Weitere Milliardenhilfe für die Automobilindustrie

Autor / Redakteur: dpa / Andreas Grimm

Die Krise der Automobilwirtschaft macht nicht nur dem Industriestandort Deutschland zu schaffen. Spanien will den Wirtschaftszweig nun direkt fördern. Derweil sieht ein Branchenbeobachter die deutschen Hersteller und Zulieferer „von der Kurzarbeit in die Entlassungswelle“ trudeln.

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Die Autoproduktion ist für Spaniens Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Entsprechend wird die Branche nun vom spanischen Staat gestützt.
Die Autoproduktion ist für Spaniens Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Entsprechend wird die Branche nun vom spanischen Staat gestützt.
(Bild: Seat)

Die spanische Regierung hat ein Hilfspaket im Umfang von 3,75 Milliarden Euro für die stark unter der Corona-Krise leidende Automobilbranche angekündigt. Insbesondere solle es dabei um die Förderung von Elektroautos gehen, sagte Regierungschef Pedro Sánchez. Einzelheiten der Maßnahmen sollten am Montag vorgestellt werden. Die Automobilindustrie ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Spaniens. Sie trägt rund zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und sichert etwa zwei Millionen Arbeitsplätze.

Sánchez bezeichnete die Lage der Automobilbranche wegen der weitgehenden Einstellung der Produktion und eines starken Absatzeinbruchs während der Corona-Krise als „kritisch“. So musste die VW-Konzernmarke Seat im Mai ein Minus bei den Auslieferungen von 65 Prozent hinnehmen. Sánchez betonte, Ziel der staatlichen Hilfen sei es, die Automobilbranche beim Übergang zu einer „nachhaltigen Mobilität“ unterstützend zu begleiten.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die Autoindustrie in Deutschland „von Kurzarbeit in die Entlassungswelle steuern“. Von Januar bis Ende Mai seien in den inländischen Werken nur noch knapp 1,2 Millionen Autos gebaut worden – 44 Prozent weniger als im Vergleich zum Vorjahr. Weil die Nachfrage in Europa, Afrika und Südamerika schwach bleibe, rechnet Dudenhöffer für das Gesamtjahr mit einem Rückgang der Produktion in Deutschland um 26 Prozent auf 3,4 Millionen Autos. Das wäre der niedrigste Wert seit 1974.

Entlassungswelle in Deutschland droht

„Nach unserer Einschätzung kostet die Krise in Deutschland gut 100.000 Arbeitsplätze in der Automobil- und Zulieferindustrie“, sagte der Professor. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung gebe der Branche kaum Impulse, weil es mit Elektroautos nur einen Nischenmarkt fördere. Dass die SPD eine Autoprämie für moderne Verbrenner vereitelt habe, sei für die deutschen Autobauer und Zulieferer ein großes Handicap. Mit einem großen Konjunkturpaket hätten sie in Deutschland 300.000 Autos mehr bauen und verkaufen können.

Im Kampf gegen eine durch die Corona-Krise möglicherweise drohende Insolvenzwelle hat die IG Metall weitere Konjunkturhilfen empfohlen. „Wenn das Konjunkturpaket, das viele gute und wichtige Punkte enthält, nicht in der Breite wirkt (...), dann müssen wir im Herbst noch einmal darüber reden, ob wir nicht nachsteuern müssen“, sagte IG Metall-Chef Jörg Hofmann am Samstag dem „Tagesspiegel“. Gerade bei den Zulieferern in der Automobilindustrie sei die Insolvenzgefahr in Deutschland stark gestiegen. „Unsere jüngste Umfrage zeigt: Über 80.000 Beschäftigte in 270 Betrieben sind in hoher oder akuter Insolvenzgefahr.“ Er fügte hinzu: „Und diese Zahlen steigen.“

Beim Zulieferer Ifa aus Haldensleben in Sachsen-Anhalt ist diese Befürchtung schon zur Realität geworden. Das Unternehmen kündigte am Wochenende an, weltweit 400 Stellen abzubauen. Ifa produziert Seiten- und Gelenkwellen, die für den Antrieb von Autos benötigt werden. Allerdings war der Betrieb schon vor Corona in eine Schieflage geraten, weil eine Produktion in Polen nicht wie geplant angelaufen war. Wesentlich größere Unternehmen wie ZF und Continental haben ebenfalls Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen.

Durch den beschlossenen Verzicht auf eine an den Emissionen orientierte Kaufprämie für Autos und die stattdessen erfolgende Mehrwertsteuersenkung ab Juli werde keine vernünftige Klimaschutz-Lenkungswirkung erreicht, sagte Hofmann. „Jetzt wird selbst der Verkauf von alten Gebrauchtwagen und SUV-Boliden gefördert, egal, was aus dem Auspuff kommt.“ Um die Autobranche als Schlüsselindustrie zu stärken, hatte die IG Metall eine Umweltprämie auch für emissionsarme Verbrenner gefordert.

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