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Streng geheim: VW-Testgelände Ehra-Lessien

Autor / Redakteur: sp-x / Gerd Steiler

100 Kilometer Straßennetz – gut im Wald versteckt. Das VW-Testgelände ist groß, nein eigentlich riesig. Und so geheim, das selbst ein kleines Jubiläum keiner Feier wert ist.

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Streng geheim: Das VW-Testzentrum im niedersächsischen Ehra-Lessien „feiert“ in diesen Tagen sein 45-jähriges Bestehen.
Streng geheim: Das VW-Testzentrum im niedersächsischen Ehra-Lessien „feiert“ in diesen Tagen sein 45-jähriges Bestehen.
(Foto: VW)

Das waren noch Zeiten, als in den siebziger Jahren der unvergessene Herrenfahrer Huschke von Hanstein über das lange Asphaltoval donnerte und mit dem Porsche 911 Carrera des damaligen VW-Vorstandchefs Carl Hahn einen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. So lebhaft wie damals geht es heute selten zu auf dem VW-Testgelände im niedersächsischen Ehra-Lessien. Das Testzentrum liegt gut 25 Kilometer nordwestlich von Wolfsburg auf dem flachen Land und versteckt sich trotz seiner Größe unauffällig in der flachen Landschaft. Still und leise wird hier gearbeitet, allenfalls das Donnern der Motoren bricht ab und zu die Stille der umliegenden Wälder. Aber nicht mehr so oft, denn immer häufiger ziehen Elektroautos hier ihre Bahnen – und das im Geheimen.

Streng sind denn auch die Sicherheitsauflagen im VW-Testzentrum Ehra-Lessien. Wer die Erlaubnis erhält, das Gelände zu betreten, muss sich zuvor aller neumodischer Kommunikationsgeräte entledigen. Smartphones, Handys, iPads, Laptops, alles wird am Tor 12, dem Besuchereingang des Testareals, im Schließfach deponiert. Dann erst hebt sich die Schranke und gewährt die Einfahrt und den Blick in die Zukunft von VW und anderer Marken des Konzerns.

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100 Kilometer Straßennetz

Das werkseigene Areal nimmt eine Fläche von elf Millionen Quadratmetern ein, damit ist das Prüfzentrum das größte Automobil-Testgelände der Welt: sagt VW. 100 Kilometer groß ist das Straßennetz zwischen den Eichen und Buchen, die Sichtschutz vor den neugierigen Blicken der Erlkönig-Jäger an den in großer Entfernung errichteten Zäunen bieten. Allein die Schnellfahrbahn im weiten Oval ist 21 Kilometer lang und erlaubt mit ihren überhöhten Kurven seitenkraftfreies Fahren bis 200 km/h. Die mögliche Höchstgeschwindigkeit liegt dort bei 345 km/h, Herr von Hanstein war damals nicht ganz so schnell.

Die vielfältigen Fahrbahnqualitäten in Ehra-Lessien erlauben jegliche Arten von Tests. Rüttelstrecken, Kopfsteinpflaster unterschiedlicher Qualität. Rund 1.000 Mitarbeiter fahren Prototypen und Versuchsfahrzeuge nach streng einzuhaltenden Vorgaben durch die Parcours. Zu denen gehören auch die Steigungs- und Gefällestrecken, wo auf 5 bis 32 Prozent Neigung selbst so manches Allradauto passen muss. Die riesige „Dynamikfläche“, deren Asphalt sich fugenfrei über 250.000 Quadratmeter erstreckt, bietet für alle erdenklichen Fahrmanöver ausreichend viel Raum. Ein Gefälle von vier Metern zwischen der westlichen und östlichen Kante stellt sicher, dass das Regenwasser zügig ablaufen kann.

34 Millionen Testkilometer pro Jahr

Im Betriebshof, den Werkstätten, wo Fahrzeuge vorbereitet oder während der Dauererprobungen gewartet werden, bereiten sich die Versuchsfahrer auf ihre Einsätze vor. Sie legen in jedem Jahr rund 34 Millionen Testkilometer zurück. Alles für den einen Moment, wenn der Vorstand die Freigabe für ein Erprobungsfahrzeug gibt und die Serienfertigung beginnt.

Rekorde sind also kein großes Ding im VW-Testzentrum. So werden auch Jubiläen wie der 45. Geburtstag des Testgeländes nicht weiter begangen. Zumal die Zeitgenossen, die damals nach der Eröffnung die ersten Runden durch die niedersächsischen Wälder drehten, heute längst im Ruhestand sind. Schade, dass die Geschichte des Prüfgeländes im VW-Museum in der Wolfsburger Autostadt nicht ausführlicher erzählt wird: Ach ja, wir verstehen – streng geheim.

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