VW: 70 Jahre Eigenständigkeit

Bereits 1947 startete der Export

| Autor: Steffen Dominsky

Nach dem Krieg verwalteten die Briten des VW-Werk und brachten rasch die Produktion wieder in Gang.
Nach dem Krieg verwalteten die Briten des VW-Werk und brachten rasch die Produktion wieder in Gang. (Bild: Volkswagen AG)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs standen die alliierten Siegermächte im Sommer 1945 vor der großen Herausforderung, die Ernährung der deutschen Bevölkerung in ihren Besatzungszonen sicherzustellen und für Wohnraum, Heizmaterial und Kleidung zu sorgen. Gleichzeitig mussten sie entscheiden, was mit den verbliebenen Industrieanlagen geschehen sollte. Zu diesen gehörte auch das Volkswagen-Werk in Wolfsburg.

Nach der Einnahme der Stadt durch amerikanische Truppen am 11. April 1945 hatte das Werk zunächst auf der Demontageliste der alliierten Siegermächte gestanden. Doch als die britische Militärregierung im Juni 1945 in die Besatzungszone eintrat und die Fabrik beschlagnahmte, wurde schnell deutlich, dass es Alternativen zu einer Demontage gab. Wirtschaftlich schwer angeschlagen, entschieden die Briten, das Werk als Treuhänder zu verwalten und bis zur Rückgabe an die Bundesrepublik Deutschland am 8. Oktober 1949 zu einem internationalen Automobilbaustandort umzubauen. Eine der zentralen Figuren dabei war der britische Major Ivan Hirst.

Die Briten stellten die Weichen

Zunächst nur als Reparaturwerkstatt für Militär- und Transportfahrzeuge genutzt, erkannte Hirst als erster die Möglichkeiten, die der Aufbau einer zivilen Fahrzeugproduktion in dem fast völlig zerstörten Werk bot. Dafür ließ er kriegsbedingt ausgelagerte Maschinen und Lagerbestände ins Werk zurückholen. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf, als er in der Fabrik einen alten Käfer entdeckte und diesen ans britische Hauptquartier schickte.

Begeistert vom Fahrzeug, bekam das Werk am 22. August 1945 von dort den Auftrag, 20.000 Autos für die britische Militärverwaltung zu fertigen. Nur zwei Wochen später wurde dieses Programm auf 40.000 Wagen verdoppelt. Mit dem Start der zivilen Serienfertigung nur wenige Monate später, am 27. Dezember 1945, nahm das Werk damit als erste Automobilfabrik in Deutschland die Produktion nach dem Krieg wieder auf. Das erste Ziel: 1.000 Autos im Monat produzieren.

Auf dem Werksgelände baute man Getreide an

Keine leichte Aufgabe: Wegen der wirtschaftlichen Lage stellte nicht nur die Beschaffung von Material und Brennstoff für das Kraftwerk ein großes Problem dar. Auch der Mangel an Arbeitskräften – als junges, erst kurz vor Kriegsausbruch errichtetes Werk konnte es da und während des Krieges keine Stammbelegschaft aufbauen – war ein potenzielles Hindernis auf dem Weg zu einem erfolgreichen Automobilunternehmen. Damit sie überhaupt körperlich arbeitsfähig wurden, versorgte Volkswagen die Arbeiter und Angestellten früh mit dem Notwendigsten und ließ auf dem Werksgelände Getreide anbauen.

Und: Hatte die britische Militärverwaltung bereits im Sommer 1945 eine Belegschaftsvertretung eingesetzt, fanden im November 1945 schließlich auch die ersten demokratischen Wahlen für einen Betriebsrat statt. Planvoll und systematisch setzten die Briten in den nächsten Monaten weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Lage um: Sie errichteten eine effektive Handelsorganisation mit Schwerpunkt auf Vertrieb und Service. Beispiel Qualitätskontrolle: Ab dem Jahr 1946 – als schon das 10.000. Fahrzeug vom Band lief und das Produktionsziel von 1.000 Wagen im Monat erreicht wurde – schulte die neu eingerichtete Abteilung Kundendienst deutsche und englische Werkstattmitarbeiter in Wartung und Reparatur.

Die Basis für das Exportgeschäft

Zudem schufen die Briten ab 1947 mit einem Netz aus zehn Großhändlern und 28 ihnen unterstellten Händlern in der gesamten britischen Zone (sowie einem Hauptverteiler in Berlin) die Grundlage für den Aufbau des Exportgeschäfts. Erstmals wurden die Fahrzeuge auch außerhalb Deutschlands verkauft – der internationale Aufstieg begann. Mit der Exportlimousine bot Volkswagen ab Sommer 1947 eine Premiumversion des Käfer an. Sie war allerdings auch für deutsche Kunden attraktiv. Das verdeutlichten die Produktionszahlen: Innerhalb von zwei Jahren haben sie sich fast verdoppelt.

1948 verließen gut 19.000 Wagen die Fabrik. Ein Viertel von ihnen wurde ins Ausland verkauft. Zudem fertigte Volkswagen nun auch Ersatzteile für Reparaturen. Die Einführung der Währungsreform am 20. Juni 1948 ermöglichte einen weiteren Wachstumsschub. So stieg die Produktion im folgenden Jahr sogar auf mehr als 46.000 Wagen – und erreichte 1950 schließlich 81.000 Limousinen und 8.000 ebenfalls im Werk gefertigte Transporter. Als am 8. Oktober 1949 die britische Militärregierung die Treuhänderschaft über die Volkswagen Werk GmbH in die Hände der Bundesregierung legte und die Bundesregierung ihrerseits das Land Niedersachsen mit der Verwaltung beauftragte, befand sich Volkswagen so bereits in einer „Pole Position“ beim Start ins sogenannte Wirtschaftswunder.

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