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Porsche 356 RSR: Mehr Sechsundfünfziger geht nicht!

| Autor: Steffen Dominsky

Der Porsche-Spezialbetrieb „Emory Motorsports“ aus Hollywood dürfte, nein hat den radikalsten Umbau des ersten Porsche-Modells auf die Räder gestellt. Puristen werden beim Anblick des Ergebnisses heulen – Resto-Custom-Fans hingegen Freudentränen vergießen.

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Einen krasseren Umbau eines Porsche 356 als den von Rod Emorys hat die Welt vermutlich noch nicht gesehen.
Einen krasseren Umbau eines Porsche 356 als den von Rod Emorys hat die Welt vermutlich noch nicht gesehen.
(Bild: Porsche AG)

Nein, da kann man den „Amis“ wahrlich nicht widersprechen: Die Aussage, den „individuellsten Porsche 356 der Welt“ zu bauen, dieses Prädikat haben sie nicht nur sich selbst gegeben, sie haben es auch wahrlich verdient. „Die Amis“, das sind in diesem Fall die Mannschaft von Emory Motorsports und ihr Chef Rod Emory. Der betreibt im kalifornischen North Hollywood seit 1996 einen Fachbetrieb für Porsche-Fahrzeuge – für alte Porsches, um genau zu sein, für „getunte“ alte Porsches, um exakt zu sein. Mit seinem „Outlaw“-Konzept auf Porsche-356-Basis beeindruckte das Unternehmen bereits jene Szene, die offen für das ist, was man mit „Resto Customs“ bezeichnet, also Oldtimer mit moderner Technik – fast immer leistungsgesteigert.

Doch kein Fahrzeug und erst recht kein Porsche 356 lotet die Grenzen des technisch Möglichen so weit aus und stellt gleichzeitig die Toleranz traditionsbewusster Porsche-Enthusiasten derart auf die Probe wie das neueste Machwerk aus der Hand von Emory Motorsports: der 356 RSR. „Der RSR ist ein Hot Rod, bei dem es für uns keine Grenzen gab. Zu viele Menschen sorgen sich darum, was andere Leute denken könnten. Ich möchte Autos nach meinen Vorstellungen bauen – die einen werden es lieben, die anderen werden es hassen. Aber ich denke, dass sie letztendlich alle die Liebe zum Detail, die Verarbeitungsqualität und die Handwerkskunst zu schätzen wissen“, erklärt Rod Emory.

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Die Sache nahm ihren Lauf

Anfangs war das Auto nicht mehr als ein verrostetes 356 B Coupé, Baujahr 1960. Für Emory und sein Team war es quasi wie eine weiße Leinwand, die sie in ein Kunstwerk verwandeln wollten. Es sollte ein spannendes, spaßiges und irgendwie verrücktes Fahrzeug aus den besten Teilen verschiedener Porsche-Modelle und -Baujahre werden. Dabei kamen die besonderen Fähigkeiten des Teams ins Spiel: Die verrostete Originalkarosserie wurde großflächig durch selbst hergestellte Elemente aus Aluminiumblechen ersetzt beziehungsweise ergänzt; etliches wurde von Hand auf einer Rollenstreckmaschine angefertigt. Die komplette Karosserie setzten die Emorys anschließend auf das Chassis eines 964 C2 von 1990. So wiederum verfahren die Hot-Rodder mit einem extrem sportlich abgestimmten KW-Gewindefahrwerk, breiteren und gripstärkeren Reifen und den größeren Bremsen – alles notwendige Umbaumaßnahmen, um die Leistung des vom 911 abgeleiteten Vierzylinder-Biturbo-Motors mit fast 400 PS sicher auf die Straße zu bringen.

Jawohl, richtig gelesen! Der Motor hat tatsächlich „nur“ vier Zylinder. Doch ist der genau wie die abnehmbare Aluminiumkarosserie eine komplette Sonderanfertigung. Er wurde in Zusammenarbeit mit Rothsport Racing aus Oregon entworfen und gebaut und entspricht in seiner Bauweise vollständig dem Motor des 964. Allerdings haben seine Macher ein neues Motorgehäuse und eine neue Kurbelwelle entwickelt, damit sie das Aggregat auf vier Zylinder verkleinern konnten –denn schließlich handelt es sich noch immer um einen 356. Zwei Garrett-Turbolader sorgen dafür, dass die Karosserie ihre verdammt breiten Backen durchaus zu recht trägt. Und damit die „Follower“ auf der Straßen nicht nur was zu sehen, sondern auch zu hören bekommen, sind die beiden Turbinen erstens an markanter Stelle am Heck positioniert und führen zweitens die Abgase auch ohne jegliche Schalldämmung direkt ins Freie.

Punktuelle Hommage an andere Porsche-Modelle

Sie erinnern von ihrer Anordnung her an den Porsche 935. Von daher war der Namenszusatz „RSR“ wohl irgendwie naheliegend. „Einige Designelemente erinnern an die alten Abarth Carrera, wohingegen sich das Heck am 935 orientiert. Bei den geneigten vorderen Kotflügeln und den Frontscheinwerfern haben wir das Design des 996/997 aufgegriffen und sogar eigens spezielle Momo-Räder mit Zentralverschlussfelgen im Stil des 935 oder 956 gebaut“, berichtet der Emory-Motorsports-Firmeninhaber. Lufteinlässe sowie die Abdeckung des Armaturenbretts sind wie in einem 917 aus bernsteinfarbenem Fiberglas gefertigt. Rechts neben den zeitgenössischen Zifferblättern befindet sich ein Rändelknopf zur Ladedruckregelung aus einem 935 und die speziell angefertigten Schalensitze sind mit einer Art Nomex-Bezug versehen, der dem im originalen 908 verwendeten Material ähnelt.

Das Ergebnis ist ein Auto, das eine Hommage an die Motorsportgeschichte von Porsche darstellt und gleichzeitig „typisch kalifornisch“ daherkommt. Dementsprechend ist auch der Veranstaltungsort der sechsten Ausgabe von „Luftgekühlt“ – einer Serie spezieller Porsche-Treffen –, wo dieser außergewöhnliche Umbau seine Premiere feiert, für Emory etwas ganz Besonderes, und das nicht nur, weil er und 5.000 seiner „engsten Freunde“ Zugang zu den Außensets der Universal Studios erhalten. Es ging noch um viel mehr. „Dieser Ort ist für mich etwas ganz Besonderes, weil mein Großvater hier in Burbank einen alten Custom Shop betrieben hat“, erzählt Emory. „Hier entstanden die ersten Hot Rods und genau diese Kultur hat es mir ermöglicht, alles, was ich an Porsche so liebe, in diesem speziellen 356 zu verwirklichen.“ Der Wagen mag übertrieben sein, aber er ist auch eine wunderbare Liebeserklärung an alte und neue Porsche-Modelle.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "bike & busines", "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group