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Markenhändler berichten: Nichts geht mehr

Autor: Wolfgang Michel

Heute sind die Autohändler in das zweite Quartal 2020 gestartet. Die ersten drei Monate des Jahres haben die Unternehmen unter nie da gewesenen Bedingungen abgeschlossen. Die Situation wird von Tag zu Tag dramatischer, die echten Herausforderungen kommen noch. Markenpartner schildern die Lage.

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(Bild: Autohaus Liliensiek)

Die Corona-Krise bringt den Autoverkauf nahezu vollständig zum Erliegen. Zudem werden immer mehr Werkstatttermine abgesagt. Welche Auswirkungen die Beschränkungen auf das in Normalzeiten jetzt anstehende Reifen/Räder-Saisongeschäft haben werden, lässt sich noch gar nicht einschätzen.

Zum Abschluss des ersten Quartals hat »kfz-betrieb« mit zahlreichen Händlern gesprochen. Sie gewähren Einblicke in ihre derzeitige Situation und was in den kommenden Wochen noch auf sie zukommt. Alle appellieren an die Politik, für die Zeit nach Ostern die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn vom kleinen Familienbetrieb bis hin zu den größten Autohändlern Deutschlands – die gesamte Branche befindet sich derzeit in sehr gefährlichem Fahrwasser.

Unternehmensgewinn futsch, Bonuszahlungen nicht zu erreichen

Ein Berliner Mehrmarkenhändler bilanziert die ersten drei Monate des Jahres noch als „einigermaßen zufriedenstellend“. Doch seit Mitte März verbuchen seine Werkstätten rund 30 Prozent weniger Geschäft, im Fahrzeugverkauf läuft alles auf die Null zu. Kritik äußert der Händler in Richtung Politik: „Baumärkte und Werkstätten dürfen weiterhin geöffnet haben. Dort sind permanent viele Menschen unterwegs. Dagegen gab es in unseren Ausstellungsräumen noch nie lange Warteschlangen. Das Schließen unserer Showrooms ist nicht nachvollziehbar, verursacht jedoch einen immensen wirtschaftlichen Schaden.“ Wie viele seiner Händlerkollegen ist auch er davon überzeugt, dass der Fahrzeugverkauf kontaktlos erfolgen könnte.

Apropos Schaden: Sollte gar bis Ende April kein stationärer Fahrzeugverkauf möglich sein, prognostiziert einer der größten Autohändler Deutschlands den Schaden für seine Unternehmensgruppe für die ersten vier Monate des Jahres auf 13 bis 14 Millionen Euro. Der geplante Gewinn von drei Millionen Euro wäre pulverisiert. Aktuell ist in dieser Mehrmarkengruppe der Fahrzeugverkauf um 80 Prozent zurückgegangen, die Werkstattauslastung liegt noch stabil bei rund 70 Prozent.

Eine weiterer großer Autohändler geht davon aus, dass er seine Belegschaft im Laufe des Aprils sukzessive in die Kurzarbeit schicken muss. „Noch haben wir ein recht stabiles Aftersales- und Flottenkundengeschäft. Aber das Geschäft mit den Privatkunden ist auf 30 Prozent zurückgegangen und bei den Gebrauchtwagen ist das Geschäft nahezu zum Erliegen gekommen“, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit »kfz-betrieb«. Da die Zulassungsstellen in vielen Städten geschlossen seien, könnten zudem große Fahrzeugbestände nicht abfließen, was weitere wirtschaftliche Schwierigkeiten mit sich brächte.

Auch Werkstätten immer weniger ausgelastet

Bei einem BMW-Händler aus Süddeutschland geht im Fahrzeugverkauf schon seit drei Wochen so gut wie nichts mehr: 100 Prozent Rückgang im privaten Detailverkauf, 99 Prozent im gewerblichen Detailverkauf, 70 Prozent Rückgang im Großkundenverkauf – Tendenz sinkend. Mit diesen Fakten bringt der dortige Geschäftsführer die derzeitige Lage auf den Punkt. Seine Werkstatt ist seit 14 Tagen nur zur Hälfte ausgelastet, was im März spürbar auf den Deckungsbeitrag III durchgeschlagen hat. Die Quartalsziele liegen in allen Sparten zehn Prozent unter Plan, im März fehlen 25 Prozent Umsatz. „Die wirklichen Umsatzeinbußen kommen aber zeitversetzt erst noch. Wir konnten viele Fahrzeuge nicht ausliefern, deren Aufträge aber aus den vergangenen Monaten waren“, ergänzt der Unternehmenslenker. Erschwerend käme hinzu, dass die Deckungsbeiträge im Vertrieb einbrechen, weil schon jetzt klar sei, dass die Herstellerziele und die damit verbunden Bonuszahlungen nicht mehr zu erreichen sind. „Die fehlenden Aufträge können wir aus heutiger Sicht bis zum Jahresende nicht mehr aufholen“, ist sich der Geschäftsführer sicher.

Zwei seiner BMW-Händlerkollegen aus Nord- und Mittel-Deutschland bewerten die Lage ähnlich. Die Einbrüche in den Geschäftsfeldern Neu- und Gebrauchtwagen sowie Service bewegen sich laut ihren Angaben zwischen 50 und 100 Prozent. „Der Neuwagenverkauf ist seit dem 15. März zum Stillstand gekommen, der Gebrauchtwagenabsatz ab dem 23. März um 90 Prozent eingebrochen“, sagt der norddeutsche Kollege. Der momentane Gesamtschaden für seine Autohäuser lasse sich noch gar nicht beziffern, ergänzt der BMW-Händler aus der Mitte Deutschlands.

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 Wolfgang Michel

Wolfgang Michel

Chefredakteur »kfz-betrieb«