Der lange Anlauf der E-Autos

Zukunftsvision oder Vergangenheit?

| Autor: dpa

Der elektrische Stadtlieferwagen Hawa EM3 hatte 1922 bereits eine Reichweite von 70 bis 100 Kilometern.
Der elektrische Stadtlieferwagen Hawa EM3 hatte 1922 bereits eine Reichweite von 70 bis 100 Kilometern. (Bild: gemeinfrei)

Zahllose Autos auf den Straßen, sie beschleunigen, statt dröhnender Motoren hört man nichts. Elektroautos machen fast 40 Prozent des automobilen Verkehrs allein in New York aus, keine stinkenden Abgase, keine Dieselfahrverbote. Anderswo ist es ähnlich, die Elektroautos haben sich offensichtlich durchgesetzt – trotz aller Hindernisse etwa beim vergleichsweise mühsamen Laden. Doch eine Zukunftsvision ist das nicht. So war es vor knapp 100 Jahren. Bis die Verbrenner aufholten.

Eines dieser historischen E-Autos ist der Hawa EM3 von 1922. Der Stadtlieferwagen war mit schweren Blei-Akkus ausgestattet und schaffte eine Reichweite von 70 bis 100 Kilometern. Eine solche Strecke vor so langer Zeit? Tatsächlich keine Seltenheit. Und schon damals war Reichweite das Zauberwort. Etwas, woran die frühen E-Autos letztlich scheiterten, und was auch heute Sorgen bereitet.

Elektroantrieb: Zeitreise durch 135 Jahre Automobilgeschichte

Wagen mit Seltenheitswert

Für den Hawa genügte die geringe Reichweite allemal. Nur noch zwei Exemplare des betagten E-Oldtimers existieren, sie wurden lediglich zwischen 1921 und 1923 gebaut: Einer steht heute im Historischen Museum in Hannover, der andere gehört dem Stromanbieter BS-Energy in Braunschweig – und wird in Bockenem-Störy bei Hildesheim von Schraubern der Hanomag-Interessengemeinschaft auf Vordermann gebracht. Vorher diente er jahrelang als Theaterkulisse. Doch manche Autos schafften schon damals deutlich über 100 Kilometer, bei Testfahrten war noch wesentlich mehr drin.

In Störy hat der kleine E-Hawa jedenfalls Seltenheitswert. Der Verein ist spezialisiert auf Fahrzeuge und Maschinen von Hanomag – vom Auto bis zum Radlader. Seit 20 Jahren haben die Schrauber ihre Halle und der Boden ist gewissermaßen historisch: 38.000 Steine aus dem früheren Hanomag-Werk in Hannover wurden verlegt.

Hawa – ebenfalls mit Sitz in Hannover und aus dem Waggonbau kommend – ist besonders interessant, meint Vereinsvorstand Horst-Dieter Görg. Schon 1931 verschwand die Firma vom Markt. Seinen ersten Hawa kaufte Görg von einem Sammler aus Australien. Heute steht das Zweisitzer-Cabrio im Museum.

Bei Tempo 30 ist Schluss

Der kleine Transporter von BS-Energy dagegen, ein 40-Volt-Wagen mit 1,6 PS und Kettenantrieb, steht bei den Schraubern. Unter der noch fehlenden Fronthaube ist es eng, darunter stecken 20 Batteriezellen für den Fahrbetrieb und eine 6-Volt-Batterie für die Beleuchtung.

Der Wagen habe kein Getriebe, aber drei Gänge, erklärt Görg: Über einen Walzenschalter bekommt der Motor erst die halbe, dann drei Viertel und schließlich die volle Energie. Bei Tempo 30 ist Schluss.

Das Gussgehäuse für den Schalter musste ersetzt werden, wie der 60 Jahre alte Volks- und Betriebswirt erzählt. Die Ladezeit mit einem modernen Ladegerät sei benutzerfreundlich, nur zwei Stunden, sagt Elektriker Reinhard Koch. Bald steht die erste Ausfahrt bevor – anders als beim Verbrenner nicht laut brummend, sondern leise summend.

Bequemlichkeit als Ausschlag für Verbrenner

Vor 100 Jahren war die automobile Welt noch eine andere. E-Fahrzeuge wurden als überlegen angesehen, wie Branchenexperte Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, erklärt. Erst die Möglichkeit, auf längeren Strecken unterwegs zu sein, brachte den Ausschlag für die Verbrenner – und die Bequemlichkeit: Denn mit dem elektrischen Anlasser für Autos mit Verbrennungsmotor entfiel das lästige Kurbeln. Entscheidend damals wie heute seien Reichweite, Ladeinfrastruktur und Preise.

Für Alexander Kloss vom Automuseum PS-Speicher im niedersächsischen Einbeck war die Blütezeit der frühen E-Autos etwa von 1915 bis 1920. Mit einem Wagen aus dem Jahr 1915 der amerikanischen Marke Detroit Electric sei ein Team des PS-Speichers im vergangenen Jahr von Einbeck nach Hildesheim und zurück gefahren. Das entspreche einer Strecke von etwa 100 Kilometern. „Heute schafft man das auch mit dem E-Up. An den Reichweiten hat sich nicht so viel geändert“, sagt Kloss. Und die Probleme damals ähnelten den heutigen – wenige Lademöglichkeiten außerhalb der Städte.

Kommentare werden geladen....

Ihr Kommentar zum Thema

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46346890 / Neuwagen)

Plus-Fachartikel

Mercedes-Benz: Frischer Retail-Auftritt

Mercedes-Benz: Frischer Retail-Auftritt

Die neuen Autohäuser von Mercedes-Benz können sich sehen lassen. Vieles wird digitaler, der Kontakt zu den Kunden soll noch persönlicher, „proaktiver“ werden. Am zuweilen kritisierten Konzept der „Empfangsdame“ dagegen will man noch arbeiten. lesen

Autobanken: In schwierigem Fahrwasser

Autobanken: In schwierigem Fahrwasser

Das Geschäftsjahr 2019 war für Banken und vor allem für Autobanken sehr erfolgreich. Mit der Coronakrise hat sich das geändert. Die notwendige Risikovorsorge lässt die Gewinne abschmelzen. lesen