Unsichere Zeiten für das Kfz-Gewerbe

Autor / Redakteur: Christoph Baeuchle / Christoph Baeuchle

LV-Präsident Jürgen Karpinski ist skeptisch für die nächsten Monate: Die Verbraucher würden sparen statt zu konsumieren. Zudem gewännen preisorientierte Online-Portale an Bedeutung. Betriebe müssten sich auf schwierigere Zeiten einstellen.

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Rückbesinnung auf ethische Werte: Bruder Paulus (li.) und Jürgen Karpinski, Präsident des Kfz-Landesverbandes Hessen.
Rückbesinnung auf ethische Werte: Bruder Paulus (li.) und Jürgen Karpinski, Präsident des Kfz-Landesverbandes Hessen.
(Foto: Landesverband)

Einen skeptischen Ausblick gab Jürgen Karpinski, Präsident des hessischen Kfz-Gewerbes, bei der Mitgliederversammlung in Löhnberg. „Sekt oder Selters?“, fragte der Präsident und ließ die Antwort fürs nächste Jahr offen. Beschwingt durch 2011, sei die Branche mit viel Euphorie ins laufende Jahr gestartet. Bedingt durch die schlechte wirtschaftliche Lage in südeuropäischen Ländern habe sich das Kfz-Gewerbe im Laufe des Jahres deutlich abgekühlt. Die Verunsicherung bei den Verbrauchern führe zu einem vorsichtigen Verhalten: „Die deutschen Sparguthaben sind in letzter Zeit enorm angestiegen, und die Konsumquote ist drastisch gesunken“, betonte Karpinski. Es komme also weniger – dringend benötigtes – Kapital in der Wirtschaft und damit in den Kfz-Betrieben an. „Wenn investiert wird, dann in das sprichwörtliche ,Betongold‘“.

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Ob die Neuzulassungen 2012 die Drei-Millionen-Grenze überschreiten werden, ließ Karpinski offen. Wenn, dann brauche es dazu viel Unterstützung. Die Eigenzulassungen liegen bei rund 30 Prozent oder 720.000 Neuwagen. Für Hessen betrage diese Zahl rund 70.000 Fahrzeuge. Bei einem Neuwagenpreis von rund 28.000 Euro bedeute dies einen Umsatz von etwa zwei Milliarden Euro, „der teilweise an unseren Betrieben vorbeigeht und von dem wir renditemäßig so gut wie gar nichts haben“, so Karpinski.

Dumping-Preis-Händler richten viel Schaden an

Bei den Gebrauchten sei die Quantität gut, die Qualität dagegen unbefriedigend. „Auch im Service-Bereich müssen wir uns voraussichtlich auf ein etwas kühleres Klima einstellen.“ Karpinski hofft, dass die hessischen Betriebe den Werkstattumsatz 2011 in Höhe von 2,1 Milliarden Euro wieder erreichen werden, trotz der Eintrübungen auch im laufenden Jahr.

Erschwert wird die aktuelle Situation durch Online-Portale, sowohl für Neuwagen als auch für Serviceleistungen. „Diese ,Dumping-Preis-Händler‘ richten sehr viel Schaden bei ihren rechtschaffenden Kollegen an“, kritisierte der LV-Präsident. „Sie holzen mit nur sehr kurzfristigem Erfolg den Ertragswald ab und wundern sich dann noch, warum der Handel keine Luft mehr zum Atmen hat, und sie selbst pleite sind!“ Der Einzige, der verdiene, sei der Betreiber des Online-Portals.

Neben der technischen Fahrzeugüberwachung und dem in der Branche viel diskutierten Thema Meister-HU war die „Geldwäsche“ Hauptgesprächsthema. „Ab einer Bargeldzahlung von 15.000 Euro gilt die Pflicht zur Identifizierung“, betonte Martina Wiegand, zuständige Abteilungsleiterin vom Regierungspräsidium Gießen. Hat der Verkäufer Verdachtsmomente gegen den Vertragspartner, so ist eine Verdachtsmeldung notwendig.

Bis zu 100.000 Euro Bußgeld

Bislang ist aus Sicht der Geldwäscheexpertin die notwendige Sensibilität in der Wirtschaft nicht vorhanden. Schätzungen zufolge werden jährlich bis zu 50 Milliarden Euro in das Wirtschaftssystem eingeschleust. Dagegen finden Verdachtsmeldungen kaum statt. Im vergangenen Jahr waren es im Bereich „Gewerbliche Güterhändler“ 89 Meldungen im gesamten Bundesgebiet.

Die Folgen, die sich für einen Betrieb durch einen laxen Umgang mit den Pflichten aus dem Geldwäschegesetz ergeben können, zeigte Wiegand anhand eines Beispiels auf: Demnach ist die Berliner Niederlassung eines Premiumherstellers der Identifizierungspflicht nicht nachgekommen. Die Käufer, die bereits im Visier der Behörden waren, entpuppten sich als kriminelle Gruppe. Am Ende wurden sowohl der Kaufbetrag als auch die Fahrzeuge eingezogen. Bis zu 100.000 Euro kann das Bußgeld betragen – pro Fall.

Weniger verbrecherisch ging es mit Bruder Paulus zu. Der Kapuziner aus dem Liebfrauen-Kloster in Frankfurt sprach über die Rückbesinnung auf menschliche Werte in einer kapitalorientierten Zeit. „Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist auch an alle gedacht“, kritisierte Bruder Paulus ironisch.

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