Insolvenzen und Übernahmen prägen den Teilehandel

Branchenspezifische Studie von Roland Berger

| Autor: Andreas Grimm

Die Anforderungen im Teilehandel werden digitaler, gleichzeitig verändern Investoren die Konkurrenzsituation. Die Branche steckt mitten im Strukturwandel.
Die Anforderungen im Teilehandel werden digitaler, gleichzeitig verändern Investoren die Konkurrenzsituation. Die Branche steckt mitten im Strukturwandel. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Der Kfz-Teilehandel steckt mitten in einem tiefgreifenden Strukturwandel, obwohl der Markt aufgrund des steigenden Fahrzeugbestands sogar wächst. Was viele Kfz-Werkstätten direkt an Umfirmierungen oder gar Insolvenzen ihrer Lieferanten in regelmäßigen Abständen erleben, hat die Unternehmensberatung Roland Berger nun umfassend dokumentiert. Laut der Studie „M&A-Aktivitäten verschärfen den Verdrängungswettbewerb im Kfz-Teilegroßhandel“ ist diese Entwicklung aber noch längst nicht abgeschlossen.

Allein im zweiten Halbjahr 2017 rüttelten zwei Meldungen die Branche durch. Im September gab der US-Teileriese Genuine Parts Company (GPC) den Kauf der britischen Alliance Automotive Group (AAG) bekannt, die wiederum in den zwei Jahren davor zahlreiche kleine und mittlere Teilegroßhändler in Deutschland geschluckt hatte, darunter beispielsweise Coler.

Kurz vor dem Jahreswechsel verkündete dann Stahlgruber, dass man Teil der global agierenden LKQ Corporation werde. Für den Deal sind inzwischen die kartellrechtlichen Genehmigungen ergangen, die Übernahme ist vollzogen. Der Konzentrationsvorgang wiederum hinderte Stahlgruber nicht, im Februar den Teilehändler Karl Rücker zu schlucken.

Branchenwandel beschleunigt sich

In den geschilderten Vorgängen bilden sich die entscheidenden Entwicklungen im Teilehandel der letzten Jahre deutlich ab. Einerseits steigt die Zahl der Insolvenzen – wie im Fall von Rücker. Von 2016 auf 2017 kletterte die Zahl der Pleiten in diesem Wirtschaftsbereich laut der Insolvenzstatistik des Statistischen Bundesamts um ein Drittel. Gleichzeitig war in der Gesamtwirtschaft der niedrigste Insolvenzstand seit dem Jahr 1999 erreicht. Mit Liquiditätsproblemen werden die Teilehändler zu einem leichten Ziel für Aufkäufer mit Wachstumsinteressen.

Die zweite Entwicklung ist der Trend zu größeren Einheiten, auch gefördert durch das Interesse von Investoren. Seit 2005 gab es mindestens 65 größere Transaktionen in der Branche – 39 davon waren grenzüberschreitend. Speziell durch das Auftreten der beiden US-Player GPC und LKQ „bekommt der Konzentrationsprozess eine ganz neue Dynamik“, schreiben die Studienautoren. Die geografischen Schwerpunkte für die Konzentration im Teilehandel liegen jedoch in Westeuropa: neben Großbritannien und den Niederlanden steht Deutschland besonders im Fokus.

Ein weiterer Befund der Studie ist, dass immer mehr amerikanische und kanadische Großunternehmen auf den europäischen Markt drängen. Seit 2005 waren nordamerikanische Teilehändler an 20 Übernahmen beteiligt, heißt es in der Studie. Erleichtert wird diese Entwicklung durch einen noch immer stark fragmentierten Teilemarkt in Europa. Trotz der Konsolidierungswelle halten die drei größten Teilelieferanten nur einen Marktanteil von 15 Prozent – in den USA sind es der Studie zufolge bereits 50 Prozent.

Mit den größeren Einheiten wird jedoch das Ungleichgewicht zwischen den Marktteilnehmern immer gravierender. Während die großen Gruppen Renditen von 4 bis 5 Prozent erwirtschaften, kommen die kleineren Ersatzteilhändler mit weniger als 100 Millionen Euro Umsatz nur auf 2 bis 3 Prozent. „Diese sind daher vom verschärften Wettbewerb besonders bedroht“, folgert die Studie.

Neue Stärken sind gefragt

Angesichts der schmalen Margen können die kleineren Lieferanten nur schwer ihren Lieferservice verbessern. Hier sind die Großen bei steigenden Serviceerwartungen mit bis zu acht Lieferungen pro Tag klar im Vorteil. Die bisherigen Stärken der kleineren Teilehändler, Regionalität und Kundennähe, reichen vor diesem Hintergrund nicht mehr aus. Und: „Zu diesen strukturellen Handicaps gesellen sich häufig noch hausgemachte Probleme, etwa bei der Integration neuer IT- und Warenmanagement-Systeme“, analysiert die Studie.

Mit dem Eindringen ausländischer Aufkäufer wächst im Markt das Bewusstsein für notwendige Anpassungen, darunter auch die Bereitschaft zu Fusionen. „Um das Kerngeschäft profitabler zu machen, ist Größe fast unumgänglich, denn im Teilegroßhandel lassen sich etwa im Einkauf bis zu 20 Prozent einsparen. Zudem müssen die Händler auf die Digitalisierung reagieren und nennenswerte Anteile im Online-Geschäft gewinnen. Je kleiner der Teilehändler ist, desto vorteilhafter kann für ihn laut der Studie die Kooperation mit etablierten Online-Plattformen sein, um die beträchtlichen Investitionen in IT und Arbeitskräfte nicht tätigen zu müssen.

Grundsätzlich aber ist das Online-Geschäft ein maßgeblicher Baustein für die Modernisierung des Teilehandels. „Die Online-Bestellung ist kein Differenzierungsmerkmal, sondern aus Kundensicht eine Selbstverständlichkeit“, heißt es unmissverständlich in der Studie. Entsprechend arbeiten einige Teilegroßhändler an Konzepten für Internet-Shops in Eigenregie. Die Umsätze über die virtuelle Ladentheke haben in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Anteil von 10 bis 12 Prozent am freien Teilehandel.

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