Suchen

Zylindernummerierung: Regeln mit vielen Abweichungen

Autor / Redakteur: Peter Diehl / Steffen Dominsky

Zylindernummerierung und Drehrichtung von Verbrennungsmotoren sind geregelt, möchte man glauben. Bei der Drehrichtung gibt es zwar nur zwei Regeln, bei der Nummerierung jedoch noch einige mehr, die nicht nur für historische Motoren gelten.

Firmen zum Thema

Zwölf Zylinde hat dieser Leichtmetall-Motor von BMW, sie sind durchnummeriert.
Zwölf Zylinde hat dieser Leichtmetall-Motor von BMW, sie sind durchnummeriert.
(Bild: BMW)

In der Bundesrepublik Deutschland ist die Zylindernummerierung von Kfz-Verbrennungsmotoren in der DIN-Norm 73021 fixiert, die im Jahr 1953 veröffentlicht wurde. Demnach befindet sich der erste Zylinder an der Stirnseite des Motors, die der Kraftabgabeseite (Kupplungs-/Getriebeseite) gegenüberliegt. Bei einem Reihenmotor ist also der getriebefernste Zylinder der erste; die weiteren Zylinder werden in Richtung Getriebe fortlaufend nummeriert. Handelt es sich um Motoren mit mehreren Zylinderbänken, wird – wieder mit Blick auf die der Kraftabgabeseite gegenüberliegenden Seite – an der links von der Kurbelwellenachse liegenden Zylinderbank begonnen und deren Zylinder ebenfalls fortlaufend nummeriert. Danach wiederholt sich diese Vorgehensweise im Uhrzeigersinn an den anderen Zylinderbänken.

Bildergalerie

Eine hiervon abweichende Regel betrifft auch, aber nicht nur Fahrzeuge aus DDR-Produktion. Hier beginnt die Zylindernummerierung an der Kraftabgabeseite und bei Motoren mit mehreren Zylinderbänken an der links von der Kurbelwellenachse liegenden Zylinderbank. Letzteres wohlgemerkt ebenfalls mit Blick auf die Kraftabgabeseite. In der DDR war die Grundlage für diese Vorgehensweise die Norm TGL 6864. Übrigens gilt der Inhalt dieser der DIN 73021 diametral widersprechenden Regel auch für vor 1953 entwickelte und in der Bundesrepublik produzierte Motoren. Als Beispiele seien der klassische DKW-Antrieb (vorn längs eingebauter Dreizylinder-Zweitakt-Ottomotor mit Frontantrieb) in DKW F89 ff., Auto Union 1000 SP Coupé und Roadster sowie die luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotoren von VW und Porsche genannt.

Luftgekühlte Boxermotoren von VW und Porsche

Bei den Motoren des VW Käfer, aller seiner Derivate (Transporter, 1500/1600, 411/412, beide Karmann Ghia, Kübel-, Schwimm- und Kurierwagen und so weiter) sowie des VW-Porsche 914/4 (Typ 47) startet die Zylindernummerierung auch an der Kraftabgabeseite und der linken Zylinderbank. Ebenso wird bei den Motoren der Porsche-Baureihen 356, 550, 904 und 912 verfahren. Der erste Zylinder von Fahrzeugen mit Heckmotor (VW Käfer und Derivate, Porsche 356 und 912) befindet sich somit – betrachtet in Fahrtrichtung – vorn rechts. Zu beachten ist, dass Porsche 550 und 904 sowie VW-Porsche 914/4 Heckmittelmotoren besitzen, die im Vergleich zu den Heckmotoren um 180 Grad gedreht eingebaut sind. Achtung: Den Porsche 914/6 treibt der Motor des 911 T an; für den Sechszylinder-Boxer gilt DIN 73021.

Gerade bei US-V8-Motoren herrscht in Sachen Zylindernummerierung echter Wildwuchs.
Gerade bei US-V8-Motoren herrscht in Sachen Zylindernummerierung echter Wildwuchs.
(Bild: MSD)

Ebenfalls kupplungsseitig und auch in den weiteren Details wie zuvor beschrieben startet die Zylindernummerierung von Motoren französischer Hersteller. Nicht vergessen darf man hierbei, dass vor allem PSA Peugeot Citroën auch Motoren für andere Automobilhersteller fertigt, und diese mit den Motoren meist auch die kupplungsseitig startende Zylindernummerierung übernehmen. Eine Vorgehensweise, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Die abweichende Regel Nummer 2 stützt sich zwar auf die DIN-Norm 73021, variiert diese jedoch. Sie betrifft V-ähnliche Motoren mit kleinen Zylinderwinkeln wie die moderne VR-Bauart von Volkswagen. Bezüglich der Zylindernummerierung wird diese Motorenbauart wie ein Reihenmotor behandelt. Bei davon abgeleiteten Bauarten basiert die Vorgehensweise auf eben diesem Prinzip. So werden die beiden Zylinderbänke des W8 genannten Achtzylinder-V-VR-Motors jeweils wie Vierzylinder-Reihenmotoren und der Gesamtmotor wie ein Achtzylinder-V-Motor gezählt.

Die Amis wechseln gerne – mal rechts, mal links

Bei längs eingebauten Motoren mit mehreren Zylinderbänken diverser Hersteller weicht die Zylindernummerierung mitunter von der im heutigen Deutschland üblichen Vorgehensweise ab, indem sie an der rechts von der Kurbelwellenachse liegenden oder an der am weitesten nach vorn ragenden Zylinderbank startet – die abweichenden Regeln Nummer 3 und 4. Ein Wechsel zwischen den Zylinderbänken – die abweichende Regel Nummer 5 – findet unter anderem beim sowjetischen (seit 1991 ukrainischen) Kleinwagen Saporoshez statt. Der stets im Heck längs und hinter dem Getriebe verbaute V4-Ottomotor der Baureihen 965, 966, 968, 968A und 968M hat den ersten Zylinder – betrachtet in Fahrtrichtung – hinten links. Davor liegt Zylinder 3, während die Zylinder der rechten Zylinderbank mit 2 (hinten) und 4 (vorn) nummeriert sind. Verbindet man die Zylinder gedanklich in Zählreihenfolge, entsteht ein liegendes Z. Ob bei der Festlegung dieser Regel Alkohol im Spiel war, ist heute nicht mehr zu recherchieren. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass sich diese Antriebseinheit, um 180 Grad gedreht und vor der Vorderachse verbaut, auch im Geländewagen LUAZ 969M und im Amphibienfahrzeug LUAZ 967M wiederfindet.

Auf die Spitze treiben es die US-amerikanischen Hersteller, indem sie bei ihren V8-Ottomotoren – betrachtet von der Stirnseite, die der Kraftabgabeseite gegenüberliegt – das Zählen mal an der linken und mal an der rechten Zylinderbank beginnen und auch zwischen den Zylinderbänken wechseln. Das Wechseln zwischen den Zylinderbänken trifft beispielsweise auf die Motoren in AMC, Buick, Chevrolet, Chrysler (mit Ausnahme des aktuellen Hemi-V8), Oldsmobile und Pontiac zu. Während bei allen genannten Motoren das Zählen an der rechten Zylinderbank beginnt, zählt Ford entlang der Zylinderbänke und beginnt bei der linken Bank, was nun wieder DIN 73021 entspricht. Beim als Ausnahme vom Wechseln zwischen den Zylinderbänken genannten aktuellen Hemi-V8 startet das Zählen an der rechten Bank. Somit lässt sich feststellen, dass die Zylinder von Kfz-Verbrennungsmotoren längst nicht immer so nummeriert sind, wie es die deutsche Norm DIN 73021 empfiehlt. Wer Hand an einen Motor legen will, etwa für Arbeiten an der Zündanlage, sollte die diesbezüglichen Unterlagen des Herstellers oder Importeurs kennen und beachten.

Paradoxon am Beispiel AWE Wartburg

Ebenso wie bei der Zylindernummerierung besteht auch bei der Drehrichtung (Rechts- oder Linkslauf) von Kfz-Verbrennungsmotoren ein signifikanter Unterschied zwischen den Vorgehensweisen in Deutschland Ost und West. Wie bereits erwähnt, betrachtet die west- und seit 1990 gesamtdeutsche Norm DIN 73021 den Motor von der Stirnseite, die der Kraftabgabeseite (Kupplungs-/Getriebeseite) gegenüberliegt. Dreht die Kurbelwelle in Uhrzeigerrichtung (erkennbar an der Drehrichtung der Kurbelwellenriemenscheibe), handelt es sich um einen rechtsdrehenden Motor.

Mit der ostdeutschen Norm TGL 6863 wechselt der Blick auf die Kraftabgabeseite. Das hieraus entstandene Paradoxon zeigt sich an folgendem Beispiel: Die Dreizylinder-Zweitakt-Ottomotoren von AWE Wartburg 311, 312, 313 und 353, laut TGL 6863 linksdrehend, sind bei Anwendung der DIN 73021 Rechtsdreher. Mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags zwischen Alt-BRD und DDR am 3. Oktober 1990 verloren die TGL-Normen zwar ihre Gültigkeit, entsprechende Aussagen in inzwischen wohl mehrfach nachgedruckten Reparaturanleitungen gehen jedoch weiterhin von der TGL 6863 aus. Was die zuvor genannten, vor 1953 entwickelten und in der Bundesrepublik produzierten Motoren betrifft, so gilt auch für sie die Drehrichtungsfestlegung, wie sie in der ostdeutschen TGL 6863 erfolgte.

(ID:46271268)