 und 5.000 Menschen arbeiten hier je nach Auslastung der Felder, dauerhafte Einwohner gibt es kaum. Zur arktischen Küste gelangt nur, wer über Genehmigungen oder Kettenfahrzeuge verfügt. Der Dalton Highway endet abrupt im industriellen Zweckbau.
800 Kilometer liegen hinter dem Grenadier. Eine Strecke, die auf Karten wie eine gewöhnliche Verbindung wirkt, in Wahrheit aber eine der einsamsten und extremsten Straßen der westlichen Welt ist. Geboren aus dem Ölboom der 1970er Jahre und aus strategischem Kalkül in Zeiten des Kalten Krieges, ist sie bis heute Symbol menschlicher Präsenz in einer Region, die sich jeder Zivilisation widersetzt. Der Motor verstummt, Metall knackt beim Abkühlen. Kein Triumph, kein Pathos – nur das Gefühl, eine Grenze erreicht zu haben. Für den Grenadier ist es der Beweis seines Konzepts: sichtbare Technik, ehrliche Mechanik, konstruiert für Orte, an denen Komfort zweitrangig ist. Für Alaska bleibt der Dalton Highway eine Lebensader durch Eis und Einsamkeit. Und im Winter eine Straße, die Respekt verlangt – von jedem, der sie befährt.