Locomobile Company of America Das älteste geblitzte Auto Deutschlands?

Von Dorian Rätzke 6 min Lesedauer

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Einst fuhren wichtige Politiker, Industrielle oder Hollywood-Größen das amerikanische Fabrikat, das heute kaum noch einer kennt. Ein Deutscher, der gleich zwei der seltenen „Locomobile“ besitzt, erhielt unlängst Post vom Ordnungsamt, wie Spezialversicherer OCC berichtet .

Schwarz auf weiß: Dieses 108 Jahre alte Locomobile tappte bzw. fuhr kürzlich in eine Radarfalle.(Bild:  Ordnungsamt Wiesloch)
Schwarz auf weiß: Dieses 108 Jahre alte Locomobile tappte bzw. fuhr kürzlich in eine Radarfalle.
(Bild: Ordnungsamt Wiesloch)

An einem Junitag löste im nordbadischen Wiesloch die Radarfalle aus. Als die Mitarbeiter des Ordnungsamtes das Beweisfoto auswerteten, dürften sie ihren Augen kaum getraut haben: Der geblitzte „Temposünder“ war stolze 108 Jahre alt! Der imposante Methusalem ist ein Locomobile Model 48 – ein rollendes Monument fast vergessener US-Ingenieurskunst. Einst fuhren nur wichtige Politiker, Industrielle oder Hollywood-Größen wie Charlie Chaplin die exklusiven Luxuswagen aus Connecticut, deren Geschichte voller Triumphe und Tragödien genug Stoff für einen Kinostreifen bietet. Wer diesen interessanten Vorkriegs-Giganten jetzt besitzt, welche Ingenieurskunst in ihm steckt und wie es zu dem kuriosen Blitzerfoto kam, darüber berichtete jetzt das OCC Magazin.

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Besser als ein Rolls-Royce

Der Mann hinter dem Steuer des geblitzten Giganten ist Frank Jung (Foto). Der Maschinenbau-Ingenieur aus Königswinter ist fasziniert von Mechanik, die Zeiten überdauert. „Ich hatte einfach den Drang, was richtig Altes zu kaufen, da mich auch die Technik extrem interessiert“*, erklärt Jung seine Leidenschaft für die Ära der Automobilpioniere. Gefunden hat er gleich zwei Locomobile im Nachlass eines deutschen Sammlers. Beide Autos präsentieren sich im beeindruckenden Originalzustand. Mit zwei Fahrzeugen dieser Marke – einem Cabriolet und einer Limousine – ist Jung nach eigenen Angaben heute der größte Locomobile-Sammler in ganz Europa (jeweils ein Einzelexemplar steht in England, den Niederlanden und Italien, drei weitere in Deutschland).

Für Frank Jung hält die Verarbeitung jedem Vergleich stand: „Die Materialien im Locomobile sind besser als bei Rolls-Royce – das hat mir sogar ein englischer Rolls-Royce-Kenner und -Besitzer nach einer genauen Inspektion bestätigt. Das Auto ist extrem hochwertig und wie für die Ewigkeit gebaut.“ Edelste Werkstoffe dominieren den Aufbau: Bronze, Kupfer Nickel, überall Chrom-Vanadium-Stähle gehärtet und geschliffen, die besten Holzarten, feinstes Leder, teuerste Instrumente. Die Motorkraft überträgt eine gigantische 17-Scheiben-Trockenkupplung. „Das Fahrzeug arbeitet absolut zuverlässig“, betont der Besitzer. Beeindruckend sei die Kraft des Vorkriegsklassikers: „Über 400 Nm Drehmoment liegen bereits zwischen 400 und 1.400 U/min an“, so Frank Jung, kein Wunder bei fast 9 Litern Hubraum.

Wie bremst man drei Tonnen in den Bergen?

Wie kam es eigentlich zum Knöllchen in Wiesloch, über das der YouTube-Kanal von Onkel M. (3600 Abonnenten, beschäftigt sich mit historischen Autos und Motorrädern) zuerst berichtete? Nach Frank Jungs Angaben passierte es am letzten Tag einer echten Härteprüfung: Auf der „European Loco-Tour“ legte der Methusalem zwischen dem 18. und 27. Juli 2024 insgesamt 2.280 Kilometer (1.417 Meilen) auf eigener Achse zurück, mit fünf Leuten, vollem Urlaubsgepäck und ohne Begleitfahrzeug. Die Route führte durch sechs Länder: Deutschland, Luxemburg, Frankreich, die Schweiz, Italien und Österreich – bis er im nordbadischen Wiesloch geblitzt wurde.

Sogar die berüchtigte Pflasterstraße des alten St.-Gotthard-Passes steckte der leer 2460 kg schwere Koloss problemlos weg. Bleibt die Frage: Wie meistert man mit einem Automobil aus dem Baujahr 1916, das an der Vorderachse gar keine Bremsen besitzt, die steilen Passabfahrten? „Das läuft ganz mechanisch über Hand- und Fußbremse, das ist alles vollkommen sicher“, erklärt Locomobile-Besitzer Frank Jung. „Wir haben hinten zwei Trommeln pro Rad.“

Einst „The Best Built Car in America“

Die Locomobile Company of America wurde im Juni 1899 von John Brisben Walker, dem Herausgeber und Verleger des Magazins Cosmopolitan, und dem im Asphaltgeschäft zu Reichtum gekommenen Amzi Lorenzo Barber gegründet. Sie hatten zuvor die Rechte an einem Dampfwagen-Design der Stanley-Brüder erworben. Walker hatte den Stanley-Zwillingen zunächst eine Beteiligung angeboten, wurde jedoch abgewiesen und überzeugte sie stattdessen, ihr komplettes Geschäft für die für damalige Verhältnisse astronomische Summe von 250.000 US-Dollar zu verkaufen. Und das zu einem Zeitpunkt, als die Stanleys erst ein einziges fertiges Fahrzeug und 199 Bestellungen vorweisen konnten. Der Markenname ist übrigens ein Kofferwort aus „locomotive" und „automobile"; ursprünglich sollte die Firma „Automobile Company of America" heißen, doch dieser Name war bereits als Marke geschützt.

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Tiffany & Co. sorgte für Innenausstattung

Unter Chefingenieur Andrew L. Riker stieg Locomobile 1903 von Dampfwagen auf Benzinmotoren um. Riker verordnete der Manufaktur in Bridgeport, Connecticut, ein kompromissloses Qualitätsdiktat. Unter dem stolzen Slogan „The Best Built Car in America“ fertigte das Werk keine Massenware: Maximal vier Fahrzeuge pro Tag verließen die Heiligen Hallen (Neupreis 1916: 5.400 US-Dollar). Zum Vergleich: Ein Ford T-Modell kostete damals 285 US-Dollar). Es gab eine eigene Abteilung „Locomobile Custom Body Department", für die ein französischer Karosseriedesigner und eine berühmte professionelle Innenarchitektin eingestellt wurden, um auch höchste Kundenwünsche erfüllen zu können. Im Innenraum erhielten viele Locomobiles in der Blütezeit Lampen und Metallarbeiten von Tiffany & Co.

Kunden: Hollywoodstars, Milliardäre und Generäle

Der Aufwand war immens, die Klientel entsprechend erlesen. Neben Filmstars wie Charlie Chaplin zählten Schwergewichte wie Andrew Carnegie (Milliardär und Stahl-Tycoon) oder Warren Harding (29. US-Präsident, 1865 – 1923) zu den Kunden. Sogar militärisch setzte das Fahrzeug Maßstäbe: US-General John Pershing ließ sich ein Spezial-Locomobile (Foto) mit Zwillingsreifen auf der Hinterachse aufbauen, das exakt 80 Meilen pro Stunde (128 km/h) erreichen sollte – eine für damalige Verhältnisse atemberaubende Geschwindigkeit – und raste damit in Frankreich und Belgien über die Schlachtfelder. Es gab zur Jahrhundertwende sogar einen Deutschland-Importeur von Locomobile: Die Hamburger Firma Achenbach bewarb um 1902 zeitweise 13 verschiedene Dampfwagenmodelle.

Krise und Untergang

1915 verstarb Davis, der „Kopf“ von Locomobile, mit nur 42 Jahren an einem Schlaganfall. 1919 geriet Locomobile durch eine unglückliche Expansionsstrategie, verbunden mit dem plötzlichen Ende des Ersten Weltkrieges, in die Insolvenz. 1920 wurde die Firma zusammen mit Mercer und Simplex Teil eines Firmenkonglomerats des ehemaligen Packard-Managers Emlen S. Hare. Dieses Vorhaben scheiterte bereits ein Jahr später. 1922 rettete William Crapo Durant – Gründer von General Motors und nun mit seinem zweiten Firmenimperium Durant Motors unterwegs – die Marke. Unter Durant blieb das Model 48 zunächst das einzige Angebot, ehe ab 1925 mit dem „Junior Eight" (8-66) ein günstigeres, moderneres Modell mit zugekauftem Achtzylinder-Reihenmotor folgte. Es folgten der kurzlebige Junior Six (nur 1926), der Model 90 (1926–1929) und die späten Achtzylinder 8-70, 8-86 und 8-88 (Foto). Der Börsencrash 1929 traf die vermögende Kundschaft der Marke hart, und mit dem Kollaps von Durant Motors endete auch die Geschichte von Locomobile endgültig.

Locomobile-Karosserievarianten: Von klassisch bis ausgefallen

Für ihre zahlungskräftige Kundschaft bot die Locomobile Company of America außergewöhnlich reichhaltiges Portfolio an Karosserieformen. Die meisten Entwürfe stammen aus Locomobiles eigener Fachabteilung für Sonderkarosserien („Custom Body Department“) unter der Leitung des ehemaligen Kellner-Designers J. Frank de Causse. Die endgültige Montage erfolgte von unabhängigen Karosseriebauern, da Locomobile keine eigene Fertigung für die Aufbauten besaß. So konnte das Unternehmen die besten Karosseriebauer auswählen. Dabei legte Locomobile fest, dass das Typschild des Stellmachers nicht angebracht werden durfte. Neben klassischen Typen wie Roadster, Limousine, dem offenen Touring mit gepolstertem Stoffverdeck und Einsteck-Seitenscheiben sowie der Chauffeur-Limousine Sedan mit fester Trennscheibe standen viele weitere elegante und spezialisierte Ausführungen zur Wahl.

Für geschlossenen Komfort mit besonders eleganter, rundlicher Linienführung sorgte zwischen 1913 und 1915 die Berline, während das Landaulet den Passagieren im Fond ein zu öffnendes Stoffverdeck bot, während der Chauffeur unter einem Roll-Dach oder im Freien saß. Sportliche Akzente setzten der windschlüpfig gestaltete Torpedo sowie der berühmte Boattail Speedster, ein sportlicher Zweisitzer, dessen schmal zulaufendes Heck von der Form eleganter Motoryachten inspiriert war. Besonders martialisch und eindrucksvoll präsentierte sich das Gunboat Cabriolet, dessen robuste, glatte Seitenwände optisch an die Panzerung von Kriegsschiffen erinnerten. Noch imposanter trat nur der extrem breit bauende Dreadnought Speedster auf, dessen Name sich direkt von den damals modernsten, schwer gepanzerten Schlachtschiffen der Epoche ableitete.

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